Im Jahr 1943 rollt ein Zug mit französischen Gefangenen über
Drancy und Compiègne nach Berlin. Ziel ist das Konzentrationslager
Oranienburg - Sachenhausen und weiter das Zweitlager Heinkel -
Oranienburg. Unter den Gefangenen ist der französische Arzt
Paul Richert. Als nazifeindlicher Elsässer war er denunziert
und von der Gestapo verhaftet worden. Doch hier irrte sich die
Geheimpolizei, denn hinter diesem Namen verbarg sich der aus Deutschland
geflohene Jude Paul Ludwig Landsberg. Seine wahre Identität
wurde nie entdeckt.
Mit seiner Verhaftung im März 1943 endete eine abenteuerliche
Flucht durch die Schweiz, Spanien und Frankreich, die dem jungen
Mann so nicht vorherbestimmt schien.
Paul Ludwig Landsberg wurde in Bonn im Jahre 1901 als zweiter
Sohn des Rechtsprofessors Ernst Landsberg geboren, der als erster
Jude 1914 zum Rektor der Universität gewählt worden
war. Dieser ließ seine beiden Söhne protestantisch
taufen, während er und seine Frau Anna am jüdischen
Glauben festhielten. Der ältere Sohn Erich fiel 1916 als
Kriegsfreiwilliger, im Alter von 19 Jahren.
Nach dem Abitur studierte Paul Ludwig Landsberg Philosophie in
Freiburg, Berlin und Köln, wo er 1923 sein Examen ablegte.
Nun folgten die weiteren Schritte in der universitären Laufbahn:
1928 die Habilitation, 1930 Privatdozent für Philosophie
an der Universität seiner Heimatstadt. Nach dem Tod des Vaters
1927 blieb er seiner Mutter eng verbunden. Er nahm regen Anteil
am unruhigen politischen Geschehen der Weimarer Republik. Seit
seiner Schulzeit war er fasziniert von den Ideen Karl Marx. Er
lehnte die immer stärker werdende Nationalsozialistische
Deutsche Arbeiterpartei ab; nicht weil er Jude war, sondern aus
Sorge um die politische Freiheit. Sein Engagement gegen die Nazis
blieb diesen nicht verborgen. Ein ehemaliger Schüler warnte
den früheren Lehrer. Er hielt dessen Dossier zurück,
hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu der neuen
Partei einerseits und dem verehrten Dozenten andererseits.
Landsberg entschloß sich zur Flucht am 1. März 1933,
vier Tage vor der entscheidenden Reichstagswahl, die Hitler endgültig
die Macht sicherte. Schweren Herzens ließ der Flüchtling
seine Mutter zurück. Er wurde begleitet von seiner Verlobten
Magdalena Hoffmann, einer promovierten Philosophiestudentin. Sie
stammte aus katholischem Elternhaus, über alle konfessionellen
Grenzen hinweg heirateten die beiden im Juli 1933 in Zürich.
Doch Paul Ludwig Landsberg drängte es weiter, das Leben in
der Schweiz bot ihm keine Möglichkeit, als Universitätslehrer
tätig zu sein. So gingen die Landsbergs nach kurzem Aufenthalt
in Paris nach Spanien. Er folgte einem Ruf an die Universität
von Barcelona im Jahr 1934 und später an die Universität
Santander.
Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges zwang sie erneut
zur Flucht, wieder nach Paris. 1937 erhielt Landsberg eine Professur
an der Sorbonne. Er beteiligte sich aktiv an den gegen Hitler
gerichteten Bestrebungen der deutschen Exilanten in Paris. So
arbeitete er eng mit dem kommunistischen Verleger Willi Münzenberg
zusammen. Er publizierte auch in der Zeitschrift für Sozialforschung
des ebenfalls nach Paris emigrierten Max Horkheimer. Aber er gewann
auch viele französische Freunde, so vor allem den Philosophen
Jean Lacroix, der die linksliberale katholische Zeitschrift "Esprit"
herausgab.
Auf Vermittlung dieser französischen Freunde wurde er 1939
vor der ersten Internierungsverfügung für alle deutschen
Männer in Frankreich bewahrt. Aber die zweite Internierungswelle,
die nun auch die Frauen betraf, erfaßte das Ehepaar Landsberg.
Sie wurden in getrennte Lager verfrachtet, Paul Ludwig in die
Bretagne, seine Frau Magdalena nach Gurs bei Pau im Süden
Frankreichs.
Die deutschen Truppen und mit ihnen die Gestapo drangen nach der
Kapitulation Frankreichs immer weiter vor. Viele der Internierungslager
wurden den Deutschen übergeben, so auch das bretonische Lager,
wohin Pau Ludwig Landsberg deportiert worden war.
In buchstäblich letzter Minute gelang ihm und einigen anderen
die Flucht über die Mauer des Lagers. Ein Polizeipräfekt
hatte ihm zuvor einen französischen Paß auf den Namen
Paul Richert, Arzt, ausgestellt, Herkunft: Elsaß. Mit dem
Fahrrad fuhr Landsberg quer durch das besetzte und "freie"
Frankreich, auf der Suche nach seiner Frau. Einige Wochen verbrachte
er in Lyon bei seinem Freund Jean Lacroix, aber es drängte
ihn weiter. Die Möglichkeit einer sofortigen Ausreise nach
Amerika, die ihm Freunde verschafft hatten, lehnte er ab. Ohne
seine Frau wollte er nicht gehen, obwohl sie als "Arierin"
nicht so gefährdet war wie er. Schließlich fand er
sie in Pau, schwer erkrankt. Sie hatte im Lager Gurs einen Nervenzusammenbruch
erlitten und war nicht reisefähig. Wider allen Rat blieb
er in Pau, obwohl seine wahre Identität sich nicht geheimhalten
ließ. Als sich Magdalenas Zustand besserte, beschloß
er, nun die für die Ausreise nach Amerika erforderlichen
Papiere zu besorgen. Seine Freunde warnten ihn vor einer Razzia
der Gestapo, und er wollte den letzten Zug nehmen. Zu spät:
der Zug war schon abgefahren. Landsberg beging den fatalen Fehler,
in sein Hotel zurückzukehren. Dort wurde er am nächsten
Morgen verhaftet, denunziert von einem Franzosen als deutschfeindlicher
Elsässer.
Die Gestapo hatte ihn eingeholt, es folgte das langsame Hinsterben
im Konzentrationslager. Gequält, gedemütigt und ohne
ausreichende Nahrung erkrankte er schließlich an Tuberkulose.
Seine Freunde, selbst am Rande des Todes, versuchten ihm zu helfen.
Doch vergeblich, er starb am Pfingstsonntag des Jahres 1944 an
Auszehrung und Entkräftung im Krankenbereich des Konzentrationslagers.
Und seine Frau Magdalena, die sich nun Madeleine nannte? Im Oktober
1947 kehrte sie nach Deutschland zurück, nachdem sie ihre
geistige Gesundheit zunächst zurückgewinnen konnte.
1948 wandte sie sich an die Stadt Bonn und den Rektor der Universität
und erreichte eine Gedenkfeier mit feierlicher Enthüllung
eines Gedenksteins auf dem Familiengrab ihres Mannes in Bonn.
Anna Landsberg konnte nicht mehr an dieser posthumen Ehrung ihres
Sohnes teilnehmen. Sie hatte im Mai 1938 Selbstmord begangen,
als die deutschen Behörden ihr einen Paß für einen
Besuch bei ihren Geschwistern in der Schweiz und ihrem Sohn in
Frankreich verweigerten.
Madeleine Landsberg kehrte nach Frankreich zurück, die weiteren
Stationen ihres Lebensweges waren Bordeaux und Paris. Sie war
verbittert und voller Haß auf "die Deutschen",
die ihr den geliebten Mann genommen hatten. Sie konnte die
Vergangenheit nicht verarbeiten, im Gegenteil: die Vergangenheit
verschlang sie. 1952 kehrte sie wiederum nach Deutschland zurück,
ihre finanziellen Verhältnisse zwangen sie dazu. 1953 wurde
sie unter staatliche Pflegschaft gestellt, ihr Geist war nun völlig
umnachtet. Aus der hübschen und erfolgreichen Philosophiestudentin
war eine gebrochene Frau geworden. 1954 starb sie an Herzversagen
in einer Nervenheilanstalt.
Und die ehrende Gedenkplakette für Paul Ludwig Landsberg
auf dem Bonner Friedhof? 1963 wurde das Familiengrab in Bonn aufgelöst,
die Urnen der Eltern Landsberg nach Bedburg, der Geburtsstadt
Anna Landsbergs überführt. Auf dem Grab ihres Bruders
Paul Silverberg, Ehrenbürger der Stadt, fanden die Urnen
ihre Ruhestätte. Die Gedenkplakette für Paul Ludwig
Landsberg ist seitdem verschwunden.
Doch das war noch nicht die letzte Station der Familie Landsberg.
1967 mußte der Friedhof dem Braunkohletagebau weichen. Als
Ehrenbürger der Stadt erhielt Paul Silverberg ein neues Ehrengrab
auf einem neuen Friedhof. Jetzt verliert sich die Spur der Urnen
von Anna und Ernst Landsberg, nur vier Gedenktafeln erinnern noch
an die Mitglieder dieser bemerkenswerten deutschen jüdischen
Familie.