In das Jahr 1929 fiel die Aufführung des Theaterstücks
"Die Verbrecher im Deutschen Schauspielhaus. Es handelt
von Begebenheiten in homosexuellen Kreisen, und im Kampf gegen
Schund und Schmutz hatte die NSDAP die Vorstellungen immer wieder
gesprengt. Sie wollte damit zum Ausdruck bringen, daß sie
mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln gewillt ist,
gegen alle Tendenzen aufzutreten, die Sittlichkeit und Familie
zu untergraben drohten. Die Polizei tat alles Erdenkliche, diese
Störungen zu verhindern, und so wurde das ganze zu einem
Prestigefall zwischen Partei und Polizei.
Als Letztere glaubte, bereits die Oberhand zu haben, trat Hüttmann
an mich heran, und ich sagte zu. Jemand erbot sich, Stinkstoff
in Ampullen zu verlöten und uns zu liefern. Hüttmann
stellte drei Karten erster Rang, erste Reihe, Mitte rechts zur
Verfügung. Ich zog Trzebistowsky und noch einen SA-Mann hinzu.
Ein mir unbekannter junger Parteigenosse wollte sich anschließen.
Da keine Karte für ihn vorhanden war, löste er sich
eine für den höchsten Rang. Er hatte eine einfache Kette
von Knallkörpern mitgebracht. Es war verabredet worden, daß
er beginnen und die Aufmerksamkeit von uns ablenken sollte.
Da wir einen sehr guten Platz hatten, zog ich einen Smoking an,
kaufte mir ein Berliner Tageblatt und erschien als erster von
uns Dreien. Ich setzte mich auf den rechten Sitz. Jeder kam für
sich und kannte die beiden anderen nicht. Trzebistowsky sollte
in der Mitte, durch uns abgeschirmt, Platz nehmen. Er hatte die
Ampullen.
Ich als der zuerst erschienende zog meine Zeitung hervor und begann
zu lesen. Rechts von mir saß ein Jude. Als er meine jüdische
Lektüre wahrnahm, faßte er Zutrauen und sprach mich
an. Ich blieb freundlich reserviert, bezweifelte seine Mutmaßung
einer zu erwartenden Störung, verwies auf die bereitstehenden
Polizeikräfte und widmete mich wieder meiner Zeitung.
Inzwischen waren auch die beiden anderen erschienen. Und dann
begann das Stück. Der erste Akt ging vorbei, ohne daß
oben auf der Galerie das vereinbarte Signal ertönte. Ich
sagte meinem Nachbarn zur Rechten: "Sehen Sie, nichts geschieht.
Er aber zuckte die Achseln und meinte: "Man kann noch nicht
wissen.
Der zweite Akt begann. Trzebiatowsky hatte die Ampullen in der
Hand. Sie hielten wohl nicht ganz dicht. In der Hand warm geworden
begannen sie, unangenehm zu duften. Ich stieß Trzebiatowsky
an, er solle sie ins Parkett fallen lassen. Er aber konnte sich
nicht so schnell entschließen. Ich stieß ihn wieder
an. Schließlich - klagg - schlugen sie unten auf und verursachten
sofort einen gewaltigen Tumult. Das Licht ging an. Wohl bald eine
ganze Polizeikompanie stürzte aus allen Türen in den
Theaterraum. [...]
In den Tumult waren auch oben auf der Galerie die Knallkörper
losgegangen. Unten im Parkett wurde inzwischen aus vielen Spritzen
Kölnisch-Wasser versprüht, um den bestialischen Gestank
zu überdecken. Dann wurde das Stück zu Ende gespielt.