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Dieser Eintrag
stammt von Birgit Esch (*1983) aus aus Bonn. be@ema.bn.nw.schule.de |
Geschäftsboykott |
Da meine Großmutter, die bei uns im Haus lebt, ein sehr gutes Erinnerungsvermögen besitzt und immer ein offenes Ohr für fast alle unsere Fragen hat, fiel sie mir sofort ein als geeignete Person für die Befragung über ein von ihr selbst erlebtes politisches Ereignis. Durch unser momentanes Thema im Geschichtsunterricht kam ich auf die Idee, sie über sich und ihre Familie im 2. Weltkrieg zu befragen. Meine Großmutter wuchs in Mechernich, einem Dorf in der Eifel, mit ihren vier Geschwistern auf. Beim Ausbruch des Krieges schloss sie gerade ihr Medizinstudium in Dortmund ab und arbeitete in einem Dürener Krankenhaus. Sie bekam die Vorgehensweise und Auswirkungen der Judenverfolgung vor ihrer Haustür mit, da ihr Elternhaus in einer Straße mit mehreren jüdischen Familien, von denen die meisten Geschäfte besaßen, stand. Der Großteil Mechernichs war antirassistisch und so gehörte keiner meiner damaligen Verwandten zur SS, NS, NSDAP oder HJ. Wegen äusserer Umstände wurde auch niemand eingezogen. Eines Abends bat ein junges, jüdisches Ehepaar meine Großmutter ihnen die Auswanderungspapiere für Neuseeland ins Englische zu übersetzen. Was sie machte - später wurde bekannt, dass das Paar durch die Angriffe der Japaner in Neuseeland umkam.
1942 waren viele der Juden aus der Straße geflohen oder untergetaucht. Da ihre Läden zerstört worden waren, gingen sie im Dunkeln zu meinem Urgroßvater, einem Kaufmann, um das notwendigste zum Überleben, wie Brot oder Kohle, zu kaufen oder einzutauschen. Obwohl über Nacht ein Judenstern und "Judenfreund" an die Hauswand geschrieben wurde, halfen sie den Menschen weiter und ihr Vater stellte trotz ihrer Lage einen Polen als Lastwagenfahrer ein. Mit einigen der Juden und mit dem Polen steht sie heute noch in Kontakt. Wenn sie von den Versuchen von ihr und den Geschwistern erzählt, die Mutter zum Schweigen zu bringen oder den Vater abzuhalten gegenüber den Polizisten freche Antworten zu geben, wie "Bevor sie meine Lastwagen mitnehmen, gehen sie erst einmal zu den Nazis" (was ihm eine Nacht Knast bescherte), liegt ein nicht wirkliches Lächeln auf ihren Lippen. Sobald man auf sie selbst zu sprechen kommt, sitzt einem eine viel nachdenklichere, melancholische Frau gegenüber. Ende 1944, die deutsche Armee schien langsam ihrem Ende entgegen zu steuern, wurde Düren mit Ausnahme des Krankenhauses zerstört. Es konnte zur Erleichterung frühzeitig evakuiert und verlegt werden. Aus Düren gab's kein Ein noch Aus mehr. Doch meine Großmutter fuhr mit ihrer Freundin mit dem Fahrrad mitten in der Nacht zu ihren Eltern. In der Ferne ertönte schon die französische und englische Front. Die ganze Familie floh zu Verwandten nach Westfalen, wo sie nur knapp einem Fliegerangriff entkamen. Ich glaube die Ängste, die die Menschen ausstehen mussten, kann man sich nur denken. Meine Großmutter sieht ihre damalige Hilfe als selbstverständlich und meint, dass sie als Christ gehandelt habe. Ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass sie so einen guten Schutzengel bei sich hatte, den nicht viele genießen konnten.
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Anteil der NSDAP |
Anteil der Zentrumspartei |
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| Landkreis Düren (Bezirk Aachen) |
9,6% |
50,9% |
| heutiges Land NW |
23,1% |
28,4% |
| Deutsches Reich |
33,1% |
11,9% |
Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn




