Mein Mann war im Krieg als Flugzeugführer an der Erprobungsstelle
Rechlin, Erst zwischen Weihnachten und Sylvester 1944 waren wir
mit unsern beiden Kindern, Helga 2 Jahre, Inga 1/2 Jahre, nach
abenteuerlicher Reise von Wiesbaden her dort angekommen. Kaum
hatten wir uns einigermaßen eingerichtet in der Hälfte
eines Doppelhauses mit 4 Zimmern und Zubehör, wurde uns schon
von Freunden gesagt, daß wir mit Flucht vor den Russen rechnen
müßten. Evakuierung wurde nicht angeordnet, aber Nacht
für Nacht reisten Einwohner ab.
Am 20. April bekam mein Mann den Befehl, einen Hubschrauber nach
Salzburg zu überführen. Damit ich nicht allein mit den
Kindern blieb, zog Frau Knapp, auch mit 2 Kindern im gleichen
Alter, zu mir. Wir verstanden uns gut, ein Bekannter von der E-Stelle
hielt uns leidlich auf dem Laufenden über den Kriegsschauplatz.
Als die Russen schon sehr nah waren, erfuhren wir von einer Fahrgelegenheit
der E-Stelle nach Travemünde, wo wir zuvor gewohnt hatten.
Der Müritzzug bestand aus mehreren Wohnwagen, mehr Bürowagen,
mit Zugmaschine. Am Sonntag Abend d. 29. April ging die Fahrt
los, eine Zugmaschine mit 3 Anhängern. Frau Knapp und ich
kamen in den Kommandowagen, wo wir gut Platz hatten. Unsere Kinderwagen
wurden außen auf den Kupplungsdeichseln befestigt, außerdem
hatte ich einen Faltbootrucksack und einen normalen Rucksack als
Gepäck. Wir konnten die Kinder hinlegen und waren selbst
so erschöpft, daß wir bald schliefen.
Es ging nur sehr langsam vorwärts, die Straßen waren
verstopft. Gegen Morgen gab es einen furchtbaren Ruck,
wir wachten auf, ich lag halb über meinen Kindern. Der Wagen
stand vollkommen schief infolge einer Reifenpanne. Alle Insassen
mußten aussteigen und wurden auf die beiden anderen Wagen
verteilt. Da sie sehr voll waren, mußten Frau Knapp und
ich uns trennen. Gegen Mittag wollte ich meine Kinder füttern.
Kaum hatte ich begonnen, hielt der Zug plötzlich, Tiefflieger!
Alle stürzten raus, es knallte und brummte, ich warf mich
über meine Kinder, die furchtbar schrien. Ich konnte allein
mit den Kindern nicht raus, hielt es auch für zu spät
und gefährlich. Schließlich entstand eine Pause, ich
stand auf und sah an der Wagentür eine große Rauchwolke,
und einige Männer hingen schon den brennenden Wagen ab und
rollten ihn ein Stück fort.
Die Gefahr schien noch nicht vorbei, ein Mädel half mir mit
meinen Kindern raus an eine Hecke in der Nähe. Dort sah ich
plötzlich Frau Knapp mit blutigem Gesicht, Sie hatte eine
Splitterverletzung im Rücken, wohl bis in die Lunge, sie
hatte stark aus dem Mund geblutet. Sie war unfähig gewesen,
die Kinder aus dem brennenden Wagen raus zu bringen, sie selbst
hatte es noch irgendwie geschafft, hatte die Kinder schreien hören,
unvorstellbar! Ringsum sah es furchtbar aus, tote Pferde, brennende
Wagen, hilflose, teils verwundete Menschen. Auch unsere Zugmaschine
war kaputt.
Wir gingen schließlich zurück zu unserm heilen Wagen,
ich konnte Ingalein in Frau Knapps verwaisten Kinderwagen legen,
eine schreckliche Situation. Ich wollte Frau Knapp wenigstens
auf die Matratzen im Wagen betten, was auch gelang. Mein Gepäck
mit Eßsachen war noch da, Frau Knapps Sachen waren verbrannt.
Das Wetter war regnerisch und kalt, uns war es egal, ob es im
Wagen gefährlich war. Wie lange es dauerte bis eine neue
Zugmaschine kam, weiß ich nicht, wir kamen am Nachmittag
nach Criwitz und brachten unsere Verwundeten dort in ein Lazarett.
Mit einer Wehrmachtshelferin brachten wir auch Frau Knapp dort
in einen Saal, wo wir sie wenigstens etwas waschen konnten. Es
war aber so überfüllt, daß wir Frau Knapp weiter
mitnahmen.
Schon am Ortsausgang kamen wieder Tiefflieger, die wir im Wagen
unversehrt überstanden. Die Weiterfahrt wurde auf den Abend
verschoben. Ich konnte in den umliegenden Häusern für
meine Kinder Brei kochen. Als es dämmrig wurde, holte uns
ein PKW aus Rechlin ein mit unserm Fahrleiter. Sie nahmen Frau
Knapp im VW mit nach Schwerin ins Lazarett. Ziemlich spät
ging es endlich weiter, sehr beengt in dem Wagen. Helgalein lag
auf einer Sportkarre, Ingalein auf einer Metallkiste. Nach etlichen
Aufenthalten und Aussteigen kamen wir am Dienstag Mittag gegen
13 Uhr in Travemünde an. Mir kamen die Tränen, als ich
den Kirchturm sah.
Ich zog mit meinen Kindern zu Bekannten auf dem Priwall und traf
auf der Fähre gleich noch einen Bekannten, der mir meinen
zunächst zurück gelassenen Faltbootrucksack transportierte.
Ich wurde rührend empfangen, mußte nach kurzer Zeit
noch mal umziehen, da wegen der bevorstehenden Niederkunft von
Frau Fischer kein Platz war.
Die Engländer kamen am 2. Mai, damit waren wir einige Tage
auf dem Priwall abgeschlossen. Soldaten kamen ins Haus, um ihre
letzten Eßvorräte zu verbrauchen, es wurde sogar ein
Schwein geschlachtet, von dem wir auch abbekamen. Nach meinem
Umzug in die Siedlung zu einer Witwe mit Töchterchen ging
es mir nicht schlecht, aber die Sorge um Frau Knapp, meinen Mann,
meine Familie war groß. Zu meiner großen Freude kam
Frau Knapp Ende Mai auf einmal überraschend mit dem Fahrrad
aus Schwerin. Über ihre Kinder konnte sie nichts mehr erfahren.
Sie fuhr dann mit dem Fahrrad gen Süden, um ihren Mann zu
finden, was auch gelang. Der Versuch, eine Ausreisegenehmigung
in die amerikanische Zone zu bekommen, war vergeblich. Als aber
im Juli eine Karte aus Hamburg von dem Schwiegervater meiner Schwägerin
kam mit der Nachricht, er sei in Korbach gewesen, meinen Eltern
und der Familie gehe es gut, da hielt mich nichts mehr. Mit dem
Holzvergaser eines ehemaligen E-Stellen Mannes fuhr ich nach Hamburg,
wo ein Pendelverkehr der Engländer die Menschen über
die Elbe bringen würde. In Harburg sollte man dann in einen
Zug steigen können.
Der Lastwagen hielt in Hamburg am Damtorbahnhof, wo es sogar eine
Gepäckaufbewahrung gab für meinen Faltbootrucksack.
Die Kinder beförderte ich im Kinderwagen, Ingalein lag mit
gespreizten Beinen, zwischen denen ein Kochtopf mit Zucker stand,
abgedeckt mit einem Kissen, auf dem Helga saß. So kam ich
mittags bei den angeheirateten Verwandten an, die mich sehr freundlich
in ihrer großen Wohnung aufnahmen. Gleich am nächsten
Morgen versuchte ich im Lager Veddel eine Nummer in meinen Ausweis
zu bekommen, um über die Elbe mitgenommen zu werden. Vor
allem suchte ich Menschen, die mir mit meinen Kindern helfen könnten,
was aber ganz vergeblich war. Sehr niedergeschlagen kehrte ich
zurück. Doch abends schellte es an der Korridortür,
ich öffnete. Vor mir stand ein großer Mann mit rotblondem
Bärtchen, von Kohlenstaub leicht angeschwärzt. Einen
Augenblick stutzte ich, dann erkannte ich meinen Mann und fiel
ihm um den Hals. Er hatte von den Amerikanern eine Reiseerlaubnis,
um seine Familie zu holen, Frau Knapp hatte ich Adressen von Verwandten
auf dem Weg nach Süden mitgegeben. Sie hatte in Kassel bei
meinem Onkel übernachtet und einen Brief über meinen
Verbleib hinterlassen. Es war wohl der glücklichste Augenblick
meines Lebens, zu zweit war alles zu meistern. Wohl noch mit einigen
Schwierigkeiten, aber ohne Lebensgefahr kehrten wir glücklich
zur Familie zurück, bekamen sogar in Hof Lauterbach, woher
meine Mutter stammte, eine richtige Wohnung!