Meine Oma ist 1924 in Wittgendorf, Kreis Landshut geboren. 1938 hat
sie die Schule beendet. Jetzt mußte sie ein Pflichtjahr in der Landwirtschaft
machen. Danach arbeitete sie als Ladenhilfe und Hausmädchen in einer
Schlachterei, die im Kreis Goldberg lag. Ihre Arbeitszeit war von 6.00
Uhr - 20.00 Uhr.
Am 01.09.1939 ist der Krieg ausgebrochen. Jede Person erhielt Lebensmittelmarken
zum Einkaufen. Diese mussten nach Arbeitsende auf große Bögen aufgeklebt
werden. Die Bögen nahm der Chef mit zum Schlachthof und erhielt
dementsprechend Schlachtvieh. Kurz bevor die Russen in Schlesien einmarschierten,
ging der Chef mit seiner Familie nach Westfalen. Meine Oma ging mit
einem Handwagen, in dem ihr Hab und Gut war, in der Nacht 40 km nach
Hause. Wenn sie nicht mehr weiter konnte, hat sie im Straßengraben ein
paar Stunden geschlafen. Am nächsten Tag ist sie vormittags dann angekommen.
Als die Russen Schlesien besetzt hatten, musste meine Oma, wie alle
jungen Mädchen und Frauen, ein Gleis der elektrischen Eisenbahnlinie,
die von Breslau nach Görlitz führte, abbauen. Die Teile wurden nach
Russland abtransportiert. Als die Russen wieder abrückten, besetzten
die Polen Schlesien. Die Polen haben alles beschlagnahmt, und die Deutschen
mussten eine weiße Armbinde tragen. Abends nach 20.00 Uhr durfte kein
Deutscher mehr auf der Straße sein. Eines Abends verspätete sich meine
Oma um 5 Minuten nach der Sperrstunde. Drei Polen waren mit Knüppeln
hinter ihr her und wollten sie totschlagen. Wie durch ein Wunder kam
der Pole Florian, der bei meiner Oma wohnte, ihr zu Hilfe und redete
auf seine Landsleute ein. So kam meine Oma unbeschadet nach Hause. Florian
sagte zu Ihr: »Tu' das nie wieder.« Am 8. Mai 1946 wurde meine Oma und
alle Deutschen von den Polen aus ihrer Heimat vertrieben. In einen Viehwaggon
ohne Dach kamen sie nach 12 Tagen im Auffanglager in Vienenburg an.
Vor Hunger hat sie während der Zeit im Viehwaggon die Kühe gemolken,
da sie ja nichts zu essen oder zu trinken hatten. In Vienenburg wurden
sie in die umliegenden Orte aufgeteilt. Es wurde ihnen versprochen,
nach einem ¼ Jahr wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Aus dieser Übergangszeit
wurde jetzt die zweite Heimat meiner Oma, wo sie jetzt schon seit über
50 Jahren lebt.