Ich wurde am 9.Juli 1927 in Aschersleben geboren. 1933, kurz nach
Hitlers Machtergreifung wurde mein Vater wegen der Verteilung
von kommunistischen Flugblättern in einem der ersten Schauprozesse
zu 2,5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Gleich zu Beginn dieser Gefängnisstrafe
starb meine Mutter, und drei meiner Geschwister und ich mußten
die nächsten drei Jahre im Waisenhaus verbringen.
Erst 1939 war es uns erlaubt wieder nach Hause zu unserem Vater
zu gehen. Ein Jahr später begann mein Pflichtjahr auf einem
Bauernhof, wo ich mit französischen Kriegsgefangenen zusammenarbeitete.
Nach diesem Jahr ging ich wieder nach Aschersleben zurück
um mich als ältestes Mädchen um den Haushalt, meinen
Vater und meine kleine Schwester zu kümmern. Meine Brüder
waren zu dieser Zeit schon als Soldaten in den Krieg gezogen.
1943, als der Totale Krieg ausgerufen wurde, mußte ich in
einem Lager arbeiten um Granaten herzustellen. Ein Jahr später
wurde mir vom Reichsarbeitsdienst (RAD) eine andere Tätigkeit
in Köthen zugewiesen. Dort baute ich nun Flugzeuge. Ich blieb
ein halbes Jahr, doch da die Amerikaner immer näher kamen
und somit die Lage immer bedrohlicher für uns wurde, entschloß
ich mich zusammen mit einer Freundin zur Flucht nach Aschersleben,
da es unser zu Hause war. Zu Fuß flohen wir von Köthen
nach Aschersleben. Auf diesem Weg sah ich zum ersten und einzigen
Mal KZ-Häftlinge. Zu dieser Zeit versuchten die Nazis die
Häftlinge in den Osten zu transportieren. Von Vernichtungslagern
hatte ich gehört, besonders durch meinen Vater, aber es war
doch mehr ein Gerücht für mich. Auf unserer Flucht kamen
uns immer wieder deutsche Soldaten entgegen, die den Amerikanern
zu entfliehen versuchten. Am 12.06.1945 erreichten wir Aschersleben
und am 18.06.1945 wurden wir von den Amerikanern befreit.