Interview der AG III. Reich am Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium Bonn
mit Maria Müller (*1931) aus Bonn. Das Interview wurde von
Patrizia Wollers, Marie Herzog und Miriam Budel geführt.
Jugend im NS-Regime

Jungmädel

1937, im Jahre meiner Einschulung, kam ich gegen den Willen meiner Eltern in die sogenannte Kükenschar. Eine Gruppe von Mädchen zwischen 6 und 9 Jahren. In dieser Vorgruppe der Jungmädel gab es nicht die üblichen Uniformen mit Halstuch, braunem Rock und brauner Bluse, sondern blaue Kleidchen mit weißen Blumen darauf. In dieser Zeit trafen wir uns regelmäßig einmal in der Woche um zu singen und zu spielen. Allerdings fehlte ich sowohl in diesen als auch in den darauffolgenden Jahren mehrmals mit der Ausrede, auf dem Hof meiner Eltern im Burggraben in Endenich helfen zu müssen. Durch diese Notlüge war es meinen Eltern möglich, mich ohne Angst vor Strafen von dem von ihnen sogenannten "Stumpfsinn" fernzuhalten. Eine mögliche Strafe wäre zum Beispiel die Nichtzuteilung von Saatgut gewesen, ohne das der Hof meiner Eltern nicht zu halten gewesen wäre. Mit 10 Jahren, also 1941, kam ich zu den Jungmädeln. Wir trafen uns jeden Samstag um 14 Uhr in der Humboldtstrasse 5 in unserem Gemeinschaftshaus. Dort mußten wir zum Beispiel Handschuhe und Pulswärmer für die Soldaten an der Front stricken, hauptsächlich allerdings sangen und spielten wir. Wir marschierten singend durch die Straßen und machten unter anderem Ausflüge zur Godesburg und der näheren Umgebung. Zu jener Zeit wurde ich auch Gruppenführerin von ca. 10 Jungmädeln. Meine Aufgabe war es, Heimabende zu organisieren und den Mädchen mitzuteilen, was mir in meiner Gruppe zuvor von meiner Gruppenführerin erzählt wurde. Dazu gehörten Berichte von der Front und anfangs auch die Berichte von den Siegen. Immer mit dem Hintergrund, Hitler führe das deutsche Reich in die Glückseligkeit. Im weiteren Verlauf des Krieges war es mit dem Singen und den Spielen nicht mehr weit her. Unsere Zeit verbrachten wir immer öfter im Lazarett im Johanniterkrankenhaus, wo wir Aufführungen machten und später Verbände wickelten. Auch sammelten wir verstärkt zum Beispiel für das Winterhilfswerk. Von den 30 Mädchen bei mir in der Gruppe war nur eine verschwindende Minderheit wirklich von der Idee und der Ideologie der Nationalsozialisten überzeugt. Von daher kam es auch nicht zu Übergriffen auf vermeintliche Feinde des Regimes. Dass sowohl ich als auch viele andere Mädchen nicht überzeugt waren, zeigte sich unter anderem auch dadurch, daß wir uns nach der Abschaffung des Religionsunterrichtes und der Verbrennung der Kreuze auf unserem Schulhof regelmäßig mit Professor Kolping im Kohlenkeller unter dem damaligen Gemeindehaus zum Religionsunterricht trafen. Dies stand unter Strafe und mußte im Geheimen stattfinden. Dass die Kirche zu dieser Zeit stark diskriminiert wurde, mußte ich schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren, als ich eines Morgens in Uniform zur Schulmesse ging und dafür von einem meiner Lehrer mit der Bibel verprügelt wurde. Gegen Ende des Krieges, das heißt Anfang '43 und mit Beginn der Bombenangriffe auf Bonn wurden die Treffen der Jungmädel immer seltener, bis sie schließlich ganz endeten. Aus meiner heutigen Sicht kann ich sagen, daß diese Zeit für mich wenig prägend war und die Treffen nach kurzer Zeit als Zwang und Zeitverschwendung empfunden habe. Zeitverschwendung insofern, als dass bei den Treffen immer dasselbe nach dem gleichen Schema ablief.


NS-RegimeArchivEintragenHome