Dieser Auszug aus der Chronik der Königin-Luise-Schule in
Berlin-Friedenau zum 50jährigen Jubiläum im März
1957, zusammengestellt vom Direktor Dr. Heinz Stallmann (1912-1988),
veranschaulicht eindrucksvoll die Situation und die Nöte
der Schule während des Zweiten Weltkriegs.
1939
8. August "Gedenken des Weltkriegsausbruches vor 25 Jahren."
Und drei Wochen später bricht der furchtbare zweite Weltkrieg
aus, der 40 Millionen Menschen, darunter 9 Millionen Deutschen,
das Leben kosten wird:
1. September "Kriegsausbruch; die Schule wird auf acht Tage
geschlossen."
3. - 7. September "Schulfrei. Der Nadelarbeitsraum wird als
städtische Kartenstelle benutzt, andere Räume werden
für die Luftschutz-Rettungsstelle beschlagnahmt."
9. September "Die Rheingauschule verlegt ihren Unterricht
vorübergehend in unser Schulhaus."
11. September "Luftschutzprobe im Keller."
10. Oktober "Beginn des Kriegsstundenplanes."
1940
19. Januar bis Ostern: "Die Klassenräume werden nicht
beheizt. Die Schülerinnen werden zur 1. Stunde bestellt,
um Aufgaben entgegenzunehmen. Nur die beiden 8. Klassen erhalten
regelmäßig Unterricht, zunächst im Konferenzzimmer,
dann in der Frauenschulküche und im Friedenauer Rathaus."
Der Krieg in Frankreich endet mit einer Siegesmeldung:
22. Juni "Rundfunkempfang: Waffenstillstand von Compiègne."
Aber unmittelbar danach beginnt das Inferno der Bombennächte:
31. August "Beginn des Unterrichts um 9 Uhr nach Nachtalarm."
7. November "Die Klassen 5 - 8 haben Unterricht nach Nachtalarm
von 10 - 2 Uhr, die Klassen 1 - 4 von 2 - 5 Uhr."
1941
20. Januar "Die 30-Stunden-Woche tritt in Kraft."
1. Februar "Altmaterial-Appell in der Aula."
25.Februar "Abfahrt von 58 landverschickten Schülerinnen
nach Egendorf bei Weimar." Der Angriff auf Rußland
am 22. Juni wird nicht vermerkt, auch nicht die Kriegserklärung
an die Vereinigten Staaten von Amerika.
1942
24. Februar "Abfahrt der KLV-Schülerinnen nach der Halbinsel
Hela."
17. Juni "Untersuchung der 6. Klassen zum Kriegseinsatz."
1943
beginnt mit der Katastrophe von Stalingrad und der Kapitulation
in Afrika; die Luftangriffe auf Berlin werden immer stärker:
1. August "Aufruf der Regierung: Kinder und Alte sollen Berlin
verlassen, die Schulen geschlossen werden."
11. August "Es findet täglich 9 Uhr ein Schülerappell
statt, wobei die Kinder Haus- aufgaben für den folgenden
Tag erhalten. Ein mehrstündiger Unterricht ist nicht möglich.
Viele Schülerinnen verlassen Berlin und fahren zu Verwandten
aufs Land."
23. August "Bei einem von 23.30 bis 2.30 Uhr dauernden Luftangriff
erleidet das Schulgebäude großen Schaden. Das Dachgeschoß
brennt fast völlig aus. Die glasgedeckte Aula, die mit Möbeln
ausgebombter Familien gefüllt war, wird völlig zerstört."
31. August und 15. September "Abtransport der Schülerinnen
in die KLV-Lager Albrechtshof (Protektorat) und Mirche (Posen).
Die Lehrer und Lehrerinnen fahren mit oder werden an andere Schulen
versetzt; einige werden im Rathaus mit Büroarbeiten beschäftigt,
andere zum Heeresdienst (Luftwaffenhelfer, Wehrmachtsanitäterdienst
u.a.) einberufen."
1944
9. Februar und später: "Reifeprüfungen in den KLV-Lagern."
Einsatz von Düsenflugzeugen und Raketengeschossen: Landung
der Alliierten in der Normandie; die Tragödie der Widerstandsbewegung
am 20. Juli.
1945
Die Russen stehen an der Oder, die Amerikaner an der Elbe, Berlin
wird eingeschlossen. Unsere Schule aber erwacht zu neuem Leben.
14. März "Es finden nunmehr erweiterte Schulappelle
statt, da viele verschickte Kinder und mehrere Lehrer und Lehrerinnen
zurückgekommen sind."
4. - 24. April "Unterricht von 8 - 10 Uhr in 11 Klassen."
27. April "Einmarsch der Russen in Friedenau; da Schulkeller
und Frauenschulräume als Hilfslazarett benutzt werden, gilt
die Schule als 'Hospital'."
Am 9. Mai erfolgt die bedingungslose Kapitulation Deutschlands;
fünf Tage später öffnet die Schule wieder ihre
Pforten:
12. Mai "Der Direktor wird durch den russischen Kommandanten,
der Friedenau zu einem selbständigen Bezirk ernannt hat,
und durch den Friedenauer Bürgermeister ersucht, den Unterricht
an den Friedenauer Schulen zu organisieren. 2 höhere Schulen
und 3 Gemeindeschulen nehmen als erste Berliner Schulen den Unterricht
wieder auf. Verboten sind Geschichte, Physik, Chemie."
14. Mai "Wiederbeginn des Unterrichts mit 11 Lehrern und
140 Schülerinnen in 7 Klassen."
3. Juli "Ablösung der russischen Besatzung durch die
Amerikaner, der Bezirk Friedenau kommt wieder zu Schöneberg."
15. Oktober "Eröffnung des Schuljahres mit einer Ansprache
des Direktors über den demokratischen Geist in der neuen
deutschen Schule."
Der Schulbetrieb leidet im Winter unter empfindlichen Störungen:
13. November "Da wegen der geringen Temperatur ein längerer
Aufenthalt in den kalten Schulräumen ohne gesundheitliche
Schädigung der Schülerinnen nicht möglich ist,
wird der Unterricht auf 2 bis 3 stark gekürzte Kurzstunden
beschränkt, die in dem Gebäude der Grundschule in der
Offenbacher Straße im Wechsel von Vor- und Nachmittagsunterricht
durchgeführt werden."