Zum 7.9. plante die NSDAP eine Werbefahrt auf Lastwagen durch
Hamburg. Was den Kommunisten genehmigt wurde, wurde uns abgeschlagen.
Der Polizeipräsident war nicht bereit, Aufmärsche im
Braunhemd zuzulassen, obwohl das Tragen der Uniform nicht verboten
war. In einem Gespräch in unserer Geschäftsstelle in
der Grossen Bleichen erzählte mir Brigadeführer Ellerhusen
davon und meinte, eine Umfahrt in Zivil lohne sich nicht; er habe
sich daher entschlossen, den Marsch zu Fuß in aufgelöster
Ordnung zu unternehmen.
Überrascht fragte ich: "Mit der ganzen Brigade?.
Dann wies ich darauf hin, daß ich am kommenden Abend einen
solchen Marsch unternähme und forderte ihn auf, ihn sich
anzusehen. [...]
Mittags traten wir in der Hammerstraße gleich hinter dem
S-Bahnhof Wandsbeker Chaussee an. Um 2 Uhr setzte sich die SA
in Marsch. Wie ein langer, unübersehbarer Bandwurm zogen
die Braunhemden rechts und links auf den Bürgersteigen dahin.
Meifert hatte die Spitze, dann folgte Stäublin, den Schluß
bildete meine Standarte, zuerst der Sturm 50 und zu allerletzt
der Sturm 2.
So ging es unaufhaltsam und ohne Zwischenfall die Wandsbeker Chaussee
entlang, durch die Lübeckerstraße, den Steindamm und
dann in die Mönckebergerstraße. Von dort bogen wir
rechts ein, die Bergstraße hinab und über den Jungfernstieg.
Da wir nicht angemeldet waren, begleitete uns auch keine Polizei.
Auf dem Jungferstieg verständigte ich Sturmführer Trzebiatowsky,
daß ich vorfahren wolle, um zu erfahren, was vorne geplant
sei.
Wie bei all meinen Unternehmungen in aufgelöster Ordnung
war ich auch dieses Mal motorisiert. Ich saß auf dem Motorrad
des Parteigenossen Häfker, einem alten Soldaten und Schlagetermann,
dem späteren Kreisleiter von St. Pauli. Am Gänsemarkt
angekommen, wandte sich der Marschzug in die Hohen Bleichen. Dort
traf ich Ellerhusen an der Spitze.
Hier erfuhr ich, daß Ellerhusen nur bis zur Mönckebergerstraße
geplant hatte. Er war davon ausgegangen, daß uns die Polizei
auf jeden Fall längst vorher auseinandertreiben würde.
Das hatte sie aber nicht getan. Und nun wußte keiner, wohin
es weiter gehen sollte. Ich fragte ihn, wohin es denn nun gehen
sollte. Ellerhusen sagte: zu Wagner in die Gabelsbergerstraße,
dem Lokal von Sturm 2.
Da er die Straßen hier nicht gut kannte, mußte ich
die Spitze übernehmen und den Weg weisen. Da wir bislang
weit und breit keiner anderen Partei begegnet waren, erschien
uns allen das letzte Stück des Unternehmens durchaus harmlos.
Trotzdem war ich vorsichtig. Wir überquerten den Karl-Muck-Platz,
und ich wählte dann die Marktstraße. [...] Als ich
gegen 4 Uhr mit der Spitze die Hochbahnbrücke Feldstraße
überquerte, stieß ich auf ein starkes Polizeiaufgebot
und sah dahinter in der Sternstraße die Kommune mit einer
langen Wagenkolonne abfahrbereit versammelt. Ich stockte, was
war zu tun?
Jetzt rächte sich die fehlende Aufklärung. Wir waren
unmittelbar auf den Gegner geplatzt! Kehrt machen konnte ich mit
dem nachdrängenden ungeordneten Haufen nicht. Da die Polizei
abriegelte, durfte ich annehmen, daß wir ohne Zwischenfall
über den Neuen Pferdemarkt und die Schanzenstraße vorbei
ziehen könnten. Uns blieb auch keine andere Wahl, weil die
gegenüberliegende Seite des Platzes bereits preußisch
war, wo wir uns im dort verbotenen Braunhemd nicht hinbegeben
durften, ohne uns strafbar zu machen. [...]
Ich ließ die ganze Brigade an mir vorbeiziehen. Als die
Nachhut kam, setzte ich Trzebiatowsky rasch ins Bild und ermahnte
ihn, die Männer eng zusammen zu halten und in möglichst
beschleunigter Gangart den Anschluß zu halten. Dann fuhr
ich wieder nach vorne. Ich stellte fest, daß die Polizei
alle kleinen Terrassen zwischen der Sternschanze und dem Neuen
Pferdemarkt ebenfalls abgeriegelt hatte. Ebenso war der Ausgang
der Lagerstraße zur Schanzenstraße abgesperrt. Die
Spitze erreichte ich in der Schanzenstraße. Sie war schon
an der Kommune vorbei. Ich atmete auf.
Inzwischen war ein kommunistischer Motorradfahrer mit wehender
roter Fahne aus der Lagerstraße heraus in die Schanzenstraße
Richtung Pferdemarkt eingebogen und mitten unter die SA gefahren.
Die Fahne wurde ihm entrissen, der Fahrer stürzte mit dem
Rad. Da ich selbst das nicht gesehen habe, bleibt es mir unverständlich,
daß die Polizei diese offensichtliche Provokation zugelassen
hat.
Dieser bedauerliche Vorfall gab das Signal für einen umfassenden
Angriff der Kommune gegen die SA. Wieso und warum die Polizei
ihre Absperrung nicht aufrecht erhielt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Sie hatte es in der Hand, alles Folgende zu verhindern. Statt
dessen ging auch sie gegen die SA vor, verhaftete eine ganze Anzahl
der sich gegen die Kommunisten Wehrenden und fuhr sie mit dem
Peterwagen in Richtung Schlump ab.
Die roten Lastwagen kamen nun vom Neuen Pferdemarkt her, die Besatzung
sprang ab und verstärkte den Angriff entlang der Schanzenstraße.
Sie fuhren auch über Schulterblatt auf preußischem
Gebiet und drangen durch die Susannenstraße vor, um uns
im Rücken zu fassen.
Hier, Ecke Susannenstraße und Schanzenstraße, fiel
der stellvertretende Truppenführer Heinrich Dreckmann vom
Sturm 50 unter den Messerstichen von Rotfront.
Statt nun Gelände zu gewinnen, verbiß sich die SA in
eine aussichtlose Abwehr. Ich besorgte sehr, die Roten möchten
uns über Schulterblatt und Altonaerstraße gänzlich
einschließen. Hier drohte der Brigade eine nicht auszumalende
Gefahr. Mehrfach fuhr ich die einmündenden Straßen
ab. Zum Glück ist der Rotfrontkämpferbund auf diesen
naheliegenden taktischen Gedanken nicht gekommen. Zwischendurch
bemühte ich mich immer wieder vergeblich, die zusammengeballte
Masse von SA und Zivilisten zum Weitermarsch zu bewegen, damit
auch die Nachhut sich aus der Umklammerung lösen könnte.
Alles war völlig durcheinander geraten, kein Führer
hatte seine Leute, keine Leute ihre Führer, dazwischen Parteigenossen,
Frauen und Passanten. Niemand hörte mehr auf Befehle. Die
Truppe war der Führung, soweit eine solche überhaupt
noch da war, vollständig entglitten.
Plötzlich kam ein Ruck in die Masse. Die Kommune hatte zum
Sturm angesetzt. Viele SA-Leute flüchteten in den Sternschanzenbahnhof,
der Rest der Brigade flutete an mir vorbei, hinein in die Weidenallee!
Und dann kam die Kommune, die Fahnen zusammengerollt und wie Lanzen
eingelegt. Da erst Schritt die Polizei ein.
Am Eingang des Kleinen Schäferkamp hatten sich einige wenige
meiner SA-Leute eingefunden. Ich schickte sie über die Schäferkampsallee
zum Sturmlokal. [...] So verließ ich als Letzter den Schauplatz
und fuhr in die naheliegende Gabelsbergerstraße. Dort hatten
sich die Reste zusammengefunden. Dr. Lochmann war schon dabei,
verschiedene Messerstichwunden zu verklammern. Glücklicherweise
waren sie nicht gefährlicher Art. Aber der mehr und mehr
zur Gewißheit werdende Verlust unseres braven, allseitig
beliebten Dreckmann drückte die Stimmung sehr herab. Dazu
nach all den erfolgreichen Märschen der Standarte diese verlorene
Schlacht! Den folgenden Tag verbot auch Hamburg das Tragen der
SA-Uniformen. Rotfront geschah nichts.