Helmut Thamm wurde am 17.5.1922 in Halle an der Saale geboren.
1933, bei Hitlers Machtergreifung, war er 10 Jahre alt.
Seine Eltern, Walter und Marie Thamm, waren seit 1919 in der SPD
in Halle an der Saale als Funktionäre tätig. Seit der
gleichen Zeit engagierten sie sich stark im Arbeiterturn- und
Sportbund. Schon vor 1933 spürten sie den Druck der Nazis,
die nächtliche Überfälle auf SPD-Mitglieder und
Arbeitersportler verübten. Bereits Anfang 1933 war er als
damals 11jähriger Junge bereits voll in die Politik seiner
Eltern einbezogen. Er war bei vielen illegalen Parteitreffen indirekt
dabei, wußte von allen Dingen, wußte aber vor allem
auch, daß er mit keinem darüber reden durfte und auch
bei Behörden und Verhören dichthalten mußte. Helmut
ging 1935 in einen Radsportverein, um der Hitlerjugend noch ausweichen
zu können. Auch über die Fluchtplanungen von seinem
Vater, seiner Mutter und von ihm war er von vornherein informiert
und er wußte, daß er mit niemandem darüber sprechen
konnte.
Helmut Thamm ging vor 1933 in eine weltliche Schule, die kurz
nach der Machtübernahme durch die Nazis verboten wurde. Am
Tag der Machtübernahme sagte er in der Klasse, man müsse
streiken, bis die Nazis nicht mehr an der Macht sind und ging
nach Hause. Dies blieb nicht ohne Folgen, auf dem Zeugnis stand,
daß er einmal unentschuldigt gefehlt hatte. Als er auf die
andere Schule ging, wurden die 13 Schüler der ehemaligen
weltlichen Schule gleich in Schlägereien mit Hitlerjungen
verwickelt. Durch zusätzliche Sprüche wie Nazischweine
war die Gefahr, in ein Erziehungsheim gesteckt zu werden, sehr
groß. Auch nach der Schule prügelten sich die "Roten,
so wurden die von der weltlichen Schule genannt, mit den Hitlerjungen.
1934 wurden an der normalen Volksschule bereits Kurse angeboten,
wie man mit einer Gasmaske durch vernebelte Gänge kriecht.
Es gab also 1934 schon Vorbereitung auf den Krieg.
Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurde die SPD zerschlagen
und die Arbeitersportverbände verboten. Seine Eltern setzten
ihre Arbeit in der Sozialdemokratie nach 1933 illegal fort und
organisierten illegale Tätigkeiten gegen den Nationalsozialismus.
Da sein Vater verbotenerweise noch Kontakt zu ehemaligen SPD-Funktionären
hatte und das bei der Gestapo aufgeflogen war, wurde er im Februar
1935 verhaftet und in das berüchtigte KZ Lichtenburg bei
Torgau gebracht. Nach 10 Monaten wurde ihm der Prozeß wegen
Hochverrats gemacht, in dem er wegen der Aussageverweigerung einiger
Zeugen mangels Beweisen freigesprochen wurde. Nach der Freilassung
setzte er seine Untergrundtätigkeit fort. Da auch diese aufzufliegen
drohte, und er nach mehreren Vernehmungen durch die Gestapo gewarnt
wurde, flüchtete er im Sommer 1936 ins Ausland. Er fuhr zuerst
mit dem Zug nach Freudenstadt, weil in Kehl am Bahnhof Kontrollen
waren. Von Freudenstadt aus fuhr er dann mit dem Fahrrad weiter
nach Kehl. Von dort schwamm er durch den Rhein nach Straßburg.
Da er dort nicht bleiben durfte, wurde er nach Brüssel abgeschoben.
Dort wurde er von den belgischen Sozialisten unterstützt
und von der Regierung als politischer Flüchtling anerkannt.
Helmut Thamm arbeitete nach der Schule als Lehrling bei Karstadt,
wo auch er die Macht der Nazis spürte. Der Direktor, Herr
Sauskat, wurde nach einiger Zeit durch einen Herrn Bertram ersetzt,
dieser hatte das goldene Parteiabzeichen, d.h. er war schon vor
1933 in der NSDAP. Nach der Flucht seines Vaters wurden er und
seine Mutter ständig von der Gestapo verhört und belästigt.
Walter Thamm organisierte dann von Belgien aus ihre Flucht. Über
Freunde wurde per Post korrespondiert und so beschlossen, daß
er und seine Mutter im Mai 1937 in Aachen bei einer bestimmten
Adresse sich melden sollen. Belgische Freunde von ihnen waren
schon früher dort eingetroffen, um zu überwachen, ob
sie verfolgt wurden. Nachdem sie eine halbe Stunde vor dem Haus
gewartet hatten, wurden sie von belgischen Freunden übernommen,
die sie dann sie über die Grenze schmuggelten. An den Grenzkontrollen
kamen sie vorbei, da sie sagten, sie müssen zu einer Beerdigung.
Deshalb hatten sie sich auch dunkle Sachen angezogen. Als sie
endlich im Zug nach Brüssel saßen, waren sie in der
Freiheit. Bis 1939 lebten sie in Brüssel ziemlich ruhig.
Helmut Thamm fand Arbeit bei der Firma Coloprint und seine Eltern
arbeiteten als Schneider. Außerdem ging Helmut Thamm seinem
sportlichen Hobby, dem Radrennfahren, nach. Er trat dort in einen
Radsportverein ein und fuhr auch regelmäßig Rennen
mit. Aber bereits 1939 wurde die Kriegsgefahr immer größer
und überschattete das Leben. Viele jüdische Emigranten
konnten noch nach Übersee oder England auswandern. Am 10.
5. 1940 begann der deutsche Überfall auf Holland und Belgien
ohne Kriegserklärung. Walter Thamm bemerkte schon in den
Tagen zuvor, daß belgisches Militär in Richtung Grenze
zog und wurde unruhig. Durch den Einmarsch der deutschen Truppen
entstand ein Chaos.
Viele Ausländer, darunter auch Helmut Thamm und seine Familie,
wurden interniert. Nach drei Tagen holten sozialistische Freunde
sie wieder heraus. Sie versuchten per Fahrrad, nur mit dem Nötigsten
versehen, nach Südfrankreich zu kommen. Aber bereits in Ronse
(Renaix) wurden sie wieder festgenommen. In der Hysterie, die
herrschte, drohte man sie zu erschießen. Es gelang dennoch,
die Gendarmerie zu überzeugen, daß sie Emigranten waren.
Seine Mutter, Marie Thamm wurde nach Gent gebracht, während
Helmut und Walther Thamm sich in einer Kaserne wiederfanden, die
als Internierungslager umfunktioniert war. Dort schliefen sie
die Nacht vom 16. zum 17. Mai 1940 in den Kellern. Während
der Nacht wurde die Stadt Tournaix und damit auch die Kaserne
beschossen und bombardiert. Die Internierten legten sich deshalb
unter die Betten. Da Helmut Thamm am 17. 5. 1940 18 Jahre alt
wurde, schob ihm sein Vater in der Nacht eine Tafel Schokolade
rüber.
Am anderen Tag mußten sie und viele andere (Österreicher,
Staatenlose, Juden, usw.) zu Fuß durch das brennende Tournaix
marschieren, um einen Zug an der französischen Grenze zu
erreichen. Es war eine dramatische Situation. Millionen waren
auf der Flucht. Die deutsche Luftwaffe beschoß mit Tieffliegern
rücksichtslos die Zivilbevölkerung, die sich in Massen
auf den Straßen befanden. Nachdem sie den Zug erreicht hatten,
fuhren sie über Lille in Richtung Boulogne. Bei einem Bahnhof
entstand Unruhe, wobei ein Spanier erschlagen wurde und Helmut
Thamm ein blaues Auge bekam. Nach einiger Zeit mit dem Zug ging
nichts mehr. So mußten sie wieder zu Fuß mit belgischer
Bewachung weiter. Einige Internierte verloren die Nerven, ein
österreichischer Jude wurde von einem belgischen Soldaten
erschossen.
In der Nacht kam der Treck mit Bewachung zwischen die Kampflinien.
Die Internierten und die Soldaten liefen nach allen Seiten und
versuchten sich zu retten. Zuletzt waren nur einige Internierte
und einige belgische Soldaten übrig. Sie schliefen in der
Nähe von Marquise (zwischen Boulogne und Calais) in einem
Bauernhof. Am Morgen waren auch die letzten belgischen Soldaten
verschwunden. Zuerst wußten sie nicht weiter, denn im Süden
hatten die deutschen Panzer bereits Boulogne besetzt. Ihnen blieb
nur der Weg Richtung Calais und wieder Richtung Norden nach Belgien.
Da Calais nur über Sümpfe zu erreichen war, mußten
sie mit Booten übersetzen, was ihnen gelang. Die Hoffnung
evtl. noch ein Schiff nach England zu erreichen, ergab sich nicht,
da der Hafen voll abgesichert war vom englischen Militär.
Also ging es weiter nach Norden. In Gravelines war bereits wieder
Schluß, da alle Brücken gesprengt waren. Sie übernachteten
in einem Kino mit weiteren 4000 Leuten. Am nächsten Tag mußte
man mit einem Boot über einen Fluß setzen. Vor dem
Boot war eine riesige Schlange von ca. 3000 Leuten. Um eher dranzukommen,
sprangen sie etwa 6m in ein kleines Boot hinunter. Auf der anderen
Seite wurden alle durch Zivilkontrollen kontrolliert. Sie suchten
versteckte deutsche Nazis. Und wenn sie einen gefunden hatten,
oder meinten, einen gefunden zu haben, das waren meistens junge
deutsche Männer, wurden sie sofort erschossen. Da Helmut
Thamm genau den "Kriterien entsprach, beschuldigt zu
werden, war dies sehr gefährlich. Eine Lynchjustiz war bei
der aufgebrachten Stimmung immer möglich. Die Kontrollen
konnten sie umgehen, da Walther Thamm ein steifes Knie hatte,
und somit nicht als feindlicher Spion galt. Helmut Thamm half
ihm dann beim Koffer tragen und kam so auch an den Kontrollen
vorbei.
Weiter ging es dann nach Dünkirchen, wo bereits die große
Schlacht begann. Einen Bombenangriff konnten sie mit Glück
ohne Verletzung überstehen. Hinter der Grenze waren sie wieder
auf belgischem Boden in Adinkerke. Dort trafen sie einen alten
Freund und Spanienkämpfer, Philip Brand aus Brüssel,
der ihnen eine Unterkunft in einem Kinderheim besorgte. Der Kessel
um Dünkirchen wurde immer enger und einmal, als er Brot holen
wollte, sah er, wie eine Rakete am Strand einschlug. Kurze Zeit
später schlug eine etwas näher ein und nach einigen
weiteren Einschlägen, die immer dichter an der Menschenschlange
waren, in der er stand, wurde es ihm zu gefährlich und rannte
weg. Das war gut so, denn die nächste Rakete traf genau die
Menschenmenge in der er stand. Nach einer nächtlichen Artillerieschlacht
zogen schließlich die ersten deutschen Soldaten durch. Zum
Glück kontrollierten sie nicht, sondern zwangen nur alle
Zivilisten zur Räumung. Sie gingen dann wieder nach Brüssel
zurück, wo sie nach zwei Tagen ankamen. Dort fanden sie ihre
Wohnung und seine Mutter wieder.
Nun mußten sie sich auf das Leben unter schwierigen Bedingungen
einrichten. 1940 war ein Jahr des Hungers. Es gab kaum Brot, keine
Kartoffeln, keine Hülsenfrüchte, kein Fett oder Butter,
wenig Fleisch usw. Die Firma Coloprint Verlag, wo Helmut Thamm
beschäftigt war, hatte geschlossen. Der Firmeninhaber kam
erst nach längerer Zeit aus Frankreich zurück. Inzwischen
suchte er Gelegenheitsarbeit als Bote oder Laufjunge. Coloprint
wurde Ende 1940 wiedereröffnet.
Ab 1941 organisierte sich der Schwarzmarkt und der Widerstand.
Einen offenen Partisanenkrieg gab es aber nicht. Es wurden Lebensmittelmarkenstellen
und Banken überfallen. Die militärischen Tätigkeiten
waren nur Nadelstiche. Schienen und Brücken wurden gesprengt.
Belgische SS-Leute und NS-Kollaborateure wurden getötet.
Die Folge waren wahllose Erschießungen von Geiseln. Um sich
fortzubewegen, gab es eine eiserne Regel: Nie in einen Bus, Zug
oder eine Straßenbahn. Würden bei Kontrollen in öffentlichen
Verkehrsmitteln Waffen oder Flugblätter gefunden, wurden
alle Fahrgäste festgenommen und ein großer Teil davon
als nächste Geiseln erschossen. Die Bevölkerung demonstrierte
mit Verachtung und Nadelstichen z.B. trugen die Frauen und Mädchen
die großen schottischen Sicherheitsnadeln aus Sympathie
zu den Alliierten. Man hörte die englischen Sender. Es gab
falsche Personalausweise, Helmut Thamm profitierte auch davon,
er bekam ihn direkt von der Polizei.
Seine Eltern gingen sehr wenig aus der Wohnung, da ihr Französisch
nicht so gut war. Er selbst war durch den belgischen Personalausweis
weniger gefährdet. Dieser wurde wegen der Altersangabe auch
von Zeit zu Zeit verändert, da manchmal bei Kontrollen 18-20jährige
und ältere Männer als Zwangsarbeiter einfach mitgenommen
wurden und den Angehörigen erst Monate später Bescheid
gegeben wurde. Außerdem war er mit seinen Sprachkenntnissen
(flämisch, französisch und Brüsseler Patois) besser
dran.
Fast die ganze belgische Bevölkerung stand hinter den Alliierten.
Abgeschossene Piloten wurden wieder gesund gepflegt und wieder
zurück nach England geschleust. Ein deutscher jüdischer
Arzt, Dr. Heymann, wurde für diese Tätigkeit von der
belgischen Regierung später ausgezeichnet. Helmut Thamms
Chef wurde in dieser Zeit von der Gestapo im Betrieb verhaftet.
Er selbst konnte sich über die Hutmacherei eines großen
Kaufhauses in der oberen Etage über Dächer in Sicherheit
bringen. Die Erklärung, daß er sich vor der Gestapo
retten muß, genügte, um von allen Seiten Hilfe zu bekommen.
Daß die Gestapo auch bestechlich war, zeigte die Freilassung
seines Chefs nach kurzer Zeit. Einige Millionen, bezahlt durch
den belgischen Partner in der Firma, bewirkten das.
Einige Erlebnisse noch:
Sein Sportsfreund Gust Verhoogen und er wurden von einer Militärkontrolle
nach Waffen durchsucht. Zur gleichen Zeit hatten Kinder eine Zündplättchenrolle
auf die Straßenbahnschienen gelegt. Die Straßenbahn
kam, und es machte peng, peng. Die Soldaten legten sich gleich
flach, weil sie dachten, es würde geschossen. Die Leute schauten
aus dem Fenster und lachten die Soldaten aus.
Nach einer guten Plazierung in einem Straßenrennen in Erps-Kwerps,
ein kleiner Ort zwischen Brüssel und Leuven fuhren sein Freund
Verhoogen und er zurück nach Brüssel. Kurz vor Cortenberg
bekamen sie Ärger mit einem Ehepaar, weil sie ihnen nicht
schnell genug auf dem Radweg Platz machten. Ein Wort gab das andere,
und plötzlich zog der Mann eine Handfeuerwaffe und wollte
sofort seine Ausweispapiere sehen, da er Helmut Thamm wohl als
den Wortführer ansah. Nun merkten sie auch, daß dieser
Mann ein flämischer SS-Mann war. Sie standen am Ortsrand
von Cortenberg am ersten Haus. Die Leute aus dem Haus verjagte
er mit zwei Schüssen in die Luft. Auch Verhoogen und seine
eigene Frau sollten weiterfahren. Er hatte wohl Angst. Da der
SS-Mann sich anschickte, die falschen Ausweispapiere zu behalten,
machte Helmut ihn auf einen Erlaß der Militärregierung
aufmerksam, der besagt, daß niemand ohne Ausweispapiere
die Straße betreten darf. Es wirkte, er notierte sich die
Personalien und gab ihm den Ausweis wieder, das war wichtig, denn
sein Foto war darin. Nach einigen Tagen bekam er Nachricht von
seinem Freund Verhoogen, er stammt aus dieser Gegend, daß
er keine Angst mehr zu haben bräuchte, denn der Widerstand
hatte inzwischen diesen SS-Mann erschossen.
Ende 1940 beherbergten Helmut Thamm und seine Familie in ihrer
Wohnung eine jüdische Frau, Frau Loevenstein. Ihr Mann hat
es noch vor Kriegsbeginn geschafft, in die USA überzusiedeln.
Da sie es noch nicht geschafft hatte, beging sie bereits zwei
Selbstmordversuche, die allerdings scheiterten. Deshalb wurde
sie nun durch die Familie Thamm beaufsichtigt und auch gar nicht
aus dem Haus gelassen, da sie immer noch extrem selbstmordgefährdet
war. Anfang 1941 kam sie dann mit einem Flüchtlingstransport
nach Spanien, Bilbao. Von dort schrieb sie am 12.2.1941 eine Karte
an Thamms, in der sie mitteilte, daß sie am 20.4.1941 ab
Vigo über Kuba nach New York fährt. Ihr Mann Karl Loevenstein
war noch einmal extra nach Spanien zurückgekommen, um sie
abzuholen.
Am 6. Juni 1944, am Tag der Landung der Alliierten in Frankreich
feierten sie im Verlag die ganze Nacht. Die Gefahr des Verrats
an deutsche Behörden bestand nicht.
Nach dem 20. Juni 1944 wurde es noch einmal sehr gefährlich.
Die Militärverwaltung wurde durch eine Zivilverwaltung, d.h.
Gestapo, abgelöst. Der Verantwortliche General von Falkenhausen
wurde verhaftet (20.7.). Da diese viel strenger und brutaler war,
verloren viele Menschen in den letzten 2 Monaten bis zum 3. September
1944 ihr Leben oder wurden verschleppt.
In den letzten 2 Jahren der deutschen Besatzung hatte sein Vater
die Verbindung mit ehemaligen Sozialdemokraten wieder aufgenommen.
Diese hatten sich als Soldaten nach Brüssel für einen
Lehrgang gemeldet und besuchten Thamms. Das war die Vorarbeit
für die Zeit nach Hitler. Da die Freunde in Uniform kamen,
fielen sie auch auf der Straße auf, was einem zum Verhängnis
wurde, da er mit der Straßenbahn fuhr und das Schild nicht
gesehen hatte, auf dem stand, daß diese Tram nun ins Depot
fährt. Da der Schaffner, wie fast alle Leute gegen die Deutschen
war, sagte er ihm nichts und fuhr ins Depot, stieg schnell aus
und machte alle Lichter aus. Der Freund mußte im Dunkeln
über die Schienen den Ausgang finden und brach sich dabei
fast die Beine.
Kurz vor der Befreiung durch die Engländer wollten sie noch
mal Kartoffeln auf dem Schwarzmarkt holen. Auf dem Rückweg
wurden sie in einem Dorf gewarnt, weil an dem einen Weg deutsche
Truppen standen. Deshalb fuhren sie einen anderen Weg , auf dem
sich aber auch eine SS-Truppe befand. Diese war allerdings auf
dem Rückzug und sehr erschöpft. Sie fuhren schnell ohne
hinzugucken vorbei, weil die SS es sonst vielleicht als Provokation
empfunden hätte.
Erst nach dem Krieg erfuhren sie, daß der zuständige
Ausländerbeamte der Gemeinde Woluwe-St.Lambert die Dossiers
aller gefährdeten Personen vor den deutschen Kontrolleuren
versteckt hatte.
1948 kehrte sein Vater Walther Thamm wieder nach Deutschland in
die politische Arbeit zurück. Die Folgen der Gesundheitsschäden
aus der KZ-Haft beendeten 1951 sein Leben, was auch offiziell
durch die Wiedergutmachungsbehörde bewiesen ist. Er wurde
53 Jahre alt.
Abschließend ist zu sagen, daß Helmut Thamm und seine
Familie während dieser Zeit sehr viel Glück gehabt hatten,
und mit der Hilfe von belgischen Freunden nicht von den Nazis
entdeckt wurden bzw. durch Bombenangriffe etc. nicht getötet
oder verletzt wurden.
Helmut Thamm heiratete am 23. 12. 1949 Irmgard Groß in Braunschweig.
Ihr Vater, Franz Groß, war bereits lange vor 1933 auch in
der SPD tätig und wurde nach der Machtübernahme der
Nazis noch zur Landtagswahl in Braunschweig als Kandidat aufgestellt.
Die Kandidaten der SPD wurden durch die Nazis sehr stark unter
Druck gesetzt, sie wurden misshandelt und sogar zu Tode gequält.
Den Kandidaten Theisen verprügelten sie, streuten ihm Salz
und Pfeffer in die Wunden und schmissen ihn vor die Haustür.
Er verstarb im Krankenhaus. Franz Groß versteckte sich dann
im Rotlichtviertel in Braunschweig und nach dem Tod Theisens verzichtete
er auch auf die Kandidatur, was das Ziel der Nazis war, da sie
nun sagen konnten: Seht her, eure Kandidaten verlassen euch. Franz
Groß wurde dann durch seine Firma nach Hannover versetzt,
weil er in Braunschweig unter starkem politischem Druck stand.
Nach dem Krieg wurde er sofort von den Engländern in Braunschweig
als Ratsherr eingesetzt.