Ich wurde im Juni 1937 als fünftes Kind unserer Eltern in
einer südwestfälischen Kleinstadt geboren. Mein Vater
war im selben Ort Zahnarzt.
Meine erste Erinnerung, die indirekt mit dem bevorstehenden Krieg
zusammenhängt, habe ich von einem Ferienaufenthalt unserer
Familie im Sommer 1939 an der Ostsee. Dort wurden die Touristen
eingeladen, ein stattliches Kriegsschiff zu besichtigen. An diese
Besichtigung, die natürlich Propagandazwecken diente und
die Kriegsbereitschaft schüren sollte, kann ich mich noch
verschwommen erinnern. Den Kriegsausbruch kurz darauf habe ich
nicht in meiner Erinnerung, die Einquartierung deutscher Soldaten
in unserem Haus nur schwach. Von den folgenden Jahren bis zu meiner
Einschulung im Frühjahr 1944 kann ich nur berichten, daß
ab und zu eine gewaltige Bomberflotte der Alliierten in großer
Höhe unsere Stadt überquerte. Diesem Schauspiel mit
dem damit verbundenem Motorengesumm fand ich sehr eindrucksvoll.
Unserer Stadt blieb glücklicherweise eine Bombardierung erspart,
trotz größerer Industrieanlagen.
1944 wurde es brenzliger. Immer häufiger gab es Fliegeralarm,
so daß wir oft nachts aus dem Schlaf gerissen wurden und
hinab in den Keller stürzten. Allmählich wurde uns klar,
daß der Krieg sich gegen uns wendete. Ich bin nachts oft
heulend aufgewacht, so daß mich meine Mutter trösten
mußte. Sieh mal, sagte sie dann, da ist doch noch der Onkel
Max, der Onkel Heinrich, der Onkel Karl, der Onkel Heinrich (
Brüder von Vater und Mutter als Soldaten ). So getröstet
konnte ich dann weiterschlafen.
Ende des Jahres wurde der Schulunterricht abgebrochen, da die
Gefahr eines Bombardements zu groß wurde. In dem Zusammenhang
muß ich eine Geschichte einflechten. Mit fünfzehn war
Maria als Haushaltshilfe und Köchin bei meiner Familie eingestellt
worden. Sie kam aus der kinderreichen Familie eines Kleinbauern,
der am Stadtrand einen Hof bewirtschaftete. Unser Haus in der
Stadt lag ganz nah an einer wichtigen Bahnlinie. Da meine Mutter
befürchtete, diese Bahnlinie könne bombardiert werden,
bat sie die Familie Dümpelmann um Unterschlupf. Dieser wurde
gewährt, und ich habe kurzzeitig mit drei von meinen Geschwistern
und meiner Mutter dort gelebt. Tragischerweise war es auch deswegen
möglich, weil zwei von Marias Brüdern und ihr Mann im
Krieg getötet wurden. Das war ein ganz schwerer Schlag für
die Angehörigen.
Der Krieg ging dem Ende entgegen. Im April 1945 stand das amerikanische
Militär vor den Toren der Stadt und begann mit Artilleriebeschuß.
Die Stadt sollte durch den Volkssturm bis auf den letzten Blutstropfen
verteidigt werden. Ein mutiger Bürger, ein angesehener Industrieller,
versuchte, diesem Wahnsinn Einhalt zu bieten und ging dem amerikanischen
Militär mit der weißen Fahne entgegen. Er hatte zum
Glück Erfolg, und unsere Stadt trug fast keinen Schaden davon.
Zu Recht ist diesem mutigen Mann heute im Stadtzentrum eine Gedenktafel
gewidmet.
Zu diesem Zeitpunkt hockten wir angespannt und verängstigt
im Keller. Es war nicht nur die Angst vor dem Beschuß, sondern
auch Angst vor Gewalttaten von befreiten Zwangsarbeitern. Meine
Mutter schlug vor, daß wir alle Puppen in den Arm nehmen
sollten, um so rachelüsterne Gemüter zu besänftigen.
Wir blieben glücklicherweise verschont. Vermutlich auch deswegen,
weil meine Mutter und Maria den in der Nachbarschaft arbeitenden
Zwangsarbeitern immer mal wieder Essen zugesteckt hatten, was
natürlich streng verboten war. Wir waren sehr erleichtert,
als die ersten amerikanischen Soldaten im Keller auftauchten,
um nach versteckten deutschen Soldaten zu suchen. Der Alptraum
war beendet.
Die kommende Zeit fand ich recht spannend. Wir konnten uns ohne
Furcht frei bewegen. Die amerikanischen Soldaten, die einen Teil
der vornehmeren Häuser okkupiert hatten, waren zu uns Kindern
ganz freundlich und schenkten uns bisweilen Kaugummis oder Schokolade.
Daß man jetzt "guten Tag sagte und nicht "Heil
Hitler war für mich keine einfache Anpassung. Als ich
meinem ehemaligen Lehrer auf der Straße begegnete und ihn
grüßte, hob ich den Arm und sagte immerhin guten Tag.
Er belehrte mich, daß man den Arm jetzt nicht mehr heben
müsse.
Nur zu Beißen und Brechen gab es wenig. Wir hatten glücklicherweise
einen großen Garten neben dem Haus mit vielen Obstbäumen.
Neben dem angebauten Gemüse versuchten wir mit Kleinvieh,
die Kost aufzubessern. Hinzu kam ein Milchschaf, das wir Kinder
hüten mußten, sowie ein "schwarzes" Schwein.
Bei Schlachtung desselben mußte die Hälfte an die Behörde
abgegeben werden. Das wollten wir natürlich vermeiden. Aber
eines Tages ist das Tier aus seiner versteckten Umzäunung
ausgebrochen und tobte durch den Garten. Im Zahnarztkittel, voll
Panik, kam mein Vater angestürzt und versuchte, das Tier
einzufangen, was ihm auch gelang. Ich war gerade im Garten und
kümmerte mich um Gänseküken, die in einem selbst
gebastelten Brutkasten ausgebrütet waren. War auch sehr erschrocken
ob dieses Unfalls. Es gab aber keine unerfreulichen Konsequenzen,
da der einzige Patient, der alles beobachtete, uns nicht verraten
hat.
Aber der Hunger gehörte zum Alltag, zumal ich damals ein
mehr aktives Kind war. Klebriges Maisbrot mit Rübenkraut
war meist die Basisnahrung. Das Rübenkraut stellten wir selber
her im Waschkessel im Keller. Die Rüben bekamen wir von Marias
Eltern oder ein paar anderen Bauern, die meinen Vater kannten.
Gelegentlich zahlten diese Bauern auch eine Zahnbehandlung mit
Naturalien.
Mein Onkel Max kam ziemlich früh zurück aus britischer
Kriegsgefangenschaft. Er spannte einen Klingelalarmdraht um unseren
Garten. So wurde durch ein Alarmzeichen im Hause Diebe angekündigt.
Nachts mußte immer jemand Wache schieben. Es gab auch einige
Male Alarm.
Mein Onkel Max fand eine Anstellung bei einem Lebensmittelhändler,
der in unserem Haus Räume angemietet hatte. Dieser Mann brauchte
für seinen Betrieb ein Auto. Benzin gab es nicht, so wurde
ein Holzgaser angeschafft, den mein Onkel wartete und fuhr. Ich
war fasziniert von dem Gefährt und stand immer am Straßenrand,
wenn mein Onkel losfahren wollte. Klappte alles mit der Feuerung
und der Wagen sprang gut an, grinste mein Onkel über das
ganz Gesicht und bedeutete durch ein Kopfnicken, daß ich
mitfahren durfte. War ich glücklich!
Hochkonjunktur hatte natürlich auch das Pilze - und Beerensammeln
sowie das Holzholen im Wald per Leiterwagen. Kohlen gab es noch
nicht zu kaufen.
Folge der Unterernährung war, daß ich Anfang 1948 eine
Tuberkulose bekam, wie viele meiner Altersgenossen. Ich mußte
viel liegen, bekam eine Zusatzernährung und wurde fett wie
ein Hefekloß. Zur Schule durfte ich nicht mehr gehen. Als
mein Klassenlehrer kam, um sich nach meinem Befinden zu
erkundigen und ich ihm zufällig im Hausflur begegnete, fragte
er mich, wie es meinem Bruder ginge. Er hatte mich nicht wiedererkannt.
Nach der Währungsreform Mitte 1948 kratzte mein Vater ein
wenig Geld zusammen, und ich konnte mit meiner Mutter und zwei
jüngeren Geschwister in die bayrischen Alpen fahren, zum
Erholungsurlaub. Ein großes Ereignis. Die Hungerzeit war
vorbei, es kam die Freßwelle.