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Dieser Eintrag stammt von Sandra Neuwirth (* 1983) aus Hamburg. 25.05.2000: |
II. Weltkrieg |
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Johanna S. ist heute 71 Jahre alt. Als sie so
alt war wie wir heute, war der zweite Weltkrieg bereits zu Ende. Vor dem Krieg gingen ihr Bruder und ihre Schwester
bereits früh zum Arbeitsdienst. Damals ging es ihnen allen noch gut. Auch sie war wie viele andere Mädchen auch Mitglied
beim BDM. In Bergedorf war in der Hinsicht eine Sondersituation, da die
Führerpositionen anders als in Hamburg notenabhängig waren. Als sie
einmal von der Schule kam, sah sie, wie ihr Vater einem Juden etwas zu
essen gab. Als ihr Vater sie dann sah, ging er auf sie zu und stellte
sie vor die Wahl ihn entweder ihrer Gruppenführerin zu melden oder die
Sache für sich zu behalten. Daraufhin rannte sie auf ihr Zimmer,
schloss sich ein, schmiss sich aufs Bett und weinte, weil sie nicht
wusste, was sie machen sollte. Heute kann sie sich dass kaum noch
vorstellen, aber damals war es für sie ein echter Interessenkonflikt.
Ansonsten hatte sie die Juden aus dem KZ nur gesehen, wenn sie durch
Bergedorf gingen. Für sie sahen sie immer wie Verbrecher aus Western
aus. Sie wurden oft durch Bergedorf geführt. Einmal konnte sie sehen,
wie jemand ihnen ein Stück Brot zuwarf und ein Häftling es an sich
nahm. Er hatte Glück, dass er von den Aufsehern nicht gesehen werden
konnte, da er günstig ging und die anderen ihn nicht verrieten. Ihre
Gefühle den Juden gegenüber konnte sie nicht einordnen; es war teils
Mitleid, teils Ablehnung. Später arbeiteten noch russische
Kriegsgefangene im Kartoffelhandel in Bergedorf, die man dort sehen
konnte. Im Frühjahr 1939 wurde dann ihr damals 35-jähriger
Bruder zum Wehrdienst eingezogen. Zu dem Zeitpunkt war sie gerade mal
neun Jahre alt. Schon da sprach ihr Vater beim Mittagessen immer vom
bevorstehenden Krieg. Die Reden des Vaters waren für sie immer sehr
bedrückend. Zu der Zeit war das alles schwer vorstellbar. Nach der Proklamation jedoch haben alle den Soldaten
zugejubelt und die Panzer geschmückt. Der Aufmarsch in Bergedorf hatte
ja auch wenig mit dem Krieg zu tun. Wie viele andere Kinder damals auch, kam sie in die
Kinderlandverschickung. Das erste Mal war sie im Kloster Ammersee. An
die Zeit kann sie sich jedoch kaum erinnern. Das zweite Mal war sie in
Bad Reichenhall. Dort waren etwa 350 Kinder, 90 davon aus Bergedorf.
Von diesen 90 Kindern verloren alle ihr zu Hause, zwei sogar ihre
Familien. Sie waren dort in einem Hotel untergebracht, das aus mehren
Häusern bestand. In Bad Reichenhall feierte sie ihren 14. Geburtstag.
Sie waren damals begeisterte Jungmädel, wie sie betont. Auch wenn man
sich das, wie sie sagt, heute schwer vorstellen kann, haben sie damals
für Hitler geschwärmt wie für einen Star. Sie haben ihm sogar Briefe
geschrieben, die allerdings nie beantwortet wurden. Ansonsten haben sie
mit den Jungmädel Ausflüge gemacht, einmal zum Beispiel nach
Nürnberg zu einer Sportveranstaltung. Sie haben dort in Turnhallen
geschlafen. Mit leuchtenden Augen versucht sie das Gefühl der
Gemeinschaft zu beschreiben, kann es wie sie sagt aber nicht in Worte
fassen. Aus Bad Reichenhall musste sie aber 1943 wieder
zurück, weil in der Gegend zu viel geschossen wurde. Alle Kinder, die
zu dem Zeitpunkt zu Hause irgendwo untergebracht werden konnten,
mussten abgeholt werden. Alle anderen wurden auf andere Lager verteilt.
Sie wurde von ihrer Mutter abgeholt. Die Zugfahrt nach Hamburg dauerte
über 24 Stunden. Der Zug musste immer wieder anhalten, weil er
beschossen wurde oder die Gleise schlecht waren. Als sie in Hamburg
ankam und die ausgebombte Stadt sah, musste sie weinen. Noch heute
steigen ihr beim Erzählen Tränen in die Augen. Das Kriegsende hat sie in Bergedorf erlebt. Schon
kurz nach Weihnachten fiel der Unterricht an sämtlichen Bergedorfer
Schulen aus. Bergedorf wurde zur Lazarettstadt erklärt und sämtliche
Schulen wurden in Lazarette umgewandelt. Die Krankenschwestern waren
total überlastet und fielen nach und nach aus. So kam es, dass die
16-jährigen Mädchen als Rote- Kreuz Mädchen eingezogen wurden und
als Vollkrankenschwestern arbeiten mussten. Zunächst hatten sie nur
leichte Aufgaben zu erledigen wie Brote schmieren. Dann durften sie auf
Station und amputierte Soldaten füttern. Sie mussten von zu Hause
Bürsten und Seife mitbringen um die Uniformen zu reinigen. Beim
Verbandszimmer-Dienst im ehemaligen Musikzimmer musste sie Mullbinden
säubern und wieder aufwickeln. Danach musste sie Soldaten mit
festhalten, bei denen leichte Eingriffe ohne Betäubung durchgeführt
wurden. Dann war sie in einer Lazarettküche zwischen
Bergedorf und Börnsen, wo sie Kartoffelschälen gelernt hat. Einmal
haben Tiefflieger auf einen Tank geschossen, der auf dem Hof stand,
obwohl auf dem Dach der Schule ein rotes Kreuz war. Sie saß hinter dem
Tank und hat Essen gemacht. In dem Tank war, entgegen der Annahme der
Tiefflieger, kein Benzin. Wahrscheinlich wurde darin nur Gemüse oder
so etwas aufbewahrt. Danach war sie in der Brinkschule als
Krankenschwester tätig. Dort waren die nicht ganz so schwer
verwundeten Soldaten. Das war zu der Zeit, als Gauleiter Kaufmann das
Ultimatum gestellt wurde, Bergedorf an die Engländer zu übergeben.
Durch eine Verzögerung wurde Bergedorf von der Flak mit drei Salven
beschossen. Dabei wurden sämtliche Fenster durch den Druck zerstört.
Zur selben Zeit musste in der Brinkschule der Waschkessel gefeuert
werden, um Grießbrei zu kochen. Einige Soldaten halfen den Mädchen
dabei. Die Brinkschule war am schlechtesten mit allem ausgestattet. Als
die Flak ballerte, war der Hof voller Soldaten, die die Mädchen runter
in den Keller rissen. Bei dem Angriff wurde keiner durch Granatsplitter
verletzt. Der Arzt schickte die Mädchen daraufhin nach Hause, damit
auch die Eltern beruhigt waren. Das Sachsentor, durch das sie nach
Hause ging, war voller Scherben. Später musste sie in den Vierlande noch
Glasscherben aus den Beeten sammeln. Dabei wurden sie auch beschossen.
Die Gefahr bei der Arbeit haben viele einfach hingenommen. Sie hat, wie viele andere junge Leute auch, bis zum
Schluss an den Sieg geglaubt. Nach der Kapitulation waren sie wütend
auf ihre Eltern und Lehrer. Sie waren überzeugt davon, dass es nicht
angehen konnte. Die Enttäuschung war so groß, dass Hamburger Kinder
sogar in den Untergrund abtauchten. Bei der Hitlerjugend hatten sie
keine negativen Erfahrungen gemacht und nun kein Vertrauen mehr zu
niemandem. Sie hatten erst noch alte Lehrer, aber später an der
Luisenschule hatten sie, wie sie sagt, "Superlehrer", die sie
aufgefangen haben. Bei sich zu Hause bauten sie Bohnen usw. an und
durch das Geschäft des Vaters in Hamburg hatten sie
Tauschmöglichkeiten, sodass sie genug zu essen hatten. Sie hat teils
den Mitschülern sogar noch etwas mitgebracht. |
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