Am 14. Februar 1945 rief mich Bärbel Lutz und wir standen
lange im Garten vor der Haustür in Walny und hörten
auf den pausenlosen Kanonendonner und wußten, daß
damit nun auch der Angriff auf den Brückenkopf Warka begonnen
hatte. Nach dem letzten Brief meines Mannes hatte er den Befehl
nach Warka erhalten. Nun ließ das Dröhnen und Rollen
von der Front nicht nach, aber auf unsere Anfragen bekamen wir
nur immer die Antwort, es ist kein Grund zur Unruhe, es ist alles
in Ordnung.
Am 16. Februar wurden alle Männer zum Volkssturm eingezogen,
jetzt waren nur noch Frauen, Kinder und Mädchen auf den Dörfern.
Am 17. wurde uns gesagt, Mütter und Kinder sollten sich bereit
halten, um eventuell mit der Bahn abtransportiert zu werden. Um
2 Uhr nachts kam deutsche Polizei und sie sagte uns, wir sollten
so schnell wie möglich fliehen, der Russe sei dicht hinter
ihnen. Ich hatte meine drei Kinder schon vorher fertig angezogen,
mit dem Kutscher in einer Stunde den Wagen fertig aufgeladen,
und in der Morgendämmerung fuhren wir los.
Bis zum Abend waren wir 30 km gefahren, die Straßen waren
voll mit Wagen, aus allen Nebenstraßen kamen mehr dazu.
Am Vormittag des nächsten Tages wurde schon in den Treck
hineingeschossen und wir führen durch Brände und rauchende
Gehöfte. Da ging es mir zum ersten Mal auf: Es kann alles
schief gehen, unser Vertrauen ist mißbraucht. Es war schon
allgemeine Mutlosigkeit, es hieß, es geht ja doch nur in
den Tod. Ich war aber noch nicht mutlos.
Im Morgendämmern des dritten Tages wurde der Treck aus einem
Wald von der Seite ganz nah beschossen, ich sah das Mündungsfeuer.
Ich riß die Kinder vom Wagen und verbarg mich mit ihnen
unter einer Hauswand. Kaum waren wir runter von der Straße,
kamen mit wahnsinnigem Gerassel die russischen Panzer gerast ohne
Ende, fuhren rein in die Treckwagen, zermalmten alles, erschossen
alles, was ihnen irgendwie verdächtig vorkam. Die Straße
war sofort mit Trümmern, Blut und Leichen bedeckt, und das
alles ging mit einer rasenden Schnelle.
Über uns kreisten deutsche Flieger und wir hofften, sie sehen
hier das Chaos und werden uns Hilfe bringen. Wie gut, daß
ich damals die nackte Wahrheit nicht ahnte, nicht wußte,
daß die, von denen wir Hilfe erhofften, gar keinen Gedanken
an uns verschwendeten und uns alle opferten ohne eine Bewegung.
Der Befehl kam von Mund zu Mund durch: Alles muß zurück,
wo es hergekommen ist, keiner darf mehr vorwärts fahren.
Die Russen sprangen von ihren Panzern auf unsere Wagen, nahmen
uns Uhren und Schmuck ab, andere fragten uns aus. Ich sah manche
von unseren Leuten, die winkten den Russen zu, warfen von ihren
Wagen ihnen alles Mögliche in ihre Panzer und taten, als
wären sie glücklich über ihre Anwesenheit. Mir
war dieser Umschwung von den Unsrigen unmöglich, ich war
wie versteinert. Ein russischer Offizier, der auf meinen Wagen
sprang, sah mich scharf an und sagte Du bist Volldeutsche.
Ich nickte, und er sprang wieder ab.
Wir fuhren den ganzen Tag auf Seitenstraßen und etwas abseits
der Straße auf einen Bauernhof zum Übernachten. Hier
lag schon alles voll mit Flüchtlingswagen, und im Haus -
eine Küche mit zwei Stuben - lagen die Menschen. Wir legten
uns dazu in die Küche und schliefen. Kaum waren wir eingeschlafen,
kamen Russen rein, sehr viele. Wir mußten sofort aufstehen
und rausgehen. Ich kauerte mich mit den Kindern in eine Ecke auf
dem Hof draußen. Die Russen untersuchten unsere Wagen mit
Taschenlampen. Dann nahmen sie Bertl Mergentaler, die auch bei
uns saß, weg in die Scheune; dann kamen sie zu mir, einer
hockte sich neben mich und sprach auf mich ein, soviel verstand
ich, daß ich mit ihm in die Scheune sollte. Ich weinte und
zeigte ihm meine drei verängstigten Kinder. Darauf winkte
er den anderen und sie gingen weg.
Ich hatte genug tote Frauen hinter den Häusern liegen gesehen
und glaubte zu wissen, was mit mir geschieht. Um meine Kinder
würde sich niemand mehr kümmern. Ich wollte sterben
und suchte schnell mein Messer, das scharf war, und erzählte
den Kindern, wir wollten sterben und in den Himmel. Sie nickten
ernsthaft mit ihren verängstigten Gesichtern.
Aber wir kamen nicht mehr dazu. Der ganze Haufen Russen kam zurück
und bedeutete mir, ich sollte mitkommen. Sie führten uns
ins Haus zurück. Ein junger Offizier sprach etwas deutsch,
sagte mir, ich solle keine Angst haben, einer Mutter mit Kindern
täten sie nichts. An diesem Abend fühlte ich sehr, daß
es eine schützende Hand über mich gibt.
Am nächsten Morgen fuhr ich Bertl zusammen auf einem Wagen.
Schon am Abend vorher sahen wir überall im Straßengraben
die dunklen Gestalten im Schnee, die Toten, Erschossenen. Jetzt
am Tage sah ich sie mit wächsernen, erstarrten Gesichtern.
Haare und Kleider waren bereift. Fast alle mit Genickschuß,
die Männer mit dem Ausschuß durch die Nase. Bei den
Frauen sah man selten den Einschuß, im Gesicht jedenfalls
nicht. Die Frauen aber waren immer kaum bekleidet. Ich habe das
eine Bild immer noch vor Augen: Drei junge Mädels, nur Schlüpfer
hatten sie an und Hüte auf dem Kopf, saßen aufgebahrt
am Straßenrand mit furchtbaren Gesichtsausdrücken.
Auch auf der Straße lagen die Leichen. Es war fürchterlich,
über die schon zermanschten Haufen hinwegfahren zu müssen.
Jetzt fingen die Polen an zu räubern. Überall rotteten
sie sich zusammen und plünderten die Treckwagen. Ich sah
viele Frauen, die barfuß oder in Strümpfen weiterlaufen
mußten. Stiefel zogen sie alle runter. Ich war froh, daß
ich nur Skischuhe an hatte.
Oft haben wir auch erlebt, daß die Russen die Polen nicht
plündern ließen. Auch an den Leichen an der Straße
sah man den Unterschied zwischen Russen und Polen: der Russe erschoß,
der Pole ermordete, er stach mit Messern, stach die Augen aus.
An diesem Tage verloren wir auch unseren Wagen, nahmen unsere
paar Sachen, die wir noch hatten, auf den Rücken und gingen
zu Fuß. Am Abend des vierten Tages blieben wir in einem
ganz abgelegenen kleinen Walddorf über Nacht bei einem alten
Polen, der uns sehr gut aufnahm. Er gab uns seine ganze Milch
und kam abends mit seiner Bibel und bewies uns aus Stellen (Offenbarung),
daß alles so gekommen ist, wie er es herausgelesen hat und
wie es noch weiter käme.
Am fünften Tag ging es immer zu Fuß bei schneidender
Kälte. Gegen Abend kamen wir vor Kutno. Je näher wir
rankamen, desto toller ging das Gerücht, alle Deutsche kommen
ins Getto und werden runtergeschossen. Um 22 Uhr waren wir da.
Wir kamen unbehelligt vorbei. Ein polnischer Bahner führte
uns auf Seitenwegen durch Kutno, das war unser Glück. Wer
in Kutno gefaßt wurde, dem ging es sehr schlecht. Ich habe
später noch mit vielen Menschen gesprochen, die dort in das
Kutnoer Lager geraten waren. Die jungen Mädels wurden tags
und besonders nachts herausgeholt von den Russen und mußten
da oft bis zu zehn Russen über sich ergehen lassen.
So kamen wir bis Mitternacht nach Woichewice; dort führten
uns die Polen, die wir kannten, in ein Haus, wo wir tot müde
hinfielen und schliefen. Am nächsten Morgen kam das letzte
Stück Weg bis Walny und suchte dort meine Nachbarin. Bis
August 1947 war ich dann in polnischer Gefangenschaft.