Dieser Beitrag stammt von: Hauke Thamm
aus Gifhorn
(lebensgeschichte@thamm-online.de), 12.04.2001
   NS-Regime


Die Lebensgeschichte von Helmut Thamm


Über das Leben meines Großvaters in der Emigration
während der nationalsozialistischen Herrschaft von 1933-1945


Helmut Thamm wurde am 17.5.1922 in Halle an der Saale geboren. 1933, bei Hitlers Machtergreifung, war er 10 Jahre alt.

Seine Eltern, Walter und Marie Thamm, waren seit 1919 in der SPD in Halle an der Saale als Funktionäre tätig. Seit der gleichen Zeit engagierten sie sich stark im Arbeiterturn- und Sportbund. Schon vor 1933 spürten sie den Druck der Nazis, die nächtliche Überfälle auf SPD-Mitglieder und Arbeitersportler verübten. Bereits Anfang 1933 war er als damals 11jähriger Junge bereits voll in die Politik seiner Eltern einbezogen. Er war bei vielen illegalen Parteitreffen indirekt dabei, wußte von allen Dingen, wußte aber vor allem auch, daß er mit keinem darüber reden durfte und auch bei Behörden und Verhören dichthalten mußte. Helmut ging 1935 in einen Radsportverein, um der Hitlerjugend noch ausweichen zu können. Auch über die Fluchtplanungen von seinem Vater, seiner Mutter und von ihm war er von vornherein informiert und er wußte, daß er mit niemandem darüber sprechen konnte.

Helmut Thamm ging vor 1933 in eine weltliche Schule, die kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis verboten wurde. Am Tag der Machtübernahme sagte er in der Klasse, man müsse streiken, bis die Nazis nicht mehr an der Macht sind und ging nach Hause. Dies blieb nicht ohne Folgen, auf dem Zeugnis stand, daß er einmal unentschuldigt gefehlt hatte. Als er auf die andere Schule ging, wurden die 13 Schüler der ehemaligen weltlichen Schule gleich in Schlägereien mit Hitlerjungen verwickelt. Durch zusätzliche Sprüche wie Nazischweine war die Gefahr, in ein Erziehungsheim gesteckt zu werden, sehr groß. Auch nach der Schule prügelten sich die "Roten”, so wurden die von der weltlichen Schule genannt, mit den Hitlerjungen. 1934 wurden an der normalen Volksschule bereits Kurse angeboten, wie man mit einer Gasmaske durch vernebelte Gänge kriecht. Es gab also 1934 schon Vorbereitung auf den Krieg.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde die SPD zerschlagen und die Arbeitersportverbände verboten. Seine Eltern setzten ihre Arbeit in der Sozialdemokratie nach 1933 illegal fort und organisierten illegale Tätigkeiten gegen den Nationalsozialismus. Da sein Vater verbotenerweise noch Kontakt zu ehemaligen SPD-Funktionären hatte und das bei der Gestapo aufgeflogen war, wurde er im Februar 1935 verhaftet und in das berüchtigte KZ Lichtenburg bei Torgau gebracht. Nach 10 Monaten wurde ihm der Prozeß wegen Hochverrats gemacht, in dem er wegen der Aussageverweigerung einiger Zeugen mangels Beweisen freigesprochen wurde. Nach der Freilassung setzte er seine Untergrundtätigkeit fort. Da auch diese aufzufliegen drohte, und er nach mehreren Vernehmungen durch die Gestapo gewarnt wurde, flüchtete er im Sommer 1936 ins Ausland. Er fuhr zuerst mit dem Zug nach Freudenstadt, weil in Kehl am Bahnhof Kontrollen waren. Von Freudenstadt aus fuhr er dann mit dem Fahrrad weiter nach Kehl. Von dort schwamm er durch den Rhein nach Straßburg. Da er dort nicht bleiben durfte, wurde er nach Brüssel abgeschoben. Dort wurde er von den belgischen Sozialisten unterstützt und von der Regierung als politischer Flüchtling anerkannt.

Arbeitserlaubnis von 1938 Helmut Thamm arbeitete nach der Schule als Lehrling bei Karstadt, wo auch er die Macht der Nazis spürte. Der Direktor, Herr Sauskat, wurde nach einiger Zeit durch einen Herrn Bertram ersetzt, dieser hatte das goldene Parteiabzeichen, d.h. er war schon vor 1933 in der NSDAP. Nach der Flucht seines Vaters wurden er und seine Mutter ständig von der Gestapo verhört und belästigt. Walter Thamm organisierte dann von Belgien aus ihre Flucht. Über Freunde wurde per Post korrespondiert und so beschlossen, daß er und seine Mutter im Mai 1937 in Aachen bei einer bestimmten Adresse sich melden sollen. Belgische Freunde von ihnen waren schon früher dort eingetroffen, um zu überwachen, ob sie verfolgt wurden. Nachdem sie eine halbe Stunde vor dem Haus gewartet hatten, wurden sie von belgischen Freunden übernommen, die sie dann sie über die Grenze schmuggelten. An den Grenzkontrollen kamen sie vorbei, da sie sagten, sie müssen zu einer Beerdigung. Deshalb hatten sie sich auch dunkle Sachen angezogen. Als sie endlich im Zug nach Brüssel saßen, waren sie in der Freiheit. Bis 1939 lebten sie in Brüssel ziemlich ruhig. Helmut Thamm fand Arbeit bei der Firma Coloprint und seine Eltern arbeiteten als Schneider. Außerdem ging Helmut Thamm seinem sportlichen Hobby, dem Radrennfahren, nach. Er trat dort in einen Radsportverein ein und fuhr auch regelmäßig Rennen mit. Aber bereits 1939 wurde die Kriegsgefahr immer größer und überschattete das Leben. Viele jüdische Emigranten konnten noch nach Übersee oder England auswandern. Am 10. 5. 1940 begann der deutsche Überfall auf Holland und Belgien ohne Kriegserklärung. Walter Thamm bemerkte schon in den Tagen zuvor, daß belgisches Militär in Richtung Grenze zog und wurde unruhig. Durch den Einmarsch der deutschen Truppen entstand ein Chaos.

Viele Ausländer, darunter auch Helmut Thamm und seine Familie, wurden interniert. Nach drei Tagen holten sozialistische Freunde sie wieder heraus. Sie versuchten per Fahrrad, nur mit dem Nötigsten versehen, nach Südfrankreich zu kommen. Aber bereits in Ronse (Renaix) wurden sie wieder festgenommen. In der Hysterie, die herrschte, drohte man sie zu erschießen. Es gelang dennoch, die Gendarmerie zu überzeugen, daß sie Emigranten waren. Seine Mutter, Marie Thamm wurde nach Gent gebracht, während Helmut und Walther Thamm sich in einer Kaserne wiederfanden, die als Internierungslager umfunktioniert war. Dort schliefen sie die Nacht vom 16. zum 17. Mai 1940 in den Kellern. Während der Nacht wurde die Stadt Tournaix und damit auch die Kaserne beschossen und bombardiert. Die Internierten legten sich deshalb unter die Betten. Da Helmut Thamm am 17. 5. 1940 18 Jahre alt wurde, schob ihm sein Vater in der Nacht eine Tafel Schokolade rüber.

Am anderen Tag mußten sie und viele andere (Österreicher, Staatenlose, Juden, usw.) zu Fuß durch das brennende Tournaix marschieren, um einen Zug an der französischen Grenze zu erreichen. Es war eine dramatische Situation. Millionen waren auf der Flucht. Die deutsche Luftwaffe beschoß mit Tieffliegern rücksichtslos die Zivilbevölkerung, die sich in Massen auf den Straßen befanden. Nachdem sie den Zug erreicht hatten, fuhren sie über Lille in Richtung Boulogne. Bei einem Bahnhof entstand Unruhe, wobei ein Spanier erschlagen wurde und Helmut Thamm ein blaues Auge bekam. Nach einiger Zeit mit dem Zug ging nichts mehr. So mußten sie wieder zu Fuß mit belgischer Bewachung weiter. Einige Internierte verloren die Nerven, ein österreichischer Jude wurde von einem belgischen Soldaten erschossen.

In der Nacht kam der Treck mit Bewachung zwischen die Kampflinien. Die Internierten und die Soldaten liefen nach allen Seiten und versuchten sich zu retten. Zuletzt waren nur einige Internierte und einige belgische Soldaten übrig. Sie schliefen in der Nähe von Marquise (zwischen Boulogne und Calais) in einem Bauernhof. Am Morgen waren auch die letzten belgischen Soldaten verschwunden. Zuerst wußten sie nicht weiter, denn im Süden hatten die deutschen Panzer bereits Boulogne besetzt. Ihnen blieb nur der Weg Richtung Calais und wieder Richtung Norden nach Belgien. Da Calais nur über Sümpfe zu erreichen war, mußten sie mit Booten übersetzen, was ihnen gelang. Die Hoffnung evtl. noch ein Schiff nach England zu erreichen, ergab sich nicht, da der Hafen voll abgesichert war vom englischen Militär. Also ging es weiter nach Norden. In Gravelines war bereits wieder Schluß, da alle Brücken gesprengt waren. Sie übernachteten in einem Kino mit weiteren 4000 Leuten. Am nächsten Tag mußte man mit einem Boot über einen Fluß setzen. Vor dem Boot war eine riesige Schlange von ca. 3000 Leuten. Um eher dranzukommen, sprangen sie etwa 6m in ein kleines Boot hinunter. Auf der anderen Seite wurden alle durch Zivilkontrollen kontrolliert. Sie suchten versteckte deutsche Nazis. Und wenn sie einen gefunden hatten, oder meinten, einen gefunden zu haben, das waren meistens junge deutsche Männer, wurden sie sofort erschossen. Da Helmut Thamm genau den "Kriterien” entsprach, beschuldigt zu werden, war dies sehr gefährlich. Eine Lynchjustiz war bei der aufgebrachten Stimmung immer möglich. Die Kontrollen konnten sie umgehen, da Walther Thamm ein steifes Knie hatte, und somit nicht als feindlicher Spion galt. Helmut Thamm half ihm dann beim Koffer tragen und kam so auch an den Kontrollen vorbei.

Weiter ging es dann nach Dünkirchen, wo bereits die große Schlacht begann. Einen Bombenangriff konnten sie mit Glück ohne Verletzung überstehen. Hinter der Grenze waren sie wieder auf belgischem Boden in Adinkerke. Dort trafen sie einen alten Freund und Spanienkämpfer, Philip Brand aus Brüssel, der ihnen eine Unterkunft in einem Kinderheim besorgte. Der Kessel um Dünkirchen wurde immer enger und einmal, als er Brot holen wollte, sah er, wie eine Rakete am Strand einschlug. Kurze Zeit später schlug eine etwas näher ein und nach einigen weiteren Einschlägen, die immer dichter an der Menschenschlange waren, in der er stand, wurde es ihm zu gefährlich und rannte weg. Das war gut so, denn die nächste Rakete traf genau die Menschenmenge in der er stand. Nach einer nächtlichen Artillerieschlacht zogen schließlich die ersten deutschen Soldaten durch. Zum Glück kontrollierten sie nicht, sondern zwangen nur alle Zivilisten zur Räumung. Sie gingen dann wieder nach Brüssel zurück, wo sie nach zwei Tagen ankamen. Dort fanden sie ihre Wohnung und seine Mutter wieder.

Nun mußten sie sich auf das Leben unter schwierigen Bedingungen einrichten. 1940 war ein Jahr des Hungers. Es gab kaum Brot, keine Kartoffeln, keine Hülsenfrüchte, kein Fett oder Butter, wenig Fleisch usw. Die Firma Coloprint Verlag, wo Helmut Thamm beschäftigt war, hatte geschlossen. Der Firmeninhaber kam erst nach längerer Zeit aus Frankreich zurück. Inzwischen suchte er Gelegenheitsarbeit als Bote oder Laufjunge. Coloprint wurde Ende 1940 wiedereröffnet.

Ausbürgerungsbescheid von 1941 Ab 1941 organisierte sich der Schwarzmarkt und der Widerstand. Einen offenen Partisanenkrieg gab es aber nicht. Es wurden Lebensmittelmarkenstellen und Banken überfallen. Die militärischen Tätigkeiten waren nur Nadelstiche. Schienen und Brücken wurden gesprengt. Belgische SS-Leute und NS-Kollaborateure wurden getötet. Die Folge waren wahllose Erschießungen von Geiseln. Um sich fortzubewegen, gab es eine eiserne Regel: Nie in einen Bus, Zug oder eine Straßenbahn. Würden bei Kontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln Waffen oder Flugblätter gefunden, wurden alle Fahrgäste festgenommen und ein großer Teil davon als nächste Geiseln erschossen. Die Bevölkerung demonstrierte mit Verachtung und Nadelstichen z.B. trugen die Frauen und Mädchen die großen schottischen Sicherheitsnadeln aus Sympathie zu den Alliierten. Man hörte die englischen Sender. Es gab falsche Personalausweise, Helmut Thamm profitierte auch davon, er bekam ihn direkt von der Polizei.

Seine Eltern gingen sehr wenig aus der Wohnung, da ihr Französisch nicht so gut war. Er selbst war durch den belgischen Personalausweis weniger gefährdet. Dieser wurde wegen der Altersangabe auch von Zeit zu Zeit verändert, da manchmal bei Kontrollen 18-20jährige und ältere Männer als Zwangsarbeiter einfach mitgenommen wurden und den Angehörigen erst Monate später Bescheid gegeben wurde. Außerdem war er mit seinen Sprachkenntnissen (flämisch, französisch und Brüsseler Patois) besser dran.

Fast die ganze belgische Bevölkerung stand hinter den Alliierten. Abgeschossene Piloten wurden wieder gesund gepflegt und wieder zurück nach England geschleust. Ein deutscher jüdischer Arzt, Dr. Heymann, wurde für diese Tätigkeit von der belgischen Regierung später ausgezeichnet. Helmut Thamms Chef wurde in dieser Zeit von der Gestapo im Betrieb verhaftet. Er selbst konnte sich über die Hutmacherei eines großen Kaufhauses in der oberen Etage über Dächer in Sicherheit bringen. Die Erklärung, daß er sich vor der Gestapo retten muß, genügte, um von allen Seiten Hilfe zu bekommen. Daß die Gestapo auch bestechlich war, zeigte die Freilassung seines Chefs nach kurzer Zeit. Einige Millionen, bezahlt durch den belgischen Partner in der Firma, bewirkten das.

Einige Erlebnisse noch:

Ausweis von 1943 Sein Sportsfreund Gust Verhoogen und er wurden von einer Militärkontrolle nach Waffen durchsucht. Zur gleichen Zeit hatten Kinder eine Zündplättchenrolle auf die Straßenbahnschienen gelegt. Die Straßenbahn kam, und es machte peng, peng. Die Soldaten legten sich gleich flach, weil sie dachten, es würde geschossen. Die Leute schauten aus dem Fenster und lachten die Soldaten aus.

Nach einer guten Plazierung in einem Straßenrennen in Erps-Kwerps, ein kleiner Ort zwischen Brüssel und Leuven fuhren sein Freund Verhoogen und er zurück nach Brüssel. Kurz vor Cortenberg bekamen sie Ärger mit einem Ehepaar, weil sie ihnen nicht schnell genug auf dem Radweg Platz machten. Ein Wort gab das andere, und plötzlich zog der Mann eine Handfeuerwaffe und wollte sofort seine Ausweispapiere sehen, da er Helmut Thamm wohl als den Wortführer ansah. Nun merkten sie auch, daß dieser Mann ein flämischer SS-Mann war. Sie standen am Ortsrand von Cortenberg am ersten Haus. Die Leute aus dem Haus verjagte er mit zwei Schüssen in die Luft. Auch Verhoogen und seine eigene Frau sollten weiterfahren. Er hatte wohl Angst. Da der SS-Mann sich anschickte, die falschen Ausweispapiere zu behalten, machte Helmut ihn auf einen Erlaß der Militärregierung aufmerksam, der besagt, daß niemand ohne Ausweispapiere die Straße betreten darf. Es wirkte, er notierte sich die Personalien und gab ihm den Ausweis wieder, das war wichtig, denn sein Foto war darin. Nach einigen Tagen bekam er Nachricht von seinem Freund Verhoogen, er stammt aus dieser Gegend, daß er keine Angst mehr zu haben bräuchte, denn der Widerstand hatte inzwischen diesen SS-Mann erschossen.

Ende 1940 beherbergten Helmut Thamm und seine Familie in ihrer Wohnung eine jüdische Frau, Frau Loevenstein. Ihr Mann hat es noch vor Kriegsbeginn geschafft, in die USA überzusiedeln. Da sie es noch nicht geschafft hatte, beging sie bereits zwei Selbstmordversuche, die allerdings scheiterten. Deshalb wurde sie nun durch die Familie Thamm beaufsichtigt und auch gar nicht aus dem Haus gelassen, da sie immer noch extrem selbstmordgefährdet war. Anfang 1941 kam sie dann mit einem Flüchtlingstransport nach Spanien, Bilbao. Von dort schrieb sie am 12.2.1941 eine Karte an Thamms, in der sie mitteilte, daß sie am 20.4.1941 ab Vigo über Kuba nach New York fährt. Ihr Mann Karl Loevenstein war noch einmal extra nach Spanien zurückgekommen, um sie abzuholen.

Am 6. Juni 1944, am Tag der Landung der Alliierten in Frankreich feierten sie im Verlag die ganze Nacht. Die Gefahr des Verrats an deutsche Behörden bestand nicht.

Nach dem 20. Juni 1944 wurde es noch einmal sehr gefährlich. Die Militärverwaltung wurde durch eine Zivilverwaltung, d.h. Gestapo, abgelöst. Der Verantwortliche General von Falkenhausen wurde verhaftet (20.7.). Da diese viel strenger und brutaler war, verloren viele Menschen in den letzten 2 Monaten bis zum 3. September 1944 ihr Leben oder wurden verschleppt.

Arbeitsausweis von 1944 In den letzten 2 Jahren der deutschen Besatzung hatte sein Vater die Verbindung mit ehemaligen Sozialdemokraten wieder aufgenommen. Diese hatten sich als Soldaten nach Brüssel für einen Lehrgang gemeldet und besuchten Thamms. Das war die Vorarbeit für die Zeit nach Hitler. Da die Freunde in Uniform kamen, fielen sie auch auf der Straße auf, was einem zum Verhängnis wurde, da er mit der Straßenbahn fuhr und das Schild nicht gesehen hatte, auf dem stand, daß diese Tram nun ins Depot fährt. Da der Schaffner, wie fast alle Leute gegen die Deutschen war, sagte er ihm nichts und fuhr ins Depot, stieg schnell aus und machte alle Lichter aus. Der Freund mußte im Dunkeln über die Schienen den Ausgang finden und brach sich dabei fast die Beine.

Kurz vor der Befreiung durch die Engländer wollten sie noch mal Kartoffeln auf dem Schwarzmarkt holen. Auf dem Rückweg wurden sie in einem Dorf gewarnt, weil an dem einen Weg deutsche Truppen standen. Deshalb fuhren sie einen anderen Weg , auf dem sich aber auch eine SS-Truppe befand. Diese war allerdings auf dem Rückzug und sehr erschöpft. Sie fuhren schnell ohne hinzugucken vorbei, weil die SS es sonst vielleicht als Provokation empfunden hätte.

Erst nach dem Krieg erfuhren sie, daß der zuständige Ausländerbeamte der Gemeinde Woluwe-St.Lambert die Dossiers aller gefährdeten Personen vor den deutschen Kontrolleuren versteckt hatte.

1948 kehrte sein Vater Walther Thamm wieder nach Deutschland in die politische Arbeit zurück. Die Folgen der Gesundheitsschäden aus der KZ-Haft beendeten 1951 sein Leben, was auch offiziell durch die Wiedergutmachungsbehörde bewiesen ist. Er wurde 53 Jahre alt.

Abschließend ist zu sagen, daß Helmut Thamm und seine Familie während dieser Zeit sehr viel Glück gehabt hatten, und mit der Hilfe von belgischen Freunden nicht von den Nazis entdeckt wurden bzw. durch Bombenangriffe etc. nicht getötet oder verletzt wurden.

Helmut Thamm heiratete am 23. 12. 1949 Irmgard Groß in Braunschweig. Ihr Vater, Franz Groß, war bereits lange vor 1933 auch in der SPD tätig und wurde nach der Machtübernahme der Nazis noch zur Landtagswahl in Braunschweig als Kandidat aufgestellt. Die Kandidaten der SPD wurden durch die Nazis sehr stark unter Druck gesetzt, sie wurden misshandelt und sogar zu Tode gequält. Den Kandidaten Theisen verprügelten sie, streuten ihm Salz und Pfeffer in die Wunden und schmissen ihn vor die Haustür. Er verstarb im Krankenhaus. Franz Groß versteckte sich dann im Rotlichtviertel in Braunschweig und nach dem Tod Theisens verzichtete er auch auf die Kandidatur, was das Ziel der Nazis war, da sie nun sagen konnten: Seht her, eure Kandidaten verlassen euch. Franz Groß wurde dann durch seine Firma nach Hannover versetzt, weil er in Braunschweig unter starkem politischem Druck stand. Nach dem Krieg wurde er sofort von den Engländern in Braunschweig als Ratsherr eingesetzt.

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