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Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Zeyer aus
Hamburg-Bergedorf:
Meine Jugend im 3.Reich
Da ich im Jahre 1921 geboren bin, erlebte ich das
sogenannte "Dritte Reich" als Schüler und später als Soldat im Alter zwischen 12 und 24 Jahren, also eigentlich durch meine ganze
Jugendzeit. Wobei mir in der Erinnerung nachträglich diese "nur" 12 Jahre viel länger vorkommen,
als jede andere gleichlange Zeitspanne späterer Jahre. Insofern ist die Erinnerung
daran noch sehr intensiv, obwohl mehr als ein halbes Jahrhundert dazwischen liegt.
Ich wuchs in Frankfurt/Oder auf, einer Beamten- und Garnisonsstadt. An Sonntagen pflegte eine Militärkapelle Platzkonzerte zu geben, die ich
häufig aufsuchte. Gelegentliche Paraden der Reichswehr oder militärisch
organisierter Verbände, wie des "Stahlhelm", eines Frontkämpferverbandes-
sah ich mit Begeisterung zu. Mein 5 Jahre älterer Bruder gehörte dem
"Jung-Stahlhelm" an, einer Jugendorganisation. Manchmal rückte er zu manöverähnlichen Nachtmärschen aus mit "feldmarschmäßig gepackten Affen"
(Tornister mit herumgelegter gerollter Militärdecke), Uniform, Breecheshose, Koppel,
Scharfstiefel... von mir, der ich nicht mitdurfte, um seine
"Abenteuer" glühend beneidet. Damals boten sich überhaupt die politischen
Parteien und Organisationen nach außen militärisch dar: das "Reichsbanner"
der SPD, die von Schalmeienkapellen angeführten Kommunisten, ihr "Roter
Kämpferbund", die SA und SS der Nationalsozialisten, der "Stahlhelm", der
"Kyffhäuserbund" und die verschiedenen Kriegervereine. Einige wirkten
beängstigend, andere begeisternd, jedenfalls auf mich Jungen, der da gerne
mitmarschiert wäre. Aber ich galt meiner Mutter als "zu klein", "zu jung", "zu zart" oder "zu gefährdet". Eines Tages kam Hitler nach Frankfurt und
stieg in der nur wenige Minuten von unserem Wohnhaus entfernten Standort-Kommandantur ab. Ich wollte unbedingt hin und ihn sehen, durfte es aber
nicht, und ich heulte vor ohnmächtiger Wut. Ich hätte ihm gerne zugejubelt.
Meine Eltern waren parteipolitisch inaktiv, aber politisch interessiert.
Meine Mutter zur deutschnationalen Seite hin, mein Vater- ehemals Sanitätsoffizier- zur nationalistischen. Als an den Häusern zu "nationalen
Feiertagen" mehr und mehr das "Flagge-Zeigen" aufkam, gab es zwischen den
Eltern einen Streit, ob wir nun "Schwarzweißrot" oder "auch" die Hakenkreuzfahne zeigen sollten (die meine Mutter hätte verbrennen wollen); es
setzte sich mein Vater für letzteres durch. Er trat 1933 als Mitglied der
NSDAP bei. Meines Wissens hat er aber nie deren Versammlungen besucht.
So gab es über meine eigene Position als 12-jähriger Junge Unsicherheiten.
Von Klassenkameraden in der Schule wurde ich aufgefordert, einmal einen
Heimatabend der "Pimpfe" zu besuchen, wie die Mitglieder des NS_"Jungvolks"
genannt wurden. Das tat ich auch, wurde aber doch von deren rauhem und
primitivem Ton abgestoßen. Mit der Zeit traten immer mehr Klassenkameraden
der NS-Jugend bei und uniformierten sich, bis nur wenige "Zivilisten" übrig
blieben, darunter auch ich. Als ich erneut zur Teilnahme aufgefordert wurde,
war meine Mutter gerade für längere Zeit krank und bettlägerig, so dass ich
keinen neuen Versuch starten konnte, Hitlerjunge zu werden. Ich hätte wohl
gern einer werden wollen, wenngleich ich nicht sportlich und, meiner Veranlagung nach, nur der Theorie nach "militärfromm" war. Jedenfalls ging ich
nicht "zum Dienst", und eines Tages eröffnete mir ein Klassenkamerad auf
dem Schulhof, ich bräuchte nicht mehr zu kommen, da man mich "hinausgeschmissen habe". So blieb ich also "Zivilist", vor allem "schwarzes
Schaf"
an Staatsjugendtagen: während alle anderen außerhalb der Schule HJ-Dienst
machten, musste ich mit einigen anderen zur Schule gehen und dort lernen.
Dennoch habe ich nie Schikanen durch Lehrer oder Schüler erlitten und
wurde weder gehänselt noch gemieden, auch nicht, als das Staatsjugendgesetz
jeden zur Mitgliedschaft verpflichtete. Man schien mich einfach vergessen
zu haben. Später, im Krieg, gab es für "solche" Zeitgenossen, die
"Vormilitärische Wehrertüchtigung" bei der SA - und so wurde ich "SA-Mann" und durfte
sogar Uniform tragen. Als Soldat brachte ich es darin noch auf weiter 4
Jahre, und dann begannen mir die Augen über das NS-Regime aufzugehen. |