Dieser Eintrag stammt von Christiane Schmidt (* 1983) aus Hamburg. 25.05.2000:
   NS-Regime

 

Projekt:  " Kollektives Gedächtnis" 
Gymnasium Lohbrügge und Senioren-Begegnungscentrum "Haus im Park"

 

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn S. aus Hamburg-Bergedorf:

Alles nur Spaß,

...aus der Sicht eines Kindes

"Mein erster Schultag. Meine Schule war das Hansa Gymnasium in Hamburg Bergedorf. Jeden Morgen ging ich hin, doch die Begeisterung lies schnell nach und so kam es dann auch, dass meine Noten immer mehr abfielen, aber ich sorgte mich nicht darum. Ich merkte, dass ich von Zeit zur Zeit immer fauler geworden bin, doch ich konnte nichts dagegen tun. Nun ja, vielleicht wollte ich das ja auch gar nicht?  Eines Tages war es dann soweit: Große Männer in braunen Uniformen betraten das Schulgelände. Sie hatten ein ernstes Gesicht und trugen auf ihrem linken Oberarm eine weiße Binde mit einem roten Hakenkreuz.  Über Funk ließ uns unser Schulleiter ausrufen und wir versammelten uns auf dem Schulhof und mussten uns in Dreierreihen aufstellen.  Sie begrüßten uns mit: "Sieg Heil" und streckten uns ihren Arm entgegen.

Dort lernten wir dann das Horst - Wessel Lied:

Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen,
SA marschiert mit ruhig festem Schritt
Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen
Marschieren im Geist in unseren Reihen mit.
Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen
Marschieren im Geist in unseren Reihen mit.

Dieses Lied sangen wir nun jeden Morgen vor Schulbeginn.
Wir trafen uns nach der Schule und trieben Sport im Bergedorfer Gehölz.

Dann war es soweit, meine Pimpfen Probe, ich habe sie erfolgreich bestanden. Nun bekam ich sie endlich, meine Jungfolkuniform und mein Fahrtenmesser.

Uns wurde beigebracht, dass unser Blut nur für Hitler ist.

Da ich mittlerweile zu groß für die "Pimpfen" war, aber auch noch nicht groß genug für den "Jungfolkjungen", gehörte ich eine Zeit der "Krüppelgarde" an. Alle verspotteten uns. Das gefiel mir nicht, denn ich hatte keine Uniform mehr und so wurde ich irgendwann "Jungfolkjunge" und später, mit 15 Jahren gehörte ich dann der Hitlerjugend an.

Uns wurde  spielerisch beigebracht,  Leistungen zu erbringen, bis ich sogar meine vormilitärische Ausbildung gemacht habe und endlich Luftgewehr schießen konnte. Das war etwas, was mir gefallen hat  und nicht,  immer in der Schule zu sein.

Zu Hause habe ich mich immer seltener aufgehalten, da ich immer häufiger mit den anderen zur Schießübung gegangen bin.

Eines Tages war mein Bruder mit seinem Paddelboot auf der Bille unterwegs und hat eine Swingplatte auf sein Grammophon gelegt.

Er wusste ganz genau, dass es verboten war,  diese Swingplatten zu hören, doch auf der Bille in seinem kleinen Paddelboot fühlte er sich sicher.

Doch dem war nicht so. Plötzlich standen sie vor ihm, die HJ, sie hatten ihn bespitzelt und forderten nun seine Swingplatte. Bevor er ihnen die Platte jedoch geben konnte, hat er sie lieber selber zerbrochen und sie in die Bille geworfen.

Es war mal wieder soweit: Erntezeit. Wir Schüler mussten den Erntedienst absolvieren. Kartoffeln mit bloßen Händen aus der Erde graben. Was für eine saumäßige Arbeit!

Eines Tages war es dann soweit, ich wurde in ein Lager eingezogen. Dort lernte ich das Kartenlesen, Entfernungen schätzen, Schießübungen und natürlich das marschieren in Dreierreihen und das Singen von Soldatenliedern.

Außerdem lautete der Befehl, wir sollen unser Vaterland schützen, doch wir wussten nicht wovor. Uns wurde immer alles spielerisch beigebracht und jetzt sollten wir plötzlich etwas beschützen. Es machte mir Spaß und ich war mit Freude dabei, als ich eine Karte lesen konnte oder einfach nur vor mich hin marschierte. Doch dann wurde ich an die Front geschickt und da habe ich dem Tod das erste Mal ins Auge geschaut. Es war einfach nur grausam."

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