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| Dieser Eintrag stammt
von Gerrit Rühmer (*1983) aus Wolfenbüttel. |
Ostfront |
Am 18.12.1940 bekam mein damals 20 Jahre alter Großvater seinen Einberufungsbefehl zur Deutschen Wehrmacht. Er wurde dem 368. Infanterie Ersatz Bataillon zugeteilt. Nach der dreimonatigen Grundausbildung kam die Versetzung zu den Feldtruppenteilen. Mein Opa wurde der 8. Gruppe der 2. Kompanie zugewiesen und bediente hier mit zwei anderen Soldaten das MG. Anfangs bestand die Aufgabe seines Bataillons noch darin, versprengte russische Truppen aufzuspüren und, wenn möglich, gefangen zu nehmen. Trotz großer Strecken mußte das MG getragen werden, damit es schnell zum Einsatz kommen konnte, sobald dies erforderlich war.
Während einer Pause vom Marschieren wurde der Name meines Großvaters ausgerufen. Sein Schwager, der in der 123. Infanterie Division war, hatte gehört, dass mein Großvater sich in der Nähe befand, und da er gerade auf dem Weg zum Versorgungslager war, hatten die beiden nun 10 Minuten Zeit, sich zu unterhalten. Die Freude war darüber groß, in den Weiten Rußlands einen Familienangehörigen zu treffen.
Als mein Großvater nur wenige Tage später allein in der MG-Stellung war, - die Russen befanden sich in einem ca. 2 km entfernten Wäldchen -, beschloß er, das Maschinengewehr zu säubern. Hierfür rückte er auf der Holzbank ein Stück zur Seite, damit er die Kleinteile des MGs dorthin legen konnte, wo er eben noch saß. Doch auf einmal wurde die Ruhe von einem Knall zerrissen. Nur wenige Zentimeter vom Kopf meines Opas entfernt hatte das Geschoß eines russischen Scharfschützen sich in einen Balken des Unterstandes gebohrt! Hätte mein Opa nicht gerade in diesem Moment das MG gesäubert, hätte ein Brief seine Familie erreicht: "Gestorben für Führer und Vaterland".
In den nächsten Tagen verschob sich die Front nach Osten, da Hitler beschlossen hatte, noch vor dem Winter Moskau einzunehmen. Bald kam die Nachricht für die Kompanie, dass ein Stützpunkt, der mit knapp 20 Mann besetzt war, von den Russen eingekesselt wurde. Diesen Belagerungsring galt es zu durchbrechen. Das Gehen im tiefen Schnee kostete viel Kraft, und der erste MG-Schütze, er war 10 Jahre älter als mein Großvater, machte schlapp. So übernahm mein Opa das Tragen des schweren MGs und sein Kamerad trug dafür die Munition. Ohne auf Widerstand zu treffen, war es der Kompanie gelungen, zu den 20 Kameraden vorzustoßen. Plötzlich wurden sie aus nächster Nähe beschossen. Die Russen hatten sich im Wald eingegraben. Mein Opa und die beiden anderen MG-Schützen warfen sich in einen Granattrichter und begannen nun mit dem MG die Russen zu beschießen. Da war die Trommel des Mgs leer und mein Großvater rief seinem 10 Jahre älteren Kameraden zu, dass er einen neuen Gurt Munition brauche. Doch sein Freund antwortete ihm nicht. Er lag stumm am Boden, - Kopfschuß, genau zwischen die Augen.
Nachdem der Kampf beendet war, hatte mein Opa noch 8 weitere Kameraden
verloren. 13 Russen ergaben sich den Deutschen, über 80 Russen blieben
tot am Boden liegen. Nach 2 Tagen Fußmarsch kam die Division in
Ramuschewo an.
Dieses Dorf hatte der Russe schon zu 2/3 besetzt. Er stand mit
Panzern auf der Straßenkreuzung, etwa 150 Meter von der deutschen
Artillerie entfernt, die mitten auf der Straße stand und im
Direktbeschuß versuchte, die Panzer zu bekämpfen. Der Kampf wog hin
und her. In der Nacht hatte sich der Russe bis auf wenige Meter an die
deutschen Linien herangearbeitetet. Befehlsüberbringung oder Ablösung
auf Seiten der Deutschen war unmöglich und wenn es doch einer
versuchte, wurde er sofort erschossen. Mein Opa deckte mit seinem MG
die gesamte linke Flanke. Er hatte schon über drei Stunden keinen
seiner Kameraden mehr gesehen, als plötzlich aus einem nur wenige Meter
entfernten Graben gerufen
wurde: »Ah kto ta koj« (russisch: »Wer ist da?«). Mein Opa
antwortete mit mehreren Salven aus dem MG, als er plötzlich
russische Kommandos hörte. Er schoß das gesamte Magazin leer.
Dann zog er sich mehrere Straßen zurück. Hier traf er den deutschen
Gefechtstroß. Auf die Frage meines Opas hin, wie die Lage sei,
antwortete der andere Soldat: »Aus! Alles kassiert!«. Mein Großvater
schloß sich daraufhin dem Troß an. Die übrig gebliebenen deutschen
Soldaten wurden zu einer Kampftruppe zusammengefasst, und der Kampf
ging weiter. Doch dann wurde der Trupp eingekesselt. Versorgung kam
nur über die Luft, und nur zwei deutschen Jagdflugzeugen, die die
Transportmaschinen bewachten, war es zu verdanken, dass der Kampftrupp
stetig mit Essen und Munition versorgt wurde. Nach über zwei Monaten
der Einkesselung konnten die russischen Linien endlich durchbrochen
werden. Mein Großvater durfte gleich den Heimaturlaub antreten, da
seit dem letzten Urlaub 22 Monate vergangen waren. So konnte er
Weihnachten 1942 zu Hause feiern.
Nach diesen Tagen des »Friedens« mußte mein Opa wieder zurück zur Ostfront. Er war mit 39 anderen Soldaten in einem Bunker stationiert. Es war Tag, und mein Großvater beobachtete das Gelände, als in etwa 2 km Entfernung ein Russe mit einer von 4 Pferden gezogenen Flak aus dem Wald kam und auf den Bunker zielte. Die Entfernung war zu weit, als dass die Deutschen den Russen hätten beschießen können. Den ersten Schuß setzte der Russe kurz vor den Bunker. Mein Opa setzte sich seinen Stahlhelm auf. Der zweite Schuß traf genau in den Balken der Schießscharte. Der dritte Schuß schleuderte den Balken gegen den Kopf meines Opas, so dass ihm Blut aus Augen, Mund und Ohren lief, aber er hatte keinen Splitter abbekommen. Der Bunker war nun für den Russen erledigt, und er verschwand einfach wieder im Wald. Der Sanitäter stellte bei meinem Großvater einen Schädelbasisbruch fest, doch am Tage konnte er nicht ins Lazarett gebracht werden, da man zu große Angst vor russischen Heckenschützen hatte. Nachdem mein Opa im Lazarett versorgt worden war, bat er jedoch den Arzt schon nach kurzer Zeit, ihn doch wieder an die Front zu schicken, da er dort wenigstens etwas Deckung hatte. Das deutsche Lazarett wurde nämlich ständig von Russen beschossen.
Am 18.11.1944 beantragte mein Opa für 10 Tage Heiratsurlaub und am 22.11.1944 heiratete er dann meine jetzige Oma. Wieder kam mein Opa an die Ostfront, diesmal nach Wolchow. Hier herrschten schwere Kämpfe.
Am 29.4.1945 ließ der Kommandeur den gesamten Stab antreten und erklärte mit stockender Stimme: »Der Krieg ist aus, der Krieg ist verloren, wir sollen nach Hause gehen, wer das nicht kann, soll sich nach Westen absetzen.«
Der Fahrer eines erbeuteten Funkwagens wohnte in Eichsen. Jeder, der mitfahren wollte, hatte nun die Gelegenheit dazu. So schloss sich mein Großvater diesem Fahrer an. Nach einer langen Fahrt kamen sie in Grevesmühlen an. Hier, so wurde ihnen gesagt, sollten sie einen Stempel bekommen, der besagte, dass sie aus der Wehrmacht entlassen wären. Bald fanden sie die Sammelstelle, doch keinen Stempel. Auf einer Wiese mußte angetreten werden, dann wurden alle Wertgegenstände eingesammelt. Hier wurden die vielen Männer, unter ihnen mein Großvater, nun festgehalten und von den Engländern bewacht. Nach vier Wochen wurde mein Opa aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Dann ging es über Hamburg, Lüneburg, Braunschweig nach Wolfenbüttel, von Groß-Denkte aus dann nur noch 2 km zu Fuß. Dann hatte es mein Opa geschafft. Er war nach langer Zeit wieder zu Hause in Sottmar.
Am Ende dieser, meiner Meinung nach, beeindruckenden Geschichte möchte ich meinen Opa zitieren. Er sagte: »Ich hatte viele Schutzengel, die mir mein Leben lang zur Seite standen. ... Dafür danke ich Gott!«




