Ich wurde am 19. Juni 1928 in der Paulstrasse in Westerland geboren.
Es war eigentlich eine sehr ruhige Strasse. Meine erste Bekanntschaft
mit den Nationalsozialisten machte ich als Kind von ca. 5 Jahren,
als ich abrupt von meiner Mutter von der Strasse geholt wurde.
Denn es kam ein LKW mit laut grölenden und singenden Männer
die Strasse Richtung Neue Strasse hochgefahren. Diese waren SA
Leute (Schlägertruppe), wie ich durch Erwachsenengespräche
erfahren konnte. Diese Leute sollen auch in der Neuen Strasse
von jüdischen Bewohnern Betten usw. rausgeschmissen haben.
Habe da aber nur eine schwache Erinnerung davon. Aber dieses Rollkommando
habe ich wie heute noch in der Erinnerung. War wohl der Schreck
oder die Angst als Kind. Weitere Entwicklungen bekam ich als Kind
auch nicht mit.
Vater und Mutter hatten meistens Arbeit, und so ging es uns auch
wirtschaftlich entsprechend gut. Politisch war keiner von den
beiden besonders interessiert. Später zogen wir in die Bismarkstrasse,
von da aus in ein mit Eigenleistung gebautes Doppelthaus in die
Deckerstrasse. Als ich ca. neun Jahre alt war, kam ich in die
DJ (Deutsches Jungfolk). Zuerst war dieses mehr freiwillig und
brachte sogar Spass. Wir hatten uns im Süden von Westerland
in einem ehemaligen Bunker aus dem ersten Weltkrieg eine Art Heim
eingerichtet.
Das ganze war mehr so richtig nach Pfadfinderart gehandhabt. Etwas
später, ca. 1938 - 39 kam dann immer mehr Zwang hinein. Ich
erschien immer in Zivil zum Dienst. Denn ich bekam und bekam von
Zuhause einfach kein Braunhemd mit Schlips und Knoten gekauft
(Geld war auch knapp). Aber man konnte zum Aussenseiter werden,
wenn man da nicht mitmachte. Das wollte ich zu der Zeit auch nicht.
Denn zu alternativen Denken wurden wir nicht erzogen. So bekam
ich dann eines Tages von meiner Grossmutter das gewünschte
Hemd (Fünf Reichsmark zu der Zeit). Mittlerweile hatte uns
die DJ so im Griff mit Mittwochs und Sonntagsdienst. Laufend Sport
usw. Und immer im militärischen Stil. Auch die Schleiferei
gefiel mir in dem Stil nicht.
Aber andererseits waren wir in diese Entwicklung reingewachsen
und fanden uns damit ab. Ich fehlte schon mal beim Sonntagsdienst.
Auch schon mal dreimal hintereinander. Das hiess zu der Zeit eigentlich:
Wochenend - Jugendarrest Flensburg. Zuerst musste ich, wenn ich
dreimal hintereinander gefehlt hatte, zur Kripo. Da wurde ich
dann zusammengestaucht. Der Kripo-
Beamte (Konrad) hatte es aber irgendwie immer unter den Tisch
fallen lassen und deshalb brauchte ich nie zum Jugendarrest. Da
gab es wohl nichts zu lachen. Ich machte dann auch einigermassen
weiter mit. Die Eltern hatten zu der Zeit auch überhaupt
keinen Einfluss auf diese Dinge. So kam dann, wie wohl für
viele voraussehbar, der 1.September 1939 mit dem Kriegsanfang.
Wir waren, kann ich mich erinnern, zu der Zeit gerade am Strand.
Ich dachte, hoffentlich kommen wir noch heil nach Hause bevor
geschossen wird. Als Kind hatte man eben noch keine Vorstellung
vom Krieg.
Am Strand hat sich die Nachricht vom Kriegsanfang wie ein Lauffeuer
verbreitet. Es war auch schon viel Militär zu dem Zeitpunkt
auf der Insel. Trotzdem lief der Kurbetrieb normal ungestört
mit Kurkonzert usw. weiter. Ab und zu hatten wir Besuch von meinem
Onkel (Bruder meines Vaters). Der war zu der Zeit Offizier im
Heer. Von Hitler hielt er aber nicht viel. Sein Eid als Soldat
war ihm heilig. Das wusste ich zu der Zeit auch noch nicht. Hätte
ich wahrscheinlich vom Alter her auch nicht begriffen. Wenn es
darüber Gespräche der Erwachsenen gab, passten sie sowieso
auf, dass wir Kinder nichts mitbekamen.
Es gab auch einiges Kurioses zu erzählen. Zum Beispiel, gab
es im Soldatenheim einen Feiertag, wo SA, HJ und alles, was es
sonst noch gab, aufmarschiert war. Dann hiess es:
Präsentiert die Flaggen!
Da war H.W. wohl zu übereifrig und stiess den Flaggenmast
mit der Spitze so fest in den Holzbalken, unter dem er mit seiner
Gruppe stand, dass er diesen nur mit Mühe wieder herausbekam.
Das sah so lustig aus, dass ich grinsen musste. Dabei wurde ich
erwischt und musste nach der Feier strafexerzieren (bin geschliffen
worden).
An etwas ähnliches kann ich mich noch erinnern. Inzwischen
war ich von der HJ (Hitlerjugend) über nommen worden. Es
war ein grösserer Aufmarsch an dem Tag von HJ und DJ. Wir
marschierten vom Bahnhof Westerland los und wurden von einem grösseren
Musikzug angeführt. Ganz vorne an der Spitze lief der Tambourmajor
H.Br. (Sehr eifrig in seinem Amt). Wir sollten laut Marschbefehl
hinter dem Hotel Deutscher Kaiser (heute Kaisers Kaffee
Geschäft) rechts in Richtung Norden (Rathaus) abbiegen. Was
wir einschliesslich Musikzug auch taten ! Nur der Tambourmajor
hatte wohl nicht richtig zuge- hört. Dieser marschierte statt
nach rechts, alleine gerade- aus die Friedrichstrasse hoch. Irgendwann
hat er es dann auch gemerkt Lustig war auch dieses, nur gelacht
haben wir erst später darüber !
Unser Vater wurde gleich am Anfang des Krieges eingezogen. Es
hat sehr viel Tränen beim Abschied gegeben. Wir sind drei
Geschwister. Wenn mein Vater auf Urlaub war, sagte er immer zu
mir: Wenn du dich freiwillig zum Militär meldest, fliegst
du Zuhause raus!
Solche Bemerkungen haben damals schon gereicht, um ins KZ (Konzentrationslager)
zu kommen. Die Soldaten, die fern der Heimat waren, wussten auch
nicht, was so in der Heimat politisch vor sich ging. Ich hatte
schon als 15jähriger meinen Wehrpass als Kriegsfreiwilliger.
Wir wurden so darauf gedrillt, uns freiwillig zu melden, dass
uns gar nichts anderes übrig blieb.
Was es hiess Frontsoldat zu sein, mit all seinen grausamen Erlebnissen,
sollte ich später auch noch erfahren.
Zwei, eigentlich drei Begegnungen, mit Hermann Göring hatte
ich auch. Ich mag etwa zwölf Jahre alt gewesen sein. Wir
waren mit mehreren Kindern in der Nähe vom Hotel Miramar.
Da hiess es: Hermann Göring kommt zum Strand und wird hier
am Strandübergang Friedrichstrasse aussteigen. Wir waren
natürlich neugierig und wollten ihn sehen. Er kam dann auch
mit einem Wagen vorgefahren. Ich stand ziemlich vorne und wurde
soweit von der Menge zum Wagen geschoben, dass Hermann Göring
fast die Wagentür nicht mehr aufbekam.
Alles schrie: Sieg heil ! Ich selber war nie für
lauten Jubel. Das hatte zu der Zeit nichts mehr damit zu tun,
dass ich vielleicht ein Gegner, oder Ähnliches, dieser Leute
war. Ich war, wie alle anderen in meinem Alter auch, in diese
Entwicklung reingewachsen und fand diese Welt, wie sie war, absolut
in Ordnung.
Meine zweite Begegnung mit Hermann Göring war in Berechtesgaden.
Dort war ich für ca. neun Monate am Königssee mit der
KLV (Kinderlandverschickung). Dieses war mit Schuldienst verbunden,
und natürlich gab es auch jede Menge HJ-Dienst. Eines Tages,
wir hatten Freigang, ich war am Bahnhof von Berechtesgaden und
stand an so einer Art Zeitungsstand in der grossen Bahnhofshalle.
Mit einem Mal sah ich, ich dachte ich gucke nicht richtig, Hermann
Göring eilig und grossen Schrittes die Bahnhofshalle durchqueren.
Es war noch ein Bayer in der Halle. Dieser rief laut: Sieg
Heil, als er Hermann Göring sah. Wenn einer in so einer
grossen Halle Sieg Heil ruft, klingt das doch recht
komisch. Göring war auf dem Weg zum Obersalzberg. Den Obersalzberg
bekamen wir aber während unseres KLV Aufenthaltes nie näher
zu sehen.
Wieder zuhause ging es mit der Schule, HJ-Dienst usw. wie gehabt
weiter. Meine Mutter hatte einmal ein besonderes aufregendes und
gefährliches Erlebnis in der oberen Friedrichstrasse. Ein
groes Flugzeug, eine HE 111 oder ähnliches, hatte versucht
am Strand notzulanden. Dabei flog es dicht über die Dächer
der Friedrichstrasse hinweg und streifte dabei mit einem Flügel
das Hotel Miramar. Das Flugzeug ist dann ins Wasser
abgestürzt. Die Mannschaft ist dabei ums Leben gekommen.
Was noch erwähnenswert ist: Die in den ersten Kriegsjahren
angeschwemmten englischen Seeleute und Piloten wurden mit Ehrensalven
beigesetzt. Dieses war für uns Kinder natürlich interessant,
da wir unter anderem die leeren Patronenhülsen sammeln konnten.
Der Ehrensalut wurde von Luftwaffensoldaten gefeuert. Später,
als man anfing die Städte zu bombardieren, hörte diese
Art von Beisetzungen auch auf.
Noch ein erwähnenswertes Erlebnis hatte ich in der Nähe
der Hauptwache zum Fliegerhorst. Diese war unmittelbar am heutigen,
nördlichen Friedhofseingang. Wir hatten da in der Nähe
auch unser Elternhaus. Mein Vater hatte gerade seinen Fronturlaub.
Er lag zu der Zeit mit seiner Einheit vor Leningrad. Wir spielten
in der Nähe der Flugplatzwache. Da kam ein HJ-Führer
mit ein paar Mädchen des Weges. Weil ich ihn nicht grüsste,
rief er mich zu sich. Er hat mich dann so richtig runtergeputzt.
So etwas musste man erlebt haben !
Die Vorgehensweise lässt sich nicht überliefern. Ich
ging nach Hause und erzählte diesen Vorfall meinem Vater.
Zufällig kam auch noch dieser HJ-Führer mit den Mädchen
an unserem Haus vorbei. Mein Vater bekam so einen Wutanfall und
stürzte auf diesen, nicht Gegrüssten zu, dass ich dachte,
den prügelt er wohl durch. Aber zum Glück, für
meinen Vater, tat er dies nicht, sondern schimpfte ihn, im wahrsten
Sinne des Wortes, so richtig aus. Er wäre ein Rotzbengel
usw.
Hätte dieser HJ-Führer meinen Vater angezeigt, hätte
es für ihn bös aussehen können, obwohl er Frontsoldat
war. Aber gerade weil er an der Front so viel gesehen hatte und
nun dieses Zuhause erleben musste, war er wohl so erbost. Mein
Vater hatte allerdings ein gestörtes Verhältnis zu Uniformträgern
und zum Militär überhaupt. Deshalb wurde er wohl auch
nur Gefreiter. Sein Bruder dagegen war Oberstleutnant, wurde später
Oberst. Die beiden trafen sich durch grossen Zufall vor Leningrad.
Sie hatten sich schon lange Zeit nicht mehr gesehen. Das war ein
Treffen, der Vollblutsoldat und der Musssoldat!
Der Vater der beiden Brüder (mein Grossvater) wohnte in einem
kleinen Dorf bei Flensburg. Er war ebenfalls ein grosser Hitlergegner.
Dies ist mir zu der Zeit alles nicht besonders aufgefallen. Denn
man musste doch sehr vorsichtig sein. Mein Grossvater liess aber
doch hier und da mal eine entsprechende Bemerkung los. Das begriff
ich auch erst später.
Denn für mich, wie schon erwähnt, war die Welt, wie
ich sie erlebte, in Ordnung.
Ein ins sehr nahestehendes älteres Ehepaar auf dem Festland,
(er war Frührentner) bekam vom Winterhilfswerk einige Kleidungsstücke
geliefert. Da war eine Jacke dabei, mit einem ganz deutlichen
Einschussloch drin. Natürlich weigerte er sich diese Jacke
anzunehmen, (wohl auch mit unpassender Bemerkung). Darauf hatte
er dann auch Gestapobesuch! Aber er hatte Glück. Es passierte
nichts weiter. Inzwischen wurden die Bombenangriffe auf unsere
Grossstädte intensiver. Wir auf Sylt wurden aber verschont.
Ausser mal ein Notabwurf. Einmal hatten wir, wie ich mich erinnere,
zwei Luftminen als Blindgänger in Westerland. Eine war in
der Feldstrasse im Garten von Walter Lange runtergegangen und
guckte über einen Meter aus der Erde. Ich bin morgens auf
dem Weg zur Arbeit daran vorbeigegangen. Warum da nicht abgesperrt
war, weiss ich auch nicht mehr. Die andere Luftmine war in dem
heutigen Westhedig runtergegangen. Zu der Zeit war ein Bauernhaus
(Friesenhaus) auf dem Grundstück. Dieser Blindgänger
war tiefer in den Boden gedrungen. Zur Bergung dieser Luftminen
hatte man KZ Häftlinge herangezogen. Es hat wohl Schwierigkeiten
bei der Bergung gegeben, da diese immer tiefer absackte. Die Bergung
glückte aber später ohne Verletzte.
An die Postboten der damaligen Zeit möchte ich erinnern.
Diese hatten nämlich nicht immer leichte Aufgaben zu erfüllen.
Wenn Briefe (Feldpostbriefe) vom Mann oder Sohn zu überbringen
waren, war das gewiss eine freudige Angelegenheit. Die Postboten
waren meistens weiblich und zu diesem Dienst vom Staat verpflichtet
worden. Wenn aber die Gefallenenmeldungen gebracht werden musste,
dann war das gewiss ein besonders schwerer Gang. Ich weiss, da
eine Nachbarin von uns, die als Postbotin verpflichtet war, meiner
Mutter mal erzählte, dass sie es einfach nicht über
das Herz brachte, so eine Gefallenenmeldung bei Frau X abzugeben.
Am nächsten Tag musste sie dann doch den schweren Gang machen.
Viele Frauen mussten im Krieg auch reine Männerarbeit machen.
Die Männer waren ja meistens zum Militär eingezogen
worden.
Willi Witte: Zigaretten und Brot für Gefangene