Erlebnisbericht des SA-Sturmführers Conn
aus Hamburg:

(DHM-Bestand)
   Sturmabteilung
Roter Frontkämpferbund


Die Schlacht an der Sternschanze 7.9.1930


Zum 7.9. plante die NSDAP eine Werbefahrt auf Lastwagen durch Hamburg. Was den Kommunisten genehmigt wurde, wurde uns abgeschlagen. Der Polizeipräsident war nicht bereit, Aufmärsche im Braunhemd zuzulassen, obwohl das Tragen der Uniform nicht verboten war. In einem Gespräch in unserer Geschäftsstelle in der Grossen Bleichen erzählte mir Brigadeführer Ellerhusen davon und meinte, eine Umfahrt in Zivil lohne sich nicht; er habe sich daher entschlossen, den Marsch zu Fuß in aufgelöster Ordnung zu unternehmen.

Überrascht fragte ich: "Mit der ganzen Brigade?”. Dann wies ich darauf hin, daß ich am kommenden Abend einen solchen Marsch unternähme und forderte ihn auf, ihn sich anzusehen. [...]

Mittags traten wir in der Hammerstraße gleich hinter dem S-Bahnhof Wandsbeker Chaussee an. Um 2 Uhr setzte sich die SA in Marsch. Wie ein langer, unübersehbarer Bandwurm zogen die Braunhemden rechts und links auf den Bürgersteigen dahin. Meifert hatte die Spitze, dann folgte Stäublin, den Schluß bildete meine Standarte, zuerst der Sturm 50 und zu allerletzt der Sturm 2.

So ging es unaufhaltsam und ohne Zwischenfall die Wandsbeker Chaussee entlang, durch die Lübeckerstraße, den Steindamm und dann in die Mönckebergerstraße. Von dort bogen wir rechts ein, die Bergstraße hinab und über den Jungfernstieg. Da wir nicht angemeldet waren, begleitete uns auch keine Polizei. Auf dem Jungferstieg verständigte ich Sturmführer Trzebiatowsky, daß ich vorfahren wolle, um zu erfahren, was vorne geplant sei.

Wie bei all meinen Unternehmungen in aufgelöster Ordnung war ich auch dieses Mal motorisiert. Ich saß auf dem Motorrad des Parteigenossen Häfker, einem alten Soldaten und Schlagetermann, dem späteren Kreisleiter von St. Pauli. Am Gänsemarkt angekommen, wandte sich der Marschzug in die Hohen Bleichen. Dort traf ich Ellerhusen an der Spitze.

Hier erfuhr ich, daß Ellerhusen nur bis zur Mönckebergerstraße geplant hatte. Er war davon ausgegangen, daß uns die Polizei auf jeden Fall längst vorher auseinandertreiben würde. Das hatte sie aber nicht getan. Und nun wußte keiner, wohin es weiter gehen sollte. Ich fragte ihn, wohin es denn nun gehen sollte. Ellerhusen sagte: zu Wagner in die Gabelsbergerstraße, dem Lokal von Sturm 2.

Da er die Straßen hier nicht gut kannte, mußte ich die Spitze übernehmen und den Weg weisen. Da wir bislang weit und breit keiner anderen Partei begegnet waren, erschien uns allen das letzte Stück des Unternehmens durchaus harmlos. Trotzdem war ich vorsichtig. Wir überquerten den Karl-Muck-Platz, und ich wählte dann die Marktstraße. [...] Als ich gegen 4 Uhr mit der Spitze die Hochbahnbrücke Feldstraße überquerte, stieß ich auf ein starkes Polizeiaufgebot und sah dahinter in der Sternstraße die Kommune mit einer langen Wagenkolonne abfahrbereit versammelt. Ich stockte, was war zu tun?

Jetzt rächte sich die fehlende Aufklärung. Wir waren unmittelbar auf den Gegner geplatzt! Kehrt machen konnte ich mit dem nachdrängenden ungeordneten Haufen nicht. Da die Polizei abriegelte, durfte ich annehmen, daß wir ohne Zwischenfall über den Neuen Pferdemarkt und die Schanzenstraße vorbei ziehen könnten. Uns blieb auch keine andere Wahl, weil die gegenüberliegende Seite des Platzes bereits preußisch war, wo wir uns im dort verbotenen Braunhemd nicht hinbegeben durften, ohne uns strafbar zu machen. [...]

Ich ließ die ganze Brigade an mir vorbeiziehen. Als die Nachhut kam, setzte ich Trzebiatowsky rasch ins Bild und ermahnte ihn, die Männer eng zusammen zu halten und in möglichst beschleunigter Gangart den Anschluß zu halten. Dann fuhr ich wieder nach vorne. Ich stellte fest, daß die Polizei alle kleinen Terrassen zwischen der Sternschanze und dem Neuen Pferdemarkt ebenfalls abgeriegelt hatte. Ebenso war der Ausgang der Lagerstraße zur Schanzenstraße abgesperrt. Die Spitze erreichte ich in der Schanzenstraße. Sie war schon an der Kommune vorbei. Ich atmete auf.

Inzwischen war ein kommunistischer Motorradfahrer mit wehender roter Fahne aus der Lagerstraße heraus in die Schanzenstraße Richtung Pferdemarkt eingebogen und mitten unter die SA gefahren. Die Fahne wurde ihm entrissen, der Fahrer stürzte mit dem Rad. Da ich selbst das nicht gesehen habe, bleibt es mir unverständlich, daß die Polizei diese offensichtliche Provokation zugelassen hat.

Dieser bedauerliche Vorfall gab das Signal für einen umfassenden Angriff der Kommune gegen die SA. Wieso und warum die Polizei ihre Absperrung nicht aufrecht erhielt, vermag ich nicht zu beurteilen. Sie hatte es in der Hand, alles Folgende zu verhindern. Statt dessen ging auch sie gegen die SA vor, verhaftete eine ganze Anzahl der sich gegen die Kommunisten Wehrenden und fuhr sie mit dem Peterwagen in Richtung Schlump ab.

Die roten Lastwagen kamen nun vom Neuen Pferdemarkt her, die Besatzung sprang ab und verstärkte den Angriff entlang der Schanzenstraße. Sie fuhren auch über Schulterblatt auf preußischem Gebiet und drangen durch die Susannenstraße vor, um uns im Rücken zu fassen.

Hier, Ecke Susannenstraße und Schanzenstraße, fiel der stellvertretende Truppenführer Heinrich Dreckmann vom Sturm 50 unter den Messerstichen von Rotfront.

Statt nun Gelände zu gewinnen, verbiß sich die SA in eine aussichtlose Abwehr. Ich besorgte sehr, die Roten möchten uns über Schulterblatt und Altonaerstraße gänzlich einschließen. Hier drohte der Brigade eine nicht auszumalende Gefahr. Mehrfach fuhr ich die einmündenden Straßen ab. Zum Glück ist der Rotfrontkämpferbund auf diesen naheliegenden taktischen Gedanken nicht gekommen. Zwischendurch bemühte ich mich immer wieder vergeblich, die zusammengeballte Masse von SA und Zivilisten zum Weitermarsch zu bewegen, damit auch die Nachhut sich aus der Umklammerung lösen könnte. Alles war völlig durcheinander geraten, kein Führer hatte seine Leute, keine Leute ihre Führer, dazwischen Parteigenossen, Frauen und Passanten. Niemand hörte mehr auf Befehle. Die Truppe war der Führung, soweit eine solche überhaupt noch da war, vollständig entglitten.

Plötzlich kam ein Ruck in die Masse. Die Kommune hatte zum Sturm angesetzt. Viele SA-Leute flüchteten in den Sternschanzenbahnhof, der Rest der Brigade flutete an mir vorbei, hinein in die Weidenallee! Und dann kam die Kommune, die Fahnen zusammengerollt und wie Lanzen eingelegt. Da erst Schritt die Polizei ein.

Am Eingang des Kleinen Schäferkamp hatten sich einige wenige meiner SA-Leute eingefunden. Ich schickte sie über die Schäferkampsallee zum Sturmlokal. [...] So verließ ich als Letzter den Schauplatz und fuhr in die naheliegende Gabelsbergerstraße. Dort hatten sich die Reste zusammengefunden. Dr. Lochmann war schon dabei, verschiedene Messerstichwunden zu verklammern. Glücklicherweise waren sie nicht gefährlicher Art. Aber der mehr und mehr zur Gewißheit werdende Verlust unseres braven, allseitig beliebten Dreckmann drückte die Stimmung sehr herab. Dazu nach all den erfolgreichen Märschen der Standarte diese verlorene Schlacht! Den folgenden Tag verbot auch Hamburg das Tragen der SA-Uniformen. Rotfront geschah nichts.

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