Dieser Beitrag stammt von Gretel Roeschen
aus Berlin.
(PNS.CidS@t-online.de), 01.06.2000.
   Schule im NS-Regime


Auszug aus einer Schulchronik 1939-1945


Dieser Auszug aus der Chronik der Königin-Luise-Schule in Berlin-Friedenau zum 50jährigen Jubiläum im März 1957, zusammengestellt vom Direktor Dr. Heinz Stallmann (1912-1988), veranschaulicht eindrucksvoll die Situation und die Nöte der Schule während des Zweiten Weltkriegs.

1939

8. August "Gedenken des Weltkriegsausbruches vor 25 Jahren."

Und drei Wochen später bricht der furchtbare zweite Weltkrieg aus, der 40 Millionen Menschen, darunter 9 Millionen Deutschen, das Leben kosten wird:

1. September "Kriegsausbruch; die Schule wird auf acht Tage geschlossen."

3. - 7. September "Schulfrei. Der Nadelarbeitsraum wird als städtische Kartenstelle benutzt, andere Räume werden für die Luftschutz-Rettungsstelle beschlagnahmt."

9. September "Die Rheingauschule verlegt ihren Unterricht vorübergehend in unser Schulhaus."

11. September "Luftschutzprobe im Keller."

10. Oktober "Beginn des Kriegsstundenplanes."

1940

19. Januar bis Ostern: "Die Klassenräume werden nicht beheizt. Die Schülerinnen werden zur 1. Stunde bestellt, um Aufgaben entgegenzunehmen. Nur die beiden 8. Klassen erhalten regelmäßig Unterricht, zunächst im Konferenzzimmer, dann in der Frauenschulküche und im Friedenauer Rathaus."

Der Krieg in Frankreich endet mit einer Siegesmeldung:

22. Juni "Rundfunkempfang: Waffenstillstand von Compiègne."

Aber unmittelbar danach beginnt das Inferno der Bombennächte: 31. August "Beginn des Unterrichts um 9 Uhr nach Nachtalarm." 7. November "Die Klassen 5 - 8 haben Unterricht nach Nachtalarm von 10 - 2 Uhr, die Klassen 1 - 4 von 2 - 5 Uhr."

1941

20. Januar "Die 30-Stunden-Woche tritt in Kraft."

1. Februar "Altmaterial-Appell in der Aula."

25.Februar "Abfahrt von 58 landverschickten Schülerinnen nach Egendorf bei Weimar." Der Angriff auf Rußland am 22. Juni wird nicht vermerkt, auch nicht die Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten von Amerika.

1942

24. Februar "Abfahrt der KLV-Schülerinnen nach der Halbinsel Hela."

17. Juni "Untersuchung der 6. Klassen zum Kriegseinsatz."

1943

beginnt mit der Katastrophe von Stalingrad und der Kapitulation in Afrika; die Luftangriffe auf Berlin werden immer stärker:

1. August "Aufruf der Regierung: Kinder und Alte sollen Berlin verlassen, die Schulen geschlossen werden."

11. August "Es findet täglich 9 Uhr ein Schülerappell statt, wobei die Kinder Haus- aufgaben für den folgenden Tag erhalten. Ein mehrstündiger Unterricht ist nicht möglich. Viele Schülerinnen verlassen Berlin und fahren zu Verwandten aufs Land."

23. August "Bei einem von 23.30 bis 2.30 Uhr dauernden Luftangriff erleidet das Schulgebäude großen Schaden. Das Dachgeschoß brennt fast völlig aus. Die glasgedeckte Aula, die mit Möbeln ausgebombter Familien gefüllt war, wird völlig zerstört."

31. August und 15. September "Abtransport der Schülerinnen in die KLV-Lager Albrechtshof (Protektorat) und Mirche (Posen). Die Lehrer und Lehrerinnen fahren mit oder werden an andere Schulen versetzt; einige werden im Rathaus mit Büroarbeiten beschäftigt, andere zum Heeresdienst (Luftwaffenhelfer, Wehrmachtsanitäterdienst u.a.) einberufen."

1944

9. Februar und später: "Reifeprüfungen in den KLV-Lagern." Einsatz von Düsenflugzeugen und Raketengeschossen: Landung der Alliierten in der Normandie; die Tragödie der Widerstandsbewegung am 20. Juli.

1945

Die Russen stehen an der Oder, die Amerikaner an der Elbe, Berlin wird eingeschlossen. Unsere Schule aber erwacht zu neuem Leben.

14. März "Es finden nunmehr erweiterte Schulappelle statt, da viele verschickte Kinder und mehrere Lehrer und Lehrerinnen zurückgekommen sind."

4. - 24. April "Unterricht von 8 - 10 Uhr in 11 Klassen."

27. April "Einmarsch der Russen in Friedenau; da Schulkeller und Frauenschulräume als Hilfslazarett benutzt werden, gilt die Schule als 'Hospital'."

Am 9. Mai erfolgt die bedingungslose Kapitulation Deutschlands; fünf Tage später öffnet die Schule wieder ihre Pforten:

12. Mai "Der Direktor wird durch den russischen Kommandanten, der Friedenau zu einem selbständigen Bezirk ernannt hat, und durch den Friedenauer Bürgermeister ersucht, den Unterricht an den Friedenauer Schulen zu organisieren. 2 höhere Schulen und 3 Gemeindeschulen nehmen als erste Berliner Schulen den Unterricht wieder auf. Verboten sind Geschichte, Physik, Chemie."

14. Mai "Wiederbeginn des Unterrichts mit 11 Lehrern und 140 Schülerinnen in 7 Klassen."

3. Juli "Ablösung der russischen Besatzung durch die Amerikaner, der Bezirk Friedenau kommt wieder zu Schöneberg."

15. Oktober "Eröffnung des Schuljahres mit einer Ansprache des Direktors über den demokratischen Geist in der neuen deutschen Schule."

Der Schulbetrieb leidet im Winter unter empfindlichen Störungen:

13. November "Da wegen der geringen Temperatur ein längerer Aufenthalt in den kalten Schulräumen ohne gesundheitliche Schädigung der Schülerinnen nicht möglich ist, wird der Unterricht auf 2 bis 3 stark gekürzte Kurzstunden beschränkt, die in dem Gebäude der Grundschule in der Offenbacher Straße im Wechsel von Vor- und Nachmittagsunterricht durchgeführt werden."

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