Erlebnisbericht von Ewald Riemann (* 1900)
aus Berlin:

(DHM-Bestand)
   I. Weltkrieg


Munitionsarbeiterstreik in Berlin im Januar 1918

In der Silvesternacht 1918 verteilten wir von der USPD vom Treff Spandauer-Bock in der Tauroggener-, in der Beusselstraße und in der Turmstraße in Moabit 2000 Flugblätter: "Schluß mit dem Völkermorden", "Schluß mit dem Krieg". Es gelang uns trotz der Verfolgung durch die Polizei, uns einzeln nach Spandau mit der Straßenbahn und den damaligen Dampfzügen zu retten, ohne erwischt zu werden.

Auf dem Tiefwerder wohnten 2 Kriegerwitwen, die auf der Pulverfabrik arbeiten mußten aber zu uns standen und bereit waren, Flugblätter in die Pulverfabrik einzuschleusen. Durch diese Beiden gelang es mir, 500 Flugblätter am Morgen des Generalstreiks in die Pulvermühle herein zu bekommen.

Mitte Januar beim Generalstreik, bei dem in die Geschichte eingegangenen Spandauer-Munitionsarbeiterstreik, war ich geheim wiederum Mitglied der Streikleitung und führte mehrere Streiklisten an geheimer Stelle. Nur an bestimmten Zeiten mußte ich mit meinen Listen von einer Kneipe zur anderen rochieren, um den Spitzeln zu entgehen. Wir hatten fast überall unsere Geheimkuriere in Tätigkeit, so daß es in Spandau klappte, bis eben zum Rückzug geblasen werden mußte, da andere Städte und vor allen Dingen die Fronten nicht folgten.

Hier im Januar 1918 spielten bei den Demonstrationen die Frauen von den Pulverfabriken, von der Pulvermühle eine sehr große Rolle. Diese Frauen, die mit ihren von dem Pulver gelb und grün gefärbten Gesichtern, Haaren und vor allen Dingen Händen, dazu die abgeschlissene vom Pulver an- und zerfressene, erbärmliche Kleidung, beeindruckte auch den hartgesottensten Bürger, speziell alle Frauen, die die Gruppen von der Pulverfabrik bei den Demonstrationen vorüberziehen sahen. Ja, die ersten Polizisten in der Havelstraße steckten ihre Säbel weg und liefen auf den Straßendämmen beflissen nebenher, ließen sogar Fuhrwerke halten und solange nicht weiter, bis der gesammte Demonstrationszug die Havelstraße passiert und in die Potsdamerstraße eingebogen war.

Ich hatte als Geheimkurier die Aufgabe, darüber zu wachen, wer verhaftet wird und was für Spitzel auftreten und am Werk seien, also die verkappten Feinde in Spandau ausfindig zu machen. Am Rathausvorplatz erhielt ich dann die Weisung, mich zur Brückenstraße zu einem unserer geheimen Tagungsorte zu begeben, zur Einteilung der Streikposten.

Ich glaube, diese Angaben zu den Frauen wären noch wichtig, damit unsere Frauen erkennen, daß damals in dem Ernst der Stunde auch die Frauen ihren Mann gestanden haben und daß die Angaben "Kohlrübenstreik", "Hungerstreik" in Spandau nicht die große Bedeutung hatten, wie manche es heute hinzustellen pflegen. Unsere Flugblätter "Nieder mit dem Krieg" waren von den Frauen der Pulvermühlen gelesen und sehr gut verstanden worden.

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