Joseph Goebbels sprach in den Tosca-Sälen in Ottensen, Holländische
Reihe. Der Saal war gerammelt voll. Als Goebbels zu reden begann,
klärte sich die Lage schnell. Die Kommune war stark vertreten
und sparte nicht mit Zwischenrufen. Es konnte nicht zweifelhaft
sein, was hier geplant war. Der Saal hatte eine Tonbank, und an
dieser Tonbank sah ich André sitzen- André war ein
belgischer Jude, im Kriege Lektor bei der Militärverwaltung
Belgien und dann 1918 mit den deutschen Truppen nach Deutschland
und Hamburg gekommen. Groß und schlank, mit ausgesprochen
fremdländischem Typus war er der Führer des Hamburger
Rotfrontkämpferbundes. Mir war er aus meiner Parteitätigkeit
in der NSDAP 1924 bekannt, wo ich mich mehrmals mit ihm besonders
über Erwerbslosenfragen auseinandergesetzt hatte.
Ich machte Ellerhusen auf ihn aufmerksam, dem er noch unbekannt
war. Er teilte einige Leute ein, die sich seiner vergewissern
sollten, falls die Kommune losschlagen würde. Aber es ging
eine ganze Zeit gut. Schlagfertig parierte Goebbels die Zwischenrufe,
die von allen Seiten hagelten.
Als die Geduld der Rotfrontkämpfer erschöpft war, gingen
sie anders zu Werke. Einer stand auf und schrie ohne Aufhören
dazwischen, sinnlose Beleidigungen, die herausfordern sollten.
Bei seinen Genossen fand er einen tosenden Beifall.
Da forderten ihn einige SA-Leute zum Verlassen des Saales auf,
woraufhin sich auf der Gegenseite ein johlendes Pfui erhob. Der
Provokateur rührte sich nicht vom Fleck und schrie unentwegt
in den Saal hinein. Da faßten die SA-Leute ihn an, um ihn
gewaltsam zu entfernen.
Das war für die Kommune das Signal zum Losschlagen. Im nu
war der Saal wie ein brodelnder Kessel. Die SA, damals noch im
Zivil, warf sich mit einem solchen rücksichtslosen Schwung
in das Handgemenge, daß der Saal im Umsehen gesäubert
war. Zerschlagen und mit blutigen Köpfen suchte die Kommune
durch die Ausgänge zu entweichen. [...] Aus den Ecken wurden
noch einige Kommunisten geholt, die den Ausgang hatten nicht so
schnell finden können. Die Verletzten wurden verbunden, die
Versammlung geschlossen.
Was die Kommunisten drinnen der geschlossenen SA gegenüber
nicht erreichen konnten, das hoffte sie draußen auf dunkler
Straße einzelnen nach Hause gehenden Parteigenossen gegenüber
heimzahlen zu können. Vor dem Versammlungseingang empörte
sich eine im Dunkeln unübersehbare Masse gegen die Niederlage,
die ihr die versuchte Sprengung eingebracht hatte.
Die Polizei hielt uns darum im stark demolierten Saale fest, bis
genügend Verstärkung herangezogen war. Dann traten alle
Versammlungsteilnehmer zur festgeschlossenen Marschkolonne an
und zogen, begleitet von zahlreicher Polizei, ohne weiteren Zwischenfall
zum Altonaer Bahnhof. Im Bewußtsein unseres unvermutet schnellen
und durchschlagenden Sieges ließen uns die aus dem Dunkel
der Nacht zu uns dringenden Schmährufe kalt Seit diesem Abend
sah die Kommune in uns einen sehr ernst zu nehmenden Gegner. Und
unsere vor Wochen frisch zusammengestellte SA hatte mit diesem
ersten vollständigen Siege über einen sehr viel stärkeren
und gefährlichen Feind das notwendige feste Gefüge erhalten.
Es war für uns alle ein langanhaltendes Erlebnis.