Willi Witte: Kriegserlebnisse
Im Lager kam die Parole auf, dass das Lager geschlossen den Russen
übergeben werden sollte. Da habe ich meine Siebensachen unter
den Arm genommen und bin aus dem noch schwach bewachten Lager
rausgeschlichen. Dabei lernte ich einen Niederländer und
einen Hamburger kennen, die die selbe Absicht hatten. Wir sind
nachher nur nachts marschiert. Abends versuchten wir, etwas zu
Essen bei den Bauern zu ergattern. Das klappte auch meistens ganz
gut.
Ich hatte zu allem Überfluss auch noch so eine Art Ruhr.
Wenn die beiden Landser nicht gewesen wären, wäre ich
wohl elendig umgekommen. Auch die Angst, in den Wäldern von
freigelassenen KZ Häftlingen erwischt zu werden, war gross.
Weshalb und warum, begriff ich erst später.
Uns dreien ging das zu Fuss gehen mittlerweile zu langsam. Da
sahen wir vom Berg aus vor einem Bauernhof einige Pferde weiden.
Wir haben uns nicht lange besonnen und uns drei Pferde von der
Weide geklaut. Es waren zwei russische Panjepferde und ein deutsches
Reitpferd. Gott sei Dank hatten alle drei Pferde Mundstücke
und Zügel, aber keine Sättel. Ich hatte noch nie auf
einem Pferd gesessen. Die beiden anderen Landser hatten da schon
einige Erfahrung. Der Niederländer und ich nahmen uns die
beiden Panjepferde. Das Schlimmste war, wenn der Niederländer
mal mit seinem Pferd ein Trab vorlegte, dann wollte mein Pferd
gleich immer hinterher.
Die beiden Panjepferde sind wohl längere Zeit ein Gespann
gewesen. Es dauerte so seine Zeit, bis wir beide uns einig wurden.
Wir ritten meistens am Tag oberhalb der Verkehrswege. Denn der
Amerikaner war schon oft unten auf den Strassen zu sehen. Wir
wollten weiter nach Westen. Zusammen sind wir ca. 200 km geritten.
Abends machten wir meistens für die Nacht bei Bauern Rast.
Die Gegend war voll von Flüchtlingen, die meistens bei den
Bauern unterkamen. Mein Hintern war so wund geritten, dass ich
noch knapp laufen konnte. Aber meine beiden Kameraden hatten mich
immer rührend versorgt. Im Stall hiess es immer: Hosen
runter! Ein Eimer Wasser hinten drauf und ein paar Hände
voll Mehl (selten knappes Puder) hinterher. Mittlerweile hatten
wir uns Wolldecken als Reitsättel zurecht gemacht. Zusammengebundene
Lederriemen dienten als Steigbügel. Das war schon mal eine
grosse Erleichterung. Es rutschte natürlich ein bisschen
hin und her.
Meine beiden Freunde waren in der Nacht meistens bei irgendwelchen
Frauen. Ich musste immer schön brav in der Scheune schlafen,
bis die beiden wiederkamen. Am frühen Morgen ging es wieder
in die Berge. Ich hatte immer noch meinen Durchfall und musste
oft Halt machen. Meine beiden Freunde haben immer gewartet. Alleine
hätten sie es wohl auch leichter gehabt. Einmal haben wir
einen ganzen Tag Pause gemacht, denn unsere treuen Pferde brauchten
auch mal eine längere Pause. Meine Freunde hatten mich bei
einer jungen Frau untergebracht. Diese wollte gerne, wenn ich
wollte, dass ich bei ihr bliebe, bis sich alles normalisiert hätte.
Aber abends ging sie zu irgendeinen Amerikaner, die in der Nähe
stationiert waren. Da ging ich doch lieber mit meinen Freunden
weiter. Die beiden hatten das Bleiben bei dieser Frau eingefädelt.
Auf unserem Ritt trafen wir auch viele andere Landser, die sich
wie wir schon Räuberzivil besorgt hatten. Da gab es Typen
mit grossem Einfallsreichtum, um sicher weiter nach Westen zu
kommen. Bei einer Rast auf einem Bauernhof lernten wir so einen
kennen. Der hatte sich irgendwie einen Leiterwagen beschafft.
Das Pferd dazu hat er wohl auch nicht geschenkt bekommen. Aber
so konnte er ganz frech die Strassen benutzen. Die Amis, die vorbeifuhren,
grüsste er immer. Die dachten wohl, dass ist einer von irgend
einem Bauernhof in der Nähe. Er sagte uns, dass er sogar
von der amerikanischen Militärpolizei, die auf Kreuzungen
stand, eingewiesen wurde. Wir mussten uns aber weiter in den Bergen
fortbewegen. Wir stiessen einmal auf eine Gruppe Landser mit fast
50 Pferden. Diesen schlossen wir uns kurz an. Ein Offizier führte
diesen Haufen an. Der kannte viele Schleichwege. So ein Haufen
von 50 Pferden und Reitern war schon imponierend, aber auch höchst
riskant.
Wir haben uns bald wieder in kleinen Gruppen getrennt. Irgendwann
später machten wir in einem kleinen Dorf Rast bei einem gröeren
Bauern. Dieser Bauer hat für uns den Tisch reichlich decken
lassen. Vom Ami weit und breit nichts zu sehen. Das Risiko erwischt
zu werden, wurde aber immer grösser. Wir entschlossen uns,
dem Bauern die Pferde gegen Gebot zu verkaufen. Wir bekamen einen
geräucherten Schinken und mehrere hundert Zigaretten. Ich
glaube, dass ich Tränen in den Augen hatte als ich Abschied
von meinen treuen Pferd nehmen musste.
Mit einem Mal war der Ami auf dem Hof und wollte uns gefangen
nehmen. In der Zeit, als wir beim Essen waren, hatte der Bauer
sich durch die Hintertür auf die Socken gemacht und beim
Ami Bescheid gesagt, dass da drei Soldaten bei ihm auf dem Hof
sind. Es waren nur ein paar Amis im Dorf. Meine Pistole hatte
ich schon länger nicht mehr. Wehren wollten wir uns sowieso
nicht. Die Amis nahmen uns dann bis zu dem Haus mit, wo sie sich
einquartiert hatten. Wir drei mussten uns dann auf der Strassenseite
des Hauses hinsetzen und der Dinge harren. Die Amis gingen dann
erst mal rein und haben sage und schreibe erst mal Mittag gegessen.
Wir sassen ganz ohne Bewachung draussen.
Aber auszurücken wagten wir auch nicht. Wenn ich hätte
englisch sprechen können, hätte ich glatt gefragt, ob
ich noch mal zum Hof zurück gehen könnte, um etwas Vergessenes
zu holen. Ich hätte den Bauern zu gerne eine Weile mit der
Mistgabel bearbeitet. Denn das war einfach zuviel für mich.
Essen geben, Pferde abkaufen und uns dann verraten und sich so
einen Namen machen wollen. Der Ami, auch später in Gefangenschaft,
hat auf solche Typen nie richtig reagiert oder diese für
voll genommen.
In meiner Dummheit und Angst hatte ich mein Wehrmachtssoldbuch
weggeworfen. Denn da war ja auf irgendeiner Innenseite der Stempel
der SS - Einheit drin, zu der man uns ja gegen unseren Willen
eingezogen hatte. Es war ja bekannt, dass man mit Angehörigen
der SS nicht zart umging. Meine Freunde und ich blieben aber noch
zusammen. Dann kamen wir in ein Sammellager. Im Gefangenenlager
wurden wir erstmal sortiert, Arme hoch und nach tätowierten
Blutgruppen gesucht. Diese kamen erst mal rechts raus. So wurde
ich von meinen Freunden und dem Schinken getrennt. Abschneiden
oder teilen ohne Messer, die man uns abgenommen hatte, konnten
wir nicht. Wir sahen uns leider nie mehr wieder.