Bernau, 21.7.1944
0.10 Uhr.
Für den Fall, daß sich die Befürchtungen meines
Schwiegervaters bewahrheiten sollten, was durchaus im Bereich
des Möglichen liegt, will ich heute Nacht noch einen Bericht
über das Erlebnis der letzten Stunden zu Papier bringen.
Gegen 21.00 Uhr am Donnerstag, den 20.7.44 rief mich Väterchen
[=General Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes
und Kopf der Verschwörer vom 20. Juli] an und bat mich, heute
Nacht noch zu einer Aussprache in sein Büro in die Bendler-Straße
zu kommen. Ich bat daraufhin General v. Axthelm um einen Wagen,
da ich den Chef des Stabes, der im Kino war, nicht erreichen konnte.
General von A. bestellte sofort persönlich den Wagen beim
Adjutanten. Ich arbeitete noch an den dringendsten Sachen, diktierte
etwas und wollte mich dann beim O.v.D. [=Offizier vom Dienst]
abmelden. Dort erfuhr ich, daß der Chef aus dem Kino zurück
sei. Als ich mich bei ihm abmelden wollte, teilte er mir mit,
daß der General für alle das Betreten und Verlassen
der Kaserne verboten habe. Ich fuhr daraufhin sofort zum General,
erhielt seine Genehmigung und fuhr in die Bendlerstraße.
Dort traf ich Väterchen mit einigen Offz. [Offizieren] auf
dem Flur und bekam Bescheid, in seinem Zimmer zu warten. - Nach
kurzer Zeit kam V., holte mich in sein Zimmer, ließ mich
setzen, setzte sich selbst an seinen Schreibtisch und sprach,
nachdem er mir einen Cognac eingegossen und eine Zigarre angeboten
hatte, sinngemäß etwa wie folgt:
Ich habe Dich hierher gebeten, um Dir ganz nüchtern einen
Einblick in den Stand der Dinge zu geben, damit Du genau weißt,
was los ist.
Heute Mittag bei der Lage ist auf den Führer ein Bombenanschlag
verübt worden. Die Bombe hat der Graf Stauffenberg geworfen.
Wir erhielten die Nachricht, der Führer sei tot, und waren
in dem Glauben, daß die Bombe die erwartete Wirkung getan
habe. Daraufhin übernahm der Feldmarschall von Witzleben
die vollziehende Gewalt, die erforderlichen Befehle an die Wehrkreiskommandos
gingen heraus, wir versuchten uns in den Besitz der Gewalt zu
setzen.
Meine Beweggründe zu dieser Handlungsweise sind getrieben
von der unendlichen Sorge um unser Vaterland, um das Schicksal
unseres Volkes. Der Führer bekommt politisch keinen Frieden,
der Feind steht vor den Toren, militärisch ist die Situation
nicht mehr zu meistern. Es mußte daher so oder so gehandelt
werden. Ich weiß, welche Folgen das für Evchen [=Eva,
Ehefrau von General Olbricht], Rosemarie [=Rosemarie Georgi, Tochter
von General Olbricht], Euren kleinen Jungen [=Rudolf Georgi, Enkel
von General Olbricht] und Dich haben kann. Für mich ist die
Situation trotzdem klar. Als Soldat fürchte ich den Tod nicht.
Solche Entschlüsse fordern den Einsatz des ganzen Menschen,
alles Persönliche tritt zurück und auch Ihr werdet das
einsehen.
Während die befohlenen Maßnahmen anliefen, stellte
sich heraus, daß der Führer nicht tot war. Ein Zurück
gab es nun nicht mehr. Dazu war die Sache nun zu weit dekouvriert.
Im übrigen mußte es auch so versucht werden. Der Feldmarschall
Keitel versuchte nun durch FS. [Fernschreiben] die Aktion zu verhindern.
Sein erstes Fernschreiben wurde abgefangen. Es zeigte sich jedoch
nun, daß das Hauptquartier nicht nachrichtenmäßig
abgeschlossen war. Es gingen Befehle heraus, daß die Befehle
des Feldmarschall v. Witzleben keine Gültigkeit hätten.
Auf diese Weise rückte sogar das Wachbataillon von hier wieder
ab.
Hier hatten der Generaloberst Fromm und der General von Kortzfleisch
auch von Anfang an nicht mitgemacht. Viele Offz. erklärten
nun auf einmal, daß sie nun, nachdem der Führer nicht
tot sei, nicht mitmachen könnten. Der Führer ernannte
Himmler zum Befehlshaber des Ersatzheeres und übertrug dem
SS-Führer Kaltenbrunner die vollziehende Gewalt. Die alarmierte
Truppe bekam nun verschiedene Befehle und fragte laufend hier
an, welche Befehle nun Gültigkeit hätten. - So ist die
Situation.
Wir werden hier uns vielleicht noch einige Zeit halten, werden
uns hier verteidigen. Vielleicht noch eine Nacht, vielleicht noch
zwei, vielleicht sind wir aber auch schon in einer Stunde hier
umstellt. Ich werde dann hier als Soldat zu sterben wissen. Ich
sterbe dann für eine gute Sache, davon bin ich felsenfest
überzeugt. Ich tue nicht mehr, als unendlich viele Offz.
und Generale in diesem Krieg schon getan haben. Ich sterbe für
Deutschland. Ich werde nicht allein sterben, wir sind hier zahlreich.
Aber es gibt keine andere Möglichkeit. Stauffenberg war der
Têten-Reiter, den kann man jetzt nicht im Stich lassen.
Es wäre auch sinnlos, das Ende ist so und so das Gleiche.
Sollen wir jetzt bekennen, daß wir gesündigt haben?
Nein, wir haben das Letzte gewagt für Deutschland.
Vielleicht kannst Du mir nachher noch meine Pistole laden, ich
weiß gar nicht wie man das macht.
Ja, so steht es!
Ich weiß nun nicht, ob ich Evchen noch einmal anrufen soll,
aber das lasse ich besser. Du mußt nun für Evchen und
Rosemarie sorgen. Ich gebe Dir noch einige Papiere von mir mit,
etwas Geld und Sparbuch.
Grüße bitte die beiden von mir, ich danke ihnen unendlich.
Ganz besonders danke ich Evchen für das, was sie mir gewesen
ist, besonders nach dem Tode meines Jungen und auch jetzt in dieser
schweren Zeit. Ich will Dir noch die Schlüssel zum Tiefkeller
geben. Sonst ist im Haus alles so wie es war. Ich werde Malick
noch anrufen, daß ich heute Nacht nicht nach Hause komme.
Hast Du nun noch irgendeine Frage?
- Ich verneinte und fragte lediglich, ob ich ihm nicht lieber
hier etwas helfen könne. -
Nein, sieh man lieber zu, daß Du noch hier herauskommst,
wer weiß, wie lange das noch möglich ist. - Der Führer
wird nachher sprechen. - Also geh nun, laßt es Euch gut
gehn.
In diesem Augenblick drangen etwa 6-8 Generalstabsoffz. mit gezogener
Pistole und Maschinenpistole in V. Büro ein und verlangten
von ihm Aufklärung, was nun los sei und wollten den Generaloberst
Fromm sprechen. Dann wollten sie V. sprechen, da sie vom Generalstab
im Hauptquartier gehört hätten, daß der Führer
gar nicht tot sei und sie nun wissen wollten, was hinter der Sache
steckte.
Graf Stauffenberg, der inzwischen eingetreten war, sagte, er wollte
mal sehen, ob Fromm zu sprechen sei und ging heraus in das Vorzimmer,
das ebenfalls von Offz. mit Maschinenpistolen besetzt war. In
Begleitung von 2 Offz. die ihre Schußwaffen auf ihn richteten
ging er ins Nebenzimmer. Väterchen schickte mich ebenfalls
aus dem Zimmer, was jedoch durch die eingedrungenen Offz. verhindert
wurde. Ich verabschiedete mich dann nochmals von Väterchen
und Stauffenberg, der inzwischen zurückgekommen war, mit
einem langen, festen Männerhändedruck, der mehr sagte
als Worte hätten sagen können, und drängte mich
mit Gewalt ins Vorzimmer. Stauffenberg kam hinter mir her, ging
rasch ins Nebenzimmer, von 2 Offz. gefolgt. Dann schlug er die
Tür plötzlich zu, es fiel ein Pistolenschuß, der
eine allgemeine Schießerei zur Folge hatte. Der Korridor
war frei, aus jeder Tür lugte ein Offz. hervor und schoß
auf jede Bewegung auf dem Korridor. Väterchen befahl mir
nochmals zu gehen - er war inzwischen noch einmal an die Tür
seines Zimmers gekommen. Der Versuch, ihm meine Pistole auszuhändigen,
wurde von den uns beide umringenden Offz. verhindert. Ich gab
ihm nun durch die Offz. hindurch noch einmal - ein letztes Mal
- fest die Hand und sah ihm tief in die Augen, wobei ich meinen
Dank murmelte und ihm mit meinem Blick versprach, seinen letzten
Wunsch, für Evchen und Rosemarie zu sorgen, zu erfüllen,
soweit es in meiner Macht steht. Dann drängte ich mich aus
dem Kreis der mich umringenden Offz. aus dem Vorzimmer heraus
und ging aufrecht, langsam und festen Schrittes den Korridor entlang.
In diesem Augenblick fiel kein Schuß, da ich mit Handanlegen
an die Kopfbedeckung an den einzelnen Offz. vorbeiging, von denen
mich keiner anhielt. Ich passierte ohne Zwischenfall die Wache
und fuhr nach Bernau.
Ich glaube, daß ich meinen Schwiegervater das letzte mal
gesehen habe. Er war auch in dieser Situation äußerlich
völlig ruhig und von seiner typischen tief innerlichen Herzlichkeit
und liebenswürdigen Freundlichkeit. Ich hoffe, daß
ich das Übermaß des Dankes, das ich ihm schulde, am
besten dadurch abstatten kann, daß ich seinen letzten Wunsch,
für Evchen und Rosemarie zu sorgen, nach besten Kräften
erfülle. Ich erwog den Gedanken, bei ihm zu bleiben und mit
ihm in den Tod zu gehen. Ich habe es nicht getan, weil ich zu
diesem Zeitpunkt in dem Glauben gewesen bin, daß ich leben
muß, um für Eva und Rosemarie und meinen Sohn zu sorgen.
Ob ich diesen Entschluß immer billigen werde, vermag ich
nicht genau zu sagen. Die Ungewißheit unser aller Schicksal
hätte beide Entschlüsse begründet. Man kann den
richtigen Entschluß ja noch nachholen, falls es sich herausstellen
sollte, daß mein jetziger Entschluß falsch gewesen
ist.
Inzwischen hat der Führer gesprochen; der Versuch, die Sender
noch zu besetzen ist demnach vereitelt worden. Über das Schicksal
meines geliebten Schwiegervaters kann nun kaum noch ein Zweifel
bestehen. Am 20.7. um 2305 Uhr habe ich ihm in wörtlicher
Auffassung des Grußes "Auf Wiedersehen" gesagt.
- Unsere Unterredung war soldatisch schlicht, preußisch,
von Mann zu Mann und frei von jeder Sentimentalität. Dazu
war die Stunde zu ernst. Auch in der Stunde des Abschieds blieb
er der vorbildliche deutsche General, ruhig, gütig und würdig.
Und so will ich diesen Bericht schließen mit den Worten,
die er selbst eben gesagt hat:
"Ich weiß nicht, wie eine spätere Nachwelt mal
einst über unsere Tat und über mich urteilen wird, ich
weiß aber mit Sicherheit, daß wir alle frei von irgendwelchen
persönlichen Motiven gehandelt haben und nur in einer schon
verzweifelten Situation das Letzte gewagt haben, um Deutschland
vor dem völligen Untergang zu bewahren. Ich bin überzeugt,
daß unsere Nachwelt das einst erkennen und begreifen wird."
Friedrich Georgi
Major im Generalstab der Luftwaffe.