Zu diesem Bericht gehören einige Fotos, die ich im Februar
1944 vom Flakturm Humboldthain aufgenommen hatte - auf einem ist
ein kleines Stück vom Kopf vom LWH Chr.F. zu erkennen. Wir
zwei wanderten damals an einem Sonntag vorsichtig um die beiden
Türme und im restlichen Humboldthain herum, lasen Flaksplitter
und eine halb abgebrannte Stabbrandbombe auf, sorgfältig
darauf achtend, keinen zu Grüßenden zu übersehen
und verfügten uns dann wieder in das dumpf riechende riesige
Gebäude, wo wir im obersten Stockwerk wohnten, zusammen mit
den Typen von der Oberschule aus unserer Heimatstadt. Ab und zu
sah der Gefreite v.S. nach uns und erklärte uns die Klingelzeichen
"Vorspiel und "Alarm - tatsächlich
bimmelte es gleich am ersten Abend, am 14.Januar 1944, nachdem
wir am Nachmittag noch in Zivil in den Turm einmarschiert waren
und der Posten uns fröhlich zugerufen hatte: "Hier kommt
Ihr so bald nicht wieder raus!
Sehr früh am Morgen dieses Tages hatten wir, etwa 20 Jungen
des Jahrgangs 1928, Schüler der "Robert-Schumann-Schule,
eines humanistischen Gymnasiums in Zwickau/Sa, uns in der Halle
des Hauptbahnhofs eingefunden, manche begleitet von den Eltern.
Ein Unteroffizier in der blaugrauen Uniform der Luftwaffe mit
roten Kragenspiegeln nahm uns dort in Empfang, und wir reisten
in reservierten Abteilen mit der Bahn in Richtung Berlin. Als
der Zug die Vorstädte der "Reichshauptstadt erreichte,
sahen wir die ersten gänzlich ausgebrannten Häuserzeilen
schon in Lankwitz, und die forschen Gespräche im Abteil verstummten.
Aus dem S-Bahn Bahnhof Gesundbrunnen tretend, erblickten wir dann
den riesigen Betonklotz des Flakturms "Humboldthain
vor uns - da sollten wir also in Zukunft leben! Immerhin "durften
wir zunächst mit dem Fahrstuhl nach oben fahren, und es folgte
eine flüchtige ärztliche Untersuchung, die Einkleidung
(wir erhielten auch eine Blech-Erkennungsmarke wie "richtige
Soldaten!) und die Einweisung in die Unterkünfte, die mit
Doppelstockbetten und Blechspinden ausgerüstet waren. Der
Blick aus den mannshohen Fenstern, die mit einer dicken Stahlblende
verschlossen werden konnten, ging über die S-Bahngleise hinweg
auf eine nahezu ausgebrannte Häuserfront; nur ein Haus war
wenigstens teilweise noch bewohnt. Die schweren Nachtangriffe
des November 1943 hatten diese Zerstörungen bewirkt, wie
uns die Schulkameraden des Jahrgangs 1927 berichteten, die schon
seit September 1943 hier Dienst getan hatten; sie begrüßten
uns mit einer Mischung aus Mitleid und Schadenfreude: Jetzt seid
Ihr also auch dran...!
Zum ersten Dienst trat ich ohne Stahlhelm an, weil einer in dieser
erheblichen Größe nicht vorrätig gewesen war,
was zunächst einen "Anschiss zur Folge hatte samt
einer Bemerkung über die Pferde, welche bekanntlich die größeren
Köpfe... Der Uffz., der uns vom Heimat-Bahnhof abgeholt hatte,
entpuppte sich bald als ein verkleideter Studienrat, und ein zweiter
solcher, ein Westfale, war dann unser Ausbilder, zusammen mit
dem Ogfr. R., einem Malermeister aus Hamburg, der magenkrank aussah.
"Die 2cm Flak 38 als solche (ch wie in Krach gesprochen)
zerfällt in... Es war das schweizer Präzisionsprodukt
2 cm-Oerlikon, und es wurde eine der wenigen Wonnen meines Daseins
als LWH, sie auseinander zu nehmen und richtig wieder zusammenzusetzen!
Den Sockel dieses Geschützes kann man noch heute sehen, wenn
man die Serpentinen der nur halb weggesprengten und dann mit Trümmern
angeschütteten südlichen Turmseite des G-Turms Humboldthain
zwischen Bäumen und Sträuchern hinaufsteigt und so die
Ebene der 12.8cm-Plattform erreicht. Auf einem Foto posieren Otto
M. und Hans K. auf solch einer Kanone, von der es auch Exemplare
mit vier Rohren gab., die sog. "Vierlinge.
Natürlich war das Hauptziel des "Dienstes, uns
so bald als möglich zu einem vollwertigen Bedienungspersonal
für diese Waffen auszubilden; unten im Humboldthain auf einem
kleinen Sportplatz fand aber auch regelmäßig "Infanterie-Dienst
statt, und anfangs wurde auch häufig Strammstehen und Grüßen
geübt, obwohl die Hitlerjugend uns ja eigentlich in dieser
Hinsicht schon ausreichend "vorgebildet haben sollte!
Da war der Dienst an der Waffe deutlich beliebter, zumal dort
auch eigenes technisches Verständnis demonstriert werden
konnte.
Meist war der Ton der Vorgesetzten nicht übertrieben rauh
- das übliche Gebrülle beim Exerzieren und dem "Infanterie-Dienst
vor dem Turm kannten wir ja schon vom H.J.Dienst, und selbst der
auch hier geübte verschärfte Drill ("Entengang
- Eeentengang!!) und Liegestütze wurden meist als unvermeidliche
Mühsal militärischer Ausbildung hingenommen. LWH Hans
K. erinnert sich aber noch mit Erbitterung auch an als "Maskenball
bezeichnete abendliche Strafaktionen eines Unteroffiziers, für
die wir irgendeinen Anlass gegeben hatten, und dass aus einem
ähnlich nichtigen Anlass der Batteriechef D. die ganze Batterie
mit mehreren Stunden Infanterie-Dienst "beglückte...
Nicht nur bei solchen Anlässen richtete sich die hoffnungsfrohe
Erwartung von uns z.T. noch nicht einmal 16-jährigen auf
den nächsten Kurz-Urlaub, der den LWHs etwa monatlich einmal
gewährt werden sollte, vorausgesetzt, Geschützbedienungen
blieben in gefechtsfähiger Zahl zurück. Ein solcher
Kurzurlaub enthielt 2 Urlaubs- und zwei Reisetage, so dass mit
geschickter Auswahl des Reichsbahn-Fahrpläne - wir durften
auch Wehrmachts-Urlauber-Züge benutzen - man durchaus mehr
als 48 Stunden "Zuhause-Zeit herausschinden konnte.
Am Dienstagmorgen zu Dienstbeginn musste man sich allerdings unter
allen Umständen wieder im Turm zurückgemeldet haben!
Einmal im Jahr würde es sogar einen 12 +2 Reisetage währenden
Heimaturlaub geben - aber der lag für uns Anfänger noch
in weiter Ferne...
Meist während der Mahlzeiten im Kasino trafen wir auch auf
LWH aus Berliner Schulen, die aber ihren Dienst vorwiegend an
den großen 12.8cm-Doppelrohr-Geschützen auf der oberen
Plattform taten. Nicht nur deswegen und wegen ihrer häufigen
nächtlichen Einsätze sahen sie auf uns Sachsen auf den
umlaufenden Balkons mit den leichten 2 cm - Waffen herab; mehrfach
titulierten uns welche als "Ihr sturen Sachsen, womit
sie wohl meinten, dass wir im Vergleich zu ihnen viel zu brav
und gehorsam alle Vorschriften befolgten, während sie das
Ganze deutlich lockerer betrachteten. Aber so brav waren viele
Sachsen gar nicht: Mit uns waren eine etwa gleiche Anzahl Schüler
der Zwickauer Oberschule nach Berlin gereist, die dann zusammen
mit uns Gymnasiasten auch in den gleichen Unterkünften wohnten.
Erstaunt stellten wir fest, dass deren Redeweise häufig mit
ungeniert regim-kritischen Ausdrücken gespickt war und sie
über einen erheblichen Fundus an so genannten "Flüsterwitzen
verfügten. Auch spielten zwei von ihnen gern "Hitler
und Mussolini treffen sich am Brenner, indem der eine, oben
auf einem Doppestockbett hockend, den Duce mimte, mit römischen
Gruß und drohend nach vorn gerecktem Kinn, während
vor dem Bett, ihm zugewandt, der andere stand, sich einen Kamm
unter die Nase haltend, mit der anderen Hand mit nach hinten über
die Schulter gebogenem Arm nach oben grüßend, den "Führer
darstellte. Ein anderer war Meister in der Imitation des "Reichspropagandaministers
, indem er hinkend nach vorn trat und genau in dessen westrheinischer
Sprachfärbung intonierte: "Und wiiiiieder (das r als
ch gesprochen wie in Rache) haben wiiir viiier Tonnnnän Viiiierfruchtmarmelaaade
an die Ost-Front ge-wor-fännn ... Wir lachten und staunten
- dass es so etwas noch gab, 11 Jahre nach der "Machtergrrreifung,
wie Hitler das nannte. ER wurde allerdings auch unter uns mit
einem angeblich von ihm stammenden Ausspruch zitiert : "Die
Deutsche Frau rrraucht nicht, wenn einer jemanden beim heimlichen
Rauchen ertappte, was uns LWH ja streng verboten war, weshalb
es nun hieß: "Derrr doitsche Luftwaffenhelferrr rrraucht
nicht...!
Das "Batterie-Lied, das beim Marschieren mehr gebrüllt
als gesungen wurde, begann mit "Hoch drooom, auf dem Beeerg,
gleich unter den funkelnden Steeernen..., womit ein Bezug
zu unserer Geschützstellung, etwa 35 m hoch über der
Erde, hergestellt werden sollte; auch die "schwarzbraune
Haselnuss, ein Lied, das wir schon in der HJ zu singen hatten,
ertönte zwischen den beschädigten Baumstämmen des
Humboldthains auf dessen Sportplatz, obwohl der darin besungene
Typ nicht gerade dem blond-blauäugigen Ideal des "Dritten
Reiches entsprach.
Nachdem wir ordentlich "Grüßen gelernt hatten,
durften wir zum ersten Mal unter Begleitung von zwei Unteroffizieren
das Turm-Gelände verlassen und marschierten durch einige
Straßen des Stadtteils Gesundbrunnen. Erschreckend waren
die schon bis zum Winter 1943/44 angerichteten Zerstörungen,
zu denen auch streckenweise aufgewölbte und zerrissene Nebenstraßen
gehörten, wenn eine Sprengbombe die Kanalisation getroffen
hatte. Ein großes Kino an der Ecke aber war noch heil geblieben,
und so durften wir einmal den Film "Der weiße Traum
gemeinsam sehen - den mit dem Lied mit dem Luftballon: "...stell
Dir vor, er fliegt mit Dir davon..., was sich dann auf "Illusion
reimte. Mancher wäre wohl schon damals ganz gern "davongeflogen
- das ließ sich aber keiner anmerken.. Und an einem Sonntag
führte man uns als Zuschauer auf einen nahe gelegenen Fußballplatz,
wo wir uns allerdings ziemlich langweilten.
Anfang März erst wurde schließlich unser Jahrgang bei
leichtem Schneetreiben in einem nahegelegenen Park feierlich vereidigt.
Wir standen im Karree angetreten um eine 2 cm-Vierlingswaffe herum,
die zu diesem Zweck von einem der Türme mit Hilfe des dort
installierten Krans heruntergelassen und hierher transportiert
worden war. Zwei LWH mussten eine Hand auf ein Rohr der Kanone
legen, und alle hatten einen Text nachzusprechen, den ich vergessen
habe. Ich erinnere mich nur, dass ich sehr gefroren habe, zumal
wir wohl in "Ausgehuniform, aber ohne Mantel dahin
marschiert waren.
Ein Betreuungslehrer aus unserer Schule wohnte ständig drüben
im L-Turm, unterrichtete die Schüler des Jahrgangs 1927 an
einigen Vormittagen der Woche, und wir 28er stießen nach
der "Grundausbildung dazu; der ganze Trupp wanderte
zu diesem Zweck mit je einem der massiven Holz-Hocker, die in
unserer Unterkunft die Sitzgelegenheiten darstellten, hinüber
in den L.Turm, über noch nicht ganz planiertes Gelände,
wo rechts und links noch einige Parkbäume ihr Leben fristeten,
von Sprengbombensplittern beschädigt. Der Unterricht konnte
natürlich nicht die Ziele erreichen, die unserem Schuljahr
unter "normalen Bedingungen zuhause gesteckt waren,
zumal er bei den immer häufigeren Einflügen auch bei
Tage bei Voralarm, bevor noch draußen die Sirenen heulten,
sofort unterbrochen werden musste, während wir, die Hocker
auf dem Buckel, im Geschwindschritt unserem G-Turm zustrebten,
über eine der vier riesigen Wendeltreppen empor eilten, um
unsere 2 cm-Kanonen abzudecken und feuerbereit zu machen.
Zu Schuss gekommen sind wir allerdings damit nie, konnten aber
von unserem Balkon, auf dem die Waffen postiert waren, die ersten
Tages-Angriffe der USAF bestaunen, die am 4.u.6.März 1944
begannen, und wie die Bomberpulks gänzlich unangefochten
von der dichten schwarzen Flakwolke der ständig donnernden
12.8-Doppelrohre aller drei G-Türme der Stadt ihr Ziel anflogen
und glitzernde Schwärme von Stabbrandbomben und einige Sprengbomben
fallen ließen und nördlich von uns einen gewaltigen
Feuer- und Rauchpilz verursachten.
Es wurden von anderen zwei oder drei Treffer, also "Abschüsse
beobachtet; der einzige von meinem Posten aus sichtbare Erfolg
des tosenden Dauerfeuers war ein herabsegelnder Fallschirm mit
einem farbigen Soldaten daran, der zum großen Hallo genau
auf dem L-Turm landete. Dort hatte während der November-Angriffe
1943 nachts eine Sprengbombe eine 2 cm-Einzelwaffe zerstört;
Soldaten und LWH waren aber zu ihrem Glück wenige Minuten
vorher ins Innere befohlen worden. Ihr Geschütz war vollständig
verschwunden, und der Betreuungslehrer StR. W. lieferte dann eine
dramatische Beschreibung dieses Ereignisses an die heimatliche
Schule, da er fast genau darunter in seiner Stube gesessen hatte
und seine Stahlblende, offenbar nicht richtig geschlossen, durch
den Sog aufgerissen worden war...
Die großen Nachtangriffe der Engländer hörten
Mitte Februar auf; aber fortan suchten schnelle, leichte Bomber,
die "Mosquitos, häufig die schlafende Reichshauptstadt
heim, und wir mussten natürlich jedes Mal raus, um leise
fluchend die Kanonen abdecken und dann untätig das nächtliche
Schauspiel hoch oben am Berliner Himmel zu betrachten: Die zahlreichen
Scheinwerfer, die bei klarem Himmel jedes einzelne Flugzeug mit
großer Präzision "auffassten und dann immer
weiter zum nächsten reichten, die zuerst abgeworfenen, bunt-strahlenden
"Weihnachtsbäume, die wohl einen beginnenden Großangriff
vortäuschen sollten, die gewaltig knallenden Doppelrohre
der 12,8 cm Geschütze über uns, rings um die silbern
leuchtenden schnell dahinziehenden Flugzeuge viele glitzernde
Funken erzeugend, die von unten aussahen, wie jene unseres Anzünders
am heimischen Gasherd. Einen Abschuss habe ich trotzdem nie gesehen,
und die Bomber verschwanden jedes mal rasch, nachdem jeder seinen
"Wohnblock-Knacker abgeworfen hatte, der mit fürchterlichem
Brausen irgendwo herunterkam, gefolgt von einer gewaltigen Explosion
- einmal doch so nahe, dass wir erschrocken hinter der dicken
Balkonbrüstung in Deckung gingen.
Den letzten Tagesangriff auf dem Humboldthain-Turm erlebten wir
am 29.April; und ich, schon mit einem verbundenen Fuß im
Holzpantoffel, fotografierte die entstandenen Brände im Süden
Berlins, die aber recht weit entfernt wüteten. Eine Woche
später schickte man mich ins "Revier in den Flakturm
Friedrichshain, nachdem eine Wundinfektion von unseren Sanitätern
nicht gestoppt werden konnte. Unterwegs wurde ich von Berliner
Hausfrauen laut und heftig bedauert, als ich von der S-Bahnstation
zum Turm humpelte: "Ist doch ne Schande, jetzt machen se
auch noch so junge Kerle kaputt...Dort lag ich dann mehrere
Wochen im Erdgeschoss und erlebte die schweren Tagesangriffe am
7., 8. und 19.Mai auf den Berliner Osten im sicheren Bunker, wobei
eine Phosphorbombe direkt unter unserer, natürlich während
des Angriffs fest geschlossenen Stahl-Blende abbrannte und zahlreiche
aus den Kellern ausgegrabene Verletzte im Verbandsraum versorgt
wurden. Einmal besuchte mich auch unser Betreuungslehrer Prof.L.
freundlicherweise, und auch zwei Freunde erschienen an meinem
Bett und berichteten von ihren Erlebnissen bei den letzten Angriffen.
Als der Fuß einigermaßen verheilt war, bekam ich sogar
- auf meine Bitte hin - von dem freundlichen Stabsarzt ein paar
Tage Genesungsurlaub genehmigt.
Den 20.Juli 1944 erlebten wir, kaum einen Kilometer von der Bendlerstraße
entfernt, zunächst damit, dass um die Mittagszeit je ein
LWH im Treppenhaus auf jedem Stockwerk, mit einem Karabiner bewaffnet,
aufgestellt wurde, ohne dass jedoch bekannt war, auf wen denn
zu schießen wäre! Ich hatte für den nächsten
Morgen meinen Urlaubsschein für den lang ersehnten "Heimaturlaub
(10 Tage + 2 Reisetage!) in der Tasche und erfuhr dann zu meinem
Ärger, dass ab sofort absolute Urlaubssperre angeordnet war.
Erst spät in der Nacht hörten wir im Radio eines Kameraden,
längst in unseren Betten liegend, durch Hitlers gutturale
Stimme selbst, was da vorgefallen war. Ich muss gestehen, dass
ich damals einen maßlosen Zorn auf die Attentäter hatte,
weil sie mir meinen Heimaturlaub verpatzt hatten...! Doch schon
am nächsten Vormittag wurde die Urlaubssperre aufgehoben.
Ich musste zwar nun erneut von einem zum andern laufen, um die
nötigen Unterschriften für einen neuen Urlaubsschein
einzusammeln, aber am 22.Juli fuhr ich vom Anhalter Bahnhof tatsächlich
nachhause.
Als ich mich schließlich im Flakturm Zoo aus dem Urlaub
zurückmeldete (die Batterie war Anfang Mai dorthin umgezogen),
war die ganze Truppe zum Schießen nach Dramburg in Pommern
ausgerückt. Hans K. feierte seinen 16.Geburtstag auf der
Fahrt dorthin in einem Güterwagen auf dem Bahnhof Stargard
und erzählte mir später, wie sie dort mit der neuen
3.7 cm Waffe Luftsäcke, Ballons und Panzerattrappen durchlöchert
und mit den Leuchtspurgeschossen die Heide in Brand gesetzt hatten.
Ich dagegen in Berlin hatte noch ein paar Tage viel freie Zeit,
für einen Oberfähnrich ab und zu Botengänge in
der großen Stadt Berlin erledigend. Dabei stellte ich erstaunt
fest, dass besonders im alten Zentrum noch vieles heil geblieben
war. Am 21.Juni 1944 sahen wir vom Zoo-Turm aus bei einem gewaltigen
Tagesangriff diese Gegend in Flammen aufgehen, wobei der Turm
des Doms mit einer grünen Kupfer-Flamme brannte und die Sonne
hinter den Rauchwolken über der Stadt verschwand. Wir standen
wie immer untätig herum.
Ein einziges Mal wären wir beinahe zum Schuss gekommen: Als
Flugmelder Richtung Norden blickend, sah ich während eines
Tages-Angriffs plötzlich mehrere einmotorige Jäger tief
über den Häusern aus "Richtung 2,kommen ,
brüllte vorschriftsmäßig Alarm, die Kameraden
drehten die Geschütze in diese Richtung. Dann hörte
man schon die 3,7 cm der Flaktürme Humboldthain und Friedrichshain
ballern, und während die erste Maschine nach unten stürzte
und dort eine dunkle Rauchwolke entstand, sahen wir vier "Mustang
der USAF steil nach oben ziehen, von einigen krepierenden 3.7
cm-Flakgeschossen verfolgt, aber außerhalb der Reichweite
unserer eigenen Geschütze. Die etwas neidische Begeisterung
über den Abschuss war groß; als später das Telefon
in der Stellung läutete, musste ich den Fähnrich an
den Apparat holen, der eine Meldung mit dem Bemerken "So
ein Mist entgegennahm und dann zu mir sagte: "Das war
eine Focke-Wulf, die da am Rosenthaler Platz runtergefallen ist,
keine Mustang. Aber sag's niemandem weiter! Offenbar hatte
jener deutsche Jäger, verfolgt von den Mustangs, versucht,
auf dem Tempelhofer Feld zu landen.
Als wir von Prof.L., eine Woche nach der Invasion, das Aufsatzthema
gestellt bekamen :Worauf begründen wir unsere Siegeshoffnungen?
saß ich verstört vor dem linierten Papier und wusste
zum ersten Mal in meinem Schüler-Dasein nicht, was ich schreiben
sollte. Prompt erhielt ich dafür ein 3 minus (sonst an viele
Aufsatz-Einsen und allenfalls -Zweien gewöhnt), und Prof.L.
hatte rot an den Rand geschrieben: "Und die Wunderwaffen
? Die hatte ich nicht erwähnt,(erst am 16.Juni flog
die erste V 1 nach London) ja, wo waren sie, die wirksamen Wunderwaffen?
Einen sozusagen endgültigen Schock erlebte ich aber, was
jene "Siegeshoffnungen anbelangt, im August, als ich
einmal Fahrstuhl-Dienst hatte, und, begleitet von gewaltigem Hackenknallen,
der "Reichs-Marschall Göring im Eingang erschien,
gleichzeitig allerdings auch die eigentliche Fahrstuhlführerin:
"Komm, hau ab, den Hermann muss ick selba fahn, nämlich
hinauf in das Prominenten-Lazarett; aber ich sah doch für
Sekunden in sein gesenktes düsteres Gesicht, ein völlig
anderes als jenes auf dem Balkon der Reichskanzlei nach dem siegreichen
Frankreichfeldzug, angesichts der jubelnden Massen im Sommer 1940,
in jener Wochenschau...
Ich ließ Fahrstuhl Fahrstuhl sein und hastete hinauf in
unsere Unterkunft, wo die Kameraden - natürlich - beim Skat
hockten, und der Helmut L. am Ansagen war, und ich: "Wißt
Ihr was ? Ich habe eben den Göring gesehen, mit soonem Gesicht...
D e n Krieg ham wr verlorn! Helmut S. sagte noch:
24 - 27 - passe und dann: "Na, wenn de das j e t z
erscht märgst...! Dem LWH Hans K., welcher aus ihm
heute nicht mehr erklärlichen Gründen besonders oft
oben an den Geschützen Wachdienst hatte, begegnete dort der
Luftwaffengeneral Bodenschatz im Schlafanzug, seit dem Attentat
am 20.Juli mit gänzlich verbundenen Armen, und der Ernährungsminister
Backe mit quittegelbem Gesicht, wohl als Folge einer schweren
Hepatitis. Sie fragten den kleinen LWH freundlich nach seinen
häuslichen und schulischen Verhältnissen aus. Ihm kam
freilich ein gelbsuchtkranker Ernährungsminister irgendwie
sonderbar vor!
Dem Fahrstuhldienst verdanke ich noch ein weiteres Erlebnis mit
Prominenten jener Jahre, das aber nicht gerade zu meinem Ruhm
ausging: Es betraten einmal der hochdekorierte Jagdflieger Galland
(welcher m.W. einmal feierlich im Rathaus ein Mädchen unserer
Heimatstadt geheiratet hatte) und ein SS-General mit Ritterkreuz
den Fahrstuhl und verlangten, zum Lazarett hinaufgefahren zu werden,
wo noch vom 20.Juli her der Fliegergeneral Bodenschatz seine verletzten
Hände ausheilte. Während ich da mit meiner Kurbel hantierte,
fragte mich der berühmte Galland - etwas gönnerhaft
freilich - "Na, mein Junge, Du willst doch sicher auch mal
Jagdflieger werden...; und ich, vollkommen ehrlich und ihn
richtig titulierend, antwortete zackig: "N e i n, Herr Generalinspekteur,
ich bleibe bei der FLAK ! Er drehte mir daraufhin gekränkt
den Rücken zu, der SS-General grinste jedoch über sein
ganzes Gesicht. Ich hatte mich nämlich tatsächlich wenige
Tage zuvor bei der Luftwaffen-Flak freiwillig gemeldet als Reserveoffizier
(nahezu jeder von uns tat dies, wegen der verkürzten Grundausbildungszeit,
und in der Hoffnung, später einmal nicht sofort verheizt
zu werden). Beeindruckt von den Flak-Waffen , und weil wir damals
schon an zwei Kalibern ausgebildet worden waren (es wurden später
ja sogar vier!!), hatte ich mich dazu entschlossen..
(Allerdings wurde ich eines Tages Ende März oder Anfang April
1945 zuhause zum Schrecken meiner Eltern in die Kaserne bestellt,
wo mir aber ein freundliches älteres Mädchen nur mitzuteilen
hatte, dass meine Bewerbung bei der Luftwaffe leider abgelehnt
worden sei, aber ich könne mich ja nun bei der Infanterie
bewerben, da würden doch Offiziere jetzt gewiss gebraucht...
Ich könne die Bewerbung gleich hier ausfüllen! Ich zog
es aber vor , die Formulare mit nachhause zu nehmen und sie dort
wegzuwerfen).
Von unserem Balkon aus beobachteten wir bei jedem Alarm das Hereinströmen
der in der Nähe wohnenden und noch nicht ausgebombten Berliner
Bevölkerung in den Turmeingang; das begann schon, wenn die
Luftlagemeldungen im Radio verlauten ließen, dass ein "Bomberverband
nördlich Braunschweig mit Kurs Ost unterwegs sei, und
die Sirenen noch nicht einmal den "Voralarm verkündet
hatten. Die Schutzsuchenden bevölkerten dann das Erdgeschoss
und die großen Wendeltreppen in den Ecktürmen. Es sollen
manchmal mehrere tausend gewesen sein ! Im letzten Moment, wenn
die Schwere Flak am westlichen Rand der Stadt schon zu schießen
begann, sahen wir noch einige hohe Offiziere aus dem "Bendler-Block,
manche mit roten Biesen an den Hosen, in den Turm eilen.
Der Flakturm Zoo war von den drei Berliner Türmen der sozusagen
"vornehmste; nicht nur wegen des Prominenten-Lazarettes
in einem Stockwerk, sondern auch mit einem Kinosaal ausgerüstet,
auf dessen Bühne wir sogar einmal eine Wehrbetreuungsveranstaltung
erleben durften, wobei allerdings die Tänzerinnen der berühmten
Dresdner "Palucca-Schule von den Flaksoldaten im wesentlichen
nach ihren Proportionen begutachtet wurden.
Dort stand auch ein Flügel, auf dem mein Freund Otto M. gelegentlich
- die Tür zur Bühne war unverschlossen - damals gängige
Schlager hören ließ, wie "Kauf Dir einen bunten
Luftballon... oder "In der Nacht ist der Mensch nicht
gern alleiné..., und, ganz zart hingetupft und verswingt,
Horst Wessels Leierkastenmelodie "Die Fahne hoch...
Schon damals hatte ich mich, halb unbewusst, über die traurig
fallenden Tonfolgen dieses Parteiliedes gewundert, das so gar
nichts Aufrüttelndes und "Heldisches an sich hatte.
Tatsächlich soll es sich um eine einfach zur zweiten National-Hymne
umfunktionierte Moritaten-Melodie gehandelt haben! Da war die
Italienische Faschisten-Hymne schon eine andere Sache, flott und
forsch gespielt, der wir allerdings (1944!) den Text unterlegten:
"Wiiir sind tapfre Italieeener, uuunser Land wird immer kleeener...
Im September verließen uns die Schulkameraden des Jahrgangs
1927; sie wurden zum "Arbeitsdienst eingezogen. Uns
aber schickte man mit allen Dienstgraden nach Rüdersdorf
im Osten von Berlin zu einer 8,8 cm Batterie. Und da landeten
wir mit einem Mal wieder im Grünen, die Baracken und die
Aborte waren ungewohnt primitiv, aber die nächsten Äcker
waren ganz nah, und ich sehe noch uns drei, Otto, Christian und
mich, abends dort umherstreifen, von einem Möhrenhaufen einige
mitnehmend, den Bauern beim Rüben-Abfahren zusehen, wobei
ein Wagen steckenblieb und schließlich ein Ortscheit zerbrach,
wie der Christian mitleidig und sachverständig feststellte,
und es wurde mir deutlich, dass er , vom Dorf stammend, noch mehr
als ich (der ich schon neun Monate von meinem Garten getrennt
war) unter dem Mangel an Landschaft und dem Fehlen des Geruchs
nach Stalldung und frisch gepflügter Erde gelitten hatte...
Landschaft blieb uns dann bis zum Schluss treu; in Rüdersdorf
war die Ausbildung an der 8,8cm, wie sich schon eine Woche später
herausstellte, überflüssig gewesen, obwohl es natürlich
für einen technisch interessierten Schüler wie mich,
wieder etwas Neues war, zumal ich nicht Ladekanonier spielen musste
wie mein Freund Otto M., was ja bei der 8,8 eine ziemliche Schinderei
war, besonders, wenn fast senkrecht geschossen wurde.
Ich erinnere mich noch an die nächtliche Reise über
Leipzig nach der Station Eytra, wo unser Wagen morgens im Herbstnebel
abgestellt stand, und wir zum ersten Mal jenen Braunkohlen-Schweldunst
einatmeten, der uns dann bis zum 30.Januar 1945 nicht mehr aus
der Nase gehen sollte. Wir wurden auf die Dörfer Scheidens
und Seegel verteilt und lagen im Gasthaussaal von Seegel auf Stroh
und wurden von der Wirtin gefragt, ob wir vielleicht "billarden
wollten... Der Leutnant ging mit der jungen Dorfschullehrerin
auf der Straße spazieren, und es war recht idyllisch dort,
bis auf einen Angriff auf das in der Ferne sichtbare Werk Böhlen,
als wir, im Straßengraben außerhalb des Dorfes liegend,
den Bomberpulk genau über uns hinweg ziehen sahen und die
Bomben die Erde erzittern ließen.
Bald zogen wir weiter südlich um nach Lucka, nur, um dort
wieder auf Stroh, zunächst im Saal eines Gasthofes am Markt,
dann in einem Fabrikraum zu liegen, während wir am Rande
des Ortes anfingen, eine Flak-Stellung auszuheben, aber auch im
Schulgebäude Unterricht hatten durch einen Lehrer der Zittauer
Oberschüler, mit denen man uns vereinigt hatte. Sie hatten
eine für uns seltsame Sprachfärbung mit einem rollenden
"R.
Pünktlich am 14.Oktober 1944 wurden wir zum "Luftwaffen-Oberhelfer
befördert, was den Kauf einer silbernen Litze nötig
machte, die dann an der Schulterklappe befestigt wurde. Und für
den Ausweis musste ein neues Passbild beschafft werden, m i t
Litze!
Die Karte an der Wand des Fabrikraumes zeigte uns, wie nah wir
inzwischen an die Heimat herangerückt waren, und da der Dienst
zu den Wochenenden sehr locker gehandhabt wurde, beschlossen wir,
mal eben am Freitagabend nachhause zu fahren, um am Montagmorgen,
u.zw. mit Fahrrädern, wieder zu erscheinen. Wir, Eberhard
S. , ich und noch ein Dritter entfernten uns also mit der Eisenbahn
von der Truppe, blieben aber schon zwischen Meuselwitz und Altenburg
stecken, weil ein Angriff auf das Hydrierwerk Rositz am 20.Oktober
wenige Stunden vorher die Gleise zerstört hatte. Ein Bauernwagen
nahm uns schließlich bis Altenburg mit, und irgendwann langten
wir schließlich zuhause an. Zur Rückfahrt trafen wir
uns am Sonntagabend vor unserem Haus; die nächtliche Fahrt
war doch recht anstrengend, wir trafen aber im Morgengrauen in
der Unterkunft ein und schlichen uns auf unseren Platz auf dem
Stroh. Der Unteroffizier, der mit im Raum schlief, sah uns, grinste,
und ließ die Sache auf sich beruhen - er dachte wohl, wir
wären bei einem Mädchen gewesen...!
Als in der folgenden Woche bekannt wurde, dass wir wieder verlegt
würden, vollführten wir das Ganze am nächsten Wochenende
noch einmal, in umgekehrter Reihenfolge, und wieder, ohne erwischt
zu werden.
Tatsächlich fuhren wir dann alle am 31.Oktober mit der Bahn
nach Merseburg, marschierten im strömenden Regen bis zu einem
Rot-Kreuz-Haus, wo wir , nass und müde, wie die Heringe dicht
gepackt, auf dem blanken Fußboden übernachteten. Am
nächsten Vormittag erreichten wir die 10,5 cm - Stellung
zwischen dem Flugplatz Merseburg und dem Buna-Werk Schkopau und
zogen in eine inzwischen für uns geräumte Baracke ein;
wir fanden da einen Stamm von Merseburger Oberschülern vor,
welche ein selbst für uns schauerliches Sächsisch sprachen.
Und dort begann die Ausbildung an der vierten Flak-Waffe, von
der wir gleich am nächsten Tag bei einem schweren Angriff
auf das Leuna-Werk einen Begriff bekamen. Wir hatten dabei lediglich
die großen Geschosse zuzureichen und konnten so das Geschehen
am Himmel beobachten, zusammen mit Russen, die, ihre eigenen Helme
tragend, ängstlich die genau über uns hinziehenden Bomberpulks
betrachteten. Immerhin sah ich e i n e n der Bomber in Stücke
brechen und die Teile silbern glänzend herunter wirbeln.
Zu unserer Überraschung öffneten sich kurz darauf dort
einer, zwei, drei, vier Fallschirme, die vom Westwind auf das
inzwischen brennende Werk zu getrieben wurden. Später haben
wir Bomber-Trümmer, manchmal einen ganzen Teil des Rumpfes
oder fast die komplette Tragfläche einer "Fortress,
auf den umliegenden Feldern aufgesucht und Einzelteile, die uns
wertvoll erschienen, mitgenommen.
Aber das war schon oberhalb von Mücheln, südwestlich
von Merseburg, und nur 14 km westlich der Leuna-Werke, wohin wir
schließlich Ende November verlegt worden waren, nun mit
sechs eigenen Geschützen des eben "erlernten Kalibers
10,5 cm und einem Funkmessgerät. Untergebracht waren wir
bis Mitte Dezember im Saal des "Schützenhauses,
welches oberhalb des Ortes und nicht weit von der schon fast fertig
ausgebauten Stellung lag. Als wir dort eintrafen, war keine Verpflegung
da, und es gab ein Mittagessen, das nur aus Kohlrabi-Suppe bestand;
zum ersten Mal betraf auch uns der zunehmende Mangel, nachdem
wir mit der ewigen Leberwurst und dem Kunsthonig bisher noch gerade
einigermaßen satt geworden waren. Wir lagen natürlich
wieder auf Stroh, und ein Kanonenofen hatte den großen Saal
zu heizen; der Stubendienst hatte allenfalls die Strohreste aus
dem schmalen Gang zwischen den Strohlägern zu entfernen;
mehr gab es für ihn nicht zu tun.
Mehrmals im Dezember (so am 6.u.12.12.44) flog die USAF Angriffe
auf Leuna, und zum ersten Mal hockte ich nun auf einem Sitz unseres
eigenen Geschützes "Berta, über die Kopfhörer
noch den Stahlhelm gestülpt und brachte die beiden Zeiger
auf den Wecker-großen Uhren "zur Deckung, während
es in schneller Folge knallte und der Himmel mit Flakwölkchen
gesprenkelt wurde. Wir konnten zwar noch die "Pfandfinder-Bomber
silbern glänzend aus Westen daherkommen sehen (auf die seltsamerweise
nicht geschossen wurde), mussten uns aber vom ersten Schuss an
- "Rrring-Klappklapp-tschuick-klack-Wumm! (Feuerglocke
- Ladeschalen - Einzug-Rollen - Verschluss zu - Schuss) ganz auf
die Uhren konzentrieren, so dass wir selten einen Blick auf mögliche
Erfolge des unglaublich massierten Geschießes am Himmel
werfen konnten. Vom Leuna-Werk sah man schon vor dem Angriff nichts
mehr, denn es wurde stets rechtzeitig eingenebelt, und die Schornsteine
hatte man beträchtlich gekürzt. Aber nach jedem Angriff
stieg dort schwarzer Qualm auf, denn in der Regel waren die Angriffe
offensichtlich erfolgreich, und die Benzinproduktion war wieder
für Wochen lahm gelegt. Nur einmal soll der ganze Bombenteppich,
als Folge starken Westwindes, auf die dahinter liegenden Felder
gefallen sein, ein Fehler, der aber durch einen zweiten Angriff
sehr bald kompensiert wurde. Auch uns wurde nun bewusst, dass
selbst eine solche Massierung von Flakartillerie (mit "Großbatterien
zu 36 Geschützen wie z.B. bei Schortau!) diese empfindliche
Industrie nicht vor der Zerstörung schützen konnte.
Mitte Dezember bezogen wir Baracken im Ort Mücheln selbst,
wo es dann etwas weniger primitiv zuging; auch Schulstunden wurden
dort wieder gehalten. Je die Hälfte unserer LWH-Besatzung
durfte zu Weihnachten, die andere zur Jahreswende 1944/45 auf
Kurzurlaub fahren; um für diesen Silvester-Urlaub meinen
Antrag abzugeben, betrat ich am Weihnachtsabend die Schreibstube,
wo in einem Winkel Offiziere und der Hauptwachtmeister um ein
Radiogerät hockten. Ein Unteroffizier kam recht unwirsch
an die Theke: "Was willste denn jetzt - also gut, gib her,
wir hören doch gerade die Ansprache vom englischen König...!
Und was ich im Warteraum des "Reviers in Frankleben,
wo ein Furunkel behandelt werden sollte, (StR.W. zeigte sich sehr
besorgt wegen eines solchen über meinem Auge und schickte
mich dahin) von einigen alten Obergefreiten zu hören bekam,
war von bissiger Resignation und schlichtem Defaitismus geprägt,
wie: "Euch wernse schon auch noch verheizen...
Schließlich erlebten wir noch einen schweren Nachtangriff
der RAF auf die Stadt Merseburg, wobei bald nur noch vier Geschütze
unserer Batterie schossen; zuerst drehte das Nachbargeschütz
sein Rohr waagerecht, dann ging auch bei uns ein Schuss nicht
los, und es hieß, der Schlagbolzen sei gebrochen; Ersatz
war nicht da und musste erst am nächsten Tag durch einen
Kurier aus Berlin geholt werden. Und so lehnten wir in unseren
schweren Übermänteln in der kalten Nacht auf dem bereits
schön warm geschossenen Rohr (was freilich verboten war)
und sahen dort in der Stadt die Brände sich ausbreiten, und
wie jede Explosion der Luftminen die angeleuchteten Brandwolken
auseinander riss.
In unsere Stellung fiel keine Bombe; ja, in unserer ganzen LWH-Zeit
hatten wir keine Verluste erlitten, und keiner war verwundet worden.
An einem klaren Wintermorgen marschierten wir, begleitet von zwei
Unteroffizieren, über Landstraßen Richtung Westen bis
ins Unstrut-Tal nach Laucha, wo die Musterung des Jahrgangs 1928
stattfand; alle wurden für kriegsverwendungsfähig befunden,
und wir fuhren über Naumburg zurück nach Merseburg,
blieben aber in Großkorbetha wegen eines weiteren Luftangriffs
stecken, von dem wir nur noch einige Tiefflieger sahen, vor denen
wir uns vorsichtshalber in die Bahnsteigunterführungen verzogen.
Nachdem am 10. Januar 1945 die Rote Armee die Weichsel überschritten
hatte und sich rasch der Reichsgrenze näherte, wurde wohl
beschlossen, die ohnehin wenig wirkungsvolle Verteidigung der
schwer beschädigten Leuna-Werke durch die Flak einzuschränken
und sogar die hoch-komplizierten 10,5 cm - Geschütze an der
Ostfront einzusetzen. Am 30.Januar wurden die meisten LWH gänzlich
unfeierlich aus dem LWH-Dienst entlassen mit dem Bemerken, wir
würden unsere Einberufung zum Arbeitsdienst schon zu Hause
vorfinden. So stand ich in der Abenddämmerung auf einem Bahnsteig
des Bahnhofs Merseburg und sah, wie die restlichen Soldaten der
Batterie die Geschütze auf Tieflader zogen, bereit zum Abmarsch
an die Oder.
(Vier Jahre später traf ich in Jena unseren Oberfähnrich
wieder, der berichtete, dass die Batterie nicht sehr weit östlich
der Oder, noch auf den Bahngleisen, nach der Sprengung der Geschütze,
aufgerieben worden sei und außer ihm, der westlich der Oder
zurückgeblieben war, niemand überlebt habe...). LWH
Hans K., der nicht mit den anderen entlassen worden war, erlebte
dann noch bis Ende Februar in der Feuerleitstelle der Großbatterie
Rossbach die ersten Anzeichen der Auflösung auch hier an
der "Heimatfront nach weiteren Angriffen.
Auf der Heimfahrt, wieder in Zivil, verschlief ich den Umsteige-Bahnhof
Werdau, wo ein Politischer Leiter in seiner "Goldfasan-Uniform
zugestiegen war, der sich fast verzweifelt über die Mutlosigkeit
des Volkes äußerte: Heute, zum 12.Jahrestag der Machtübernahme,
seien nur ganz wenige zur angesetzten "Großkundgebung
erschienen, und er habe bemerken müssen, dass die Menschen
nicht mehr an den Endsieg glaubten, ja am Genie des Führers
zweifelten; das sei doch wirklich undankbar...(An diesem Tag hatten
die sowjetischen Panzerspitzen bereits die Oder zwischen Frankfurt
und Küstrin erreicht und waren in das Oberschlesische Industriegebiet
eingedrungen!). Bis Reichenbach fühlte ich mich nun genötigt,
den betrübten Parteisoldaten mit all den ihm doch eigentlich
hinreichend vertrauten Phrasen und dem illusionären Gerede
über die doch sicher bald kommenden Wunderwaffen so weit
aufzurichten, dass er mir vor dem Warteraum im Bahnhof Reichenbach,
wo ich nun die Nachtstunden zu verbringen hatte, begeistert die
Hand schüttelte, froh, "dass Deutschland nicht untergehen
wird, solange solche aufrechten Jungen ...usw.
So endete die einzige militärische Episode meines Daseins
von einem Jahr und zwei Wochen (dass mich dann eine weitere Einberufung
nicht mehr ereilen würde, konnte ich da noch nicht ahnen,
geschweige denn hoffen!) mit einer zwar durchaus unaufrichtigen,
aber gut gemeinten Rede im kaum geheizten Abteil eines verdunkelten
Personenzuges.