Am 14. November 1944 verließen um 8.00 Uhr früh 2 Personenkraftwagen
den Hof des Reichsverteidigungshauptamtes in der Prinz-Albrecht-Straße
in Berlin. Im ersten Wagen saß mein Bruder, im zweiten ich.
Beide gefesselt und begleitet von je 2 Gestapobeamten. Das Ziel
war der Volksgerichtshof in Berlin-Schöneberg, das spätere
Kontrollratsgebäude in der Elsholzstraße. Um 9.00 Uhr
sollte vor dem 1. Senat die Verhandlung gegen und eröffnet
werden. Angeklagt waren wir wegen Landesverrats, Wehrkraftzersetzung,
Kenntnis und Nichtanzeige eines Hochverrats.
Es handelte sich um den Umsturzversuch und das Attentat am 20.
Juli 1944 gegen Hitler und sein Regime.
Wie waren wir in diese Situation gekommen?
Soldat der Deutschen Wehrmacht
Ende 1941 wurde mein Bruder Soldat, Monate später ich. Wir
hatten uns beide jeweils zu den von uns bevorzugten Truppenteilen
freiwillig gemeldet, mein Bruder zur Artillerie des Heeres und
ich zur Marine.
Im Juni 1942 erhielt meine Mutter plötzlich den Besuch der
Gestapo. 2 Beamte wollten meinen Bruder und mich befragen, warum
wir nicht der HJ, dafür aber der Swingjugend in Hamburg angehörten.
Die Swingjugend war damals eine Protesterscheinung, die viele
Jugendliche umfaßte, nicht nur in Hamburg, sondern auch
in anderen Großstädten Deutschlands, wie wir heute
wissen. Wir kleideten uns mit Hut und Schirm, trugen die Haare
lang, sammelten Schallplatten mit amerikanischer Swingmusik, tanzten
danach und gründeten mit anderen einen "Cabinettclub
611".
Unsere Namen mußten der Gestapo bei Vernehmungen von Jugendlichen,
die bei einer Swingveranstaltung festgenommen worden waren, aufgefallen
sein. Meine Mutter hielt den Gestapobeamten entgegen, daß
die 3 Männer der Familie alle als Soldaten an der Front bzw.
in der Ausbildung seien, und daß die beiden Söhne sich
freiwillig zur deutschen Wehrmacht gemeldet hätten. Sie fragte,
ob es noch eines weiteren Beweises bedürfe, daß die
Männer der Familie aufrechte Deutsche seien. Die Gestapo
gab sich mit dieser Erklärung zufrieden, machte jedoch den
gesamten Vorgang aktenkundig. Dieser sollte uns 2 Jahre später
noch einmal begegnen.
Ende Januar 1943
Das Ende der 6.Armee in Stalingrad war unabwendbar geworden. Wir
hörten in den Decks des Schweren Kreuzers "Lützow"
in Nordnorwegen Görings denkwürdige Rede zum Ende der
Kämpfe in Stalingrad. Sie gipfelte in dem Satz "Wanderer
kommst du nach Berlin, dann berichte, du habest uns hier liegen
gesehen, wie das Gesetz es befahl". Wir wußten damals
nicht, wie viele Tausende es waren.
In Nordafrika stand das Afrikakorps Rommels unter starkem Druck
durch die über Tripolis von Osten vordringenden englischen
Verbände. Die Amerikaner waren in Westafrika gelandet und
im Vormarsch auf Tunis begriffen. Es war zu erkennen, daß
Nordafrika nicht mehr lange zu halten war.
Dieser Mehrfrontenkrieg war ein militärischer Wahnsinn. Ich
hatte die militärische Lage auf allen Kriegsschauplätzen
ständig verfolgt, die Wehrmachtsberichte gaben durch die
Nennung von Ortsnamen eine ausreichende Darstellung von den aktuellen
Bewegungen. Die üblichen Redewendungen, wie "im harten
Abwehrkampf" oder "Absetzbewegung" konnte ich interpretieren.
Das Kräftepotential war zu ungleich verteilt. Der Eintritt
Amerikas in den Krieg machte sich immer mehr bemerkbar. Dieser
Krieg war nach meiner Auffassung verloren.
Marineschule Mürwik April - September 1943
In einer Sonderveranstaltung, neben dem normalen Unterricht, führte
uns das Propagandaministerium in die Geheimnisse der Manipulierbarkeit
der öffentlichen Meinung ein. Als ein Beispiel von mehreren
nenne ich 2 Reden Hitlers während der monatelangen Tschechenkrise
1938: eine friedliche Rede in verbindlichem Ton und eine 5 Wochen
später gehaltene kriegerische Rede kurz vor der Konferenz
in München mit Chamberlain, Daladier und Mussolini. Hitler
wollte die Konferenzteilnehmer mit der demonstrierten Kriegsbereitschaft
seiner Zuhörer beeindrucken. Die Technik des propagandistischen
Redeaufbaues wurde uns per Originalton vorgeführt und die
Steigerung der erwünschten Stimmung der Zuhörer demonstriert.
Als Hitler seine Rede beendete, steigerte sich die Begeisterung
in dem euphorischen Ruf: "Führer befiehl, wir folgen!"
Die Verführung war gelungen. Auf Propaganda verstanden sich
die Nationalsozialisten.
Ich erinnere mich an eine Rede von Goebbels, die er im Februar
1943, kurz nach dem Ende der 6. Armee in Stalingrad, vor einem
ausgewähltem Publikum im Sportpalast in Berlin gehalten hatte.
Goebbels beurteilte diese Rede als die "Meisterleistung"
seiner gesamten propagandistischen Tätigkeit. Galt es doch,
die nach Stalingrad bedrückte Stimmung im Volk in einen "bergeversetzenden
Glauben an den Führer und den Sieg" zu verwandeln. Mit
psychologisch wohlkalkulierten Formulierungen führte er seine
Zuhörer von der Frage "Glaubt ihr mit dem Führer
an den Endsieg?", die natürlich mit einem lauten "Ja"
beantwortet wurde, über mehrere Stufen hin zu der Frage "Wollt
ihr den totalen Krieg, wenn nötig totaler und radikaler,
als wir ihn uns heute Oberhaupt vorstellen können?".
Auf das aus 20.000 Kehlen geschmetterte "JA" beendete
Goebbels seine Rede mit der klaren Aufforderung an alle "Nun,
Volk, steh auf und Sturm, brich los." Die Begeisterung der
Massen, die in einer nicht zu beschreibenden Hysterie endete mit
schreienden Menschen, die bereit waren, sich zu allem verführen
zu lassen, wurde noch minutenlang im Radio übertragen. Mir
lief es schaudernd den Rücken hinunter, als wir im Deck unseres
Schiffes in Nordnorwegen Zuhörer dieses Massenwahns wurden.
Ende Juli 1943 erlebte ich etwas von dem totalen Krieg in Hamburg,
das über 6 Tage in Tag-und Nachtangriffen alliierter Flugzeuge
systematisch zerbombt wurde. Meine Mutter lebte dort in unserer
Wohnung. Ich hatte nach den ersten Angriffen Sonderurlaub erhalten,
um nach ihr zu sehen. Sie hatte schon 3 ausgebombte Familien aufgenommen.
Ich erhielt eine Lehre in diesen Tagen, welches Leid die Zivilbevölkerung
auszuhalten hatte. Wasser, Strom, Gas, alles war ausgefallen.
Die Versorgung der Bevölkerung war nur durch die Wehrmacht
möglich. Das war der erste "Abglanz des totalen Krieges",
den 5 Monate vorher Goebbels dem Deutschen Volk versprach.
Für mich stand fest, dieser Krieg, der von vorne herein nicht
zu gewinnen war, mußte beendet werden. Gegen Ende der Marineschulzeit
im September 1943 sah ich meinen Vater, General Fritz Lindemann,
das erste Mal wieder seit ich Soldat war. Er war Anfang August
nach bisheriger ausschließlicher Frontverwendung in die
Dienststellung des Generals der Artillerie beim Chef des Generalstabes
des Heeres versetzt worden. Ich hatte mir vorgenommen, ihm meine
Auffassung offen darzulegen.
Wir hatten ein sehr ausführliches Gespräch über
die gesamte militärische Lage. Meiner Schlußfolgerung,
daß der Krieg verloren sei, stimmte er zu. Er sprach aber
auch von anderen Dingen, die mir bis dahin verborgen geblieben
waren - von den Verbrechen gegen die Menschen in den besetzten
Ostgebieten durch SS-Sondereinheiten in einem für mich unvorstellbarem
Ausmaß. Wie konnte sich das Staatsoberhaupt über das
Gesetz stellen? - Warum konnte das geschehen? - und warum ließ
man Hitler an der Macht nach all den Erfahrungen der vergangenen
10 Jahre? Die Geschehnisse waren damals für mich so schwer
zu begreifen, wie sie für viele kaum begreifbar waren, als
sie nach der Kapitulation im Mai 1945 plötzlich den ungeheuerlichen
Tatsachen ins Auge sehen mußten. Gegen Ende dieser Eröffnung
sagte ich meinem Vater, daß wenn Hitler und seine Paladine
die Verderber Deutschlands seien, man auch den Mut haben müsse,
Hitler und seine Genossen zu beseitigen, und zu versuchen, den
Frieden auch unter größten Opfern zu gewinnen. Weiter
folgerte ich, daß zu diesem Zeitpunkt nur Offiziere in höheren
Dienststellungen in der Lage wären, eine entscheidende Wende,
welche auch immer, herbeizuführen.
Mein Vater antwortete mir erst nach großem Zögern,
daß es eine Gruppe von Offizieren und anderen Männern
in Deutschland gäbe, die an einem Umsturz arbeiteten. Es
komme ihnen darauf an Hitler, Göring und Himmler zu beseitigen,
die Macht zu übernehmen, und den Einfluß der SS, Gestapo
und der Partei zu eliminieren und zu versuchen mit den Gegnern
zu einem einigermaßen tragbaren Übereinkommen zu gelangen.
Er nannte keine Namen. Ich habe ihn auch nicht danach gefragt.
Das war zu dieser Stunde auch nicht nötig. Mich erregte und
beruhigte aber auch zugleich diese schwerwiegende Eröffnung.
Mein Vater war längst wieder abgereist, und ich brauchte
Zeit zur Verarbeitung des Mitgeteilten. Mein Kommando auf einem
gerade in den Dienst gestellten Zerstörer und der erneute
Einsatz in Nordnorwegen stellten neue Aufgaben und lenkten mich
von den Umsturzplänen ab, die ich aber nicht vergessen hatte.
Nach einer Auseinandersetzung mit der norwegischen Bevölkerung
beschäftigte mich die hypothetische Frage, was mit uns Soldaten
geschehen würde, wenn Hitler diesen Krieg gewinnen sollte.
Ich sah uns ein Leben lang als Besatzer - ungeliebt - und nach
nationalsozialistischer Vorstellung als das "germanische
Herrenvolk" - gehaßt von der Bevölkerung - überall
in Europa und Afrika - stupide unserer Aufsichtspflicht unterworfen
- und nach welchem Gesetz ? Das war nicht das Leben, weshalb ich
Soldat geworden war.
Mir wurde klar, wir durften diesen Krieg auf keinen Fall gewinnen,
nicht nur unseretwegen, sondern aller anderen Menschen wegen,
die unter unserem, dem nationalsozialistischen Joch zu leiden
haben würden.
Januar 1944
Im Januar des Jahres 1944 besuchte mich mein Vater in Gdingen,
damals Gotenhafen, wo ich in der Ausbildung zum U-Bootswachoffizier
war. Ich hörte hier zum ersten Mal genaueres von Greueltaten
an den Juden und auch von dem, was die Alliierten "unconditional
surrender" nannten. Die Chancen für einen Verständigungsfrieden
mit den Alliierten nach einer Beseitigung Hitlers waren außerordentlich
gering. Aber die Beseitigung Hitlers war nach wie vor als unbedingtes
Erfordernis anzusehen.
März 1944
Das nächste Mal traf ich meinen Vater im März 1944 in
Flensburg auf einem weiteren Ausbildungskursus, den ich dort zu
absolvieren hatte. Mein Vater brachte in dieser Unterredung zum
Ausdruck, daß manche der fahrenden Feldmarschälle des
Heeres ihre Unterstützung eingeschränkt hätten,
für eine Zeit nach einem vollendeten Attentat auf Hitler.
Wir sprachen auch über die Stimmung im deutschen Volk. Wir
waren uns klar darüber, daß weitaus die Mehrheit nicht
verstehen würde, warum ein Attentat gegen Hitler durchgeführt
würde. Aber mein Vater war der Meinung, daß die Beseitigung
Hitlers eine Verpflichtung für jeden sei, der die Situation
Deutschlands und die Verbrechen seiner Führung überschauen
könne, und der an Deutschland und seine Zukunft dabei denke.
Ihn schreckte auch nicht die Möglichkeit des Wiedererstehens
einer Dolchstoßlegende. Er war der Überzeugung, daß
der Schritt getan werden müsse und zwar bald.
30. Juni/ 1.Juli 1944
Am letzten Junitag 1944 traf ich meinen Vater in Swinemünde.
Es war ein sehr schönes, warmes Sommerwochenende. Er war
sehr nachdenklich und sehr ernst. Er teilte mir die Grenzen der
Besatzungszone der Alliierten in Deutschland mit und sprach von
der verhärteten Auffassung der Alliierten gegenüber
Gesamtdeutschland, ganz gleichgültig, ob Hitler an der Macht
bleiben würde oder ob eine andere Gruppierung an der Spitze
Deutschlands stünde. Er sprach davon, daß es in den
nächsten 8 Tagen losgehe. Eine wesentliche Voraussetzung
für die Durchführung des Attentates sei erfüllt.
Es kann sich dabei nur um die Versetzung Stauffenbergs zum Oberbefehlshaber
des Ersatzheeres gehandelt haben.
Die Alliierten waren Anfang Juni erfolgreich in Frankreich gelandet
und erweiterten das Invasionsgebiet ständig. Entscheidend
war die Luftüberlegenheit der Alliierten, die sich im Kampfgebiet
genauso bemerkbar machte wie über Deutschland bei Tag und
Nacht. Er sprach auch von meiner Mutter und meinen Geschwistern
und was mit uns geschehen würde. Ich hatte meinen Vater vorher
nie so gefaßt und gleichzeitig so ausgeglichen gesehen.
Die Würfel waren gefallen.
Wir verabschiedeten uns. Es war ein Abschied, der auch die Möglichkeit
einschloß, daß wir uns nicht mehr wiedersehen würden.
20. Juli 1944
An diesem Tag war ich auf einem Lehrgang in Plön in Schleswig-Holstein.
Die Unterredung mit meinem Vater ging mir immer wieder
durch den Kopf. Mich beschäftigte die Frage, warum dieses
Attentat hatte mißlingen müssen. In der Nacht hörten
wir gemeinsam die Ansprache Hitlers, in der von einer "kleinen
Clique verräterischer Offiziere" gesprochen wurde. Dabei
wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie weit der Widerstand
um sich gegriffen hatte, weit über die militärischen
Kreise hinaus. In meiner späteren Haftzeit lernte ich dann
Mitglieder der zivilen Widerstandskreise kennen.
Am nächsten Tag gingen wir in Stellung gegen eine Heeresformation
in Eutin, die sich dem Vernehmen nach nicht eindeutig für
Hitler erklärt hatte. Es war ja klar, auf welcher Seite die
Marine stand. Daran hatte der Treueschwur des Hitler hörigen
Großadmirals Dönitz keinen Zweifel gelassen.
Ende Juli 1944 auf der Kommandierungsfahrt nach Gotenhafen zu
meiner U-Flottille fuhr ich über Berlin und versuchte meinen
Vater telefonisch zu erreichen. Es hieß nur: "Der General
ist auf Dienstreise". Am 5. August 1944 wurden die ersten
Namen der Offiziere, der am 20. Juli 1944 Beteiligten, veröffentlicht.
Der Name meines Vaters war dabei. Er wurde unter "fahnenflüchtig"
geführt. Einen Tag nach der Veröffentlichung der Namensliste
fragte mich der 1.Offizier der U-Flottille nach der Namensgleichheit.
Sonst fragt keiner, keiner meiner Kameraden, keiner der Offiziere.
Ich konnte nur mit einem meiner Kameraden sprechen, was für
mich eine wesentliche Erleichterung war.
Am 8. August 1944 fand der erste 20.-Juli-Prozeß vor dem
1. Senat des Volksgerichtshofes gegen Witzleben, Hoepner, Stieff
und andere statt. Ich las die Zeitungsberichte und versuchte mir
eine Vorstellung von dem Geschehen und dem Vorsitzenden Freisler
zu machen.
Mitte August entschloß ich mich an meinen Onkel, den kommandierenden
Admiral der U-Boote, von Friedeburg zu schreiben, und ihn um Versetzung
zu einem Frontkommando zu bitten. Innerhalb weniger Tage traf
die Order ein, daß ich mich bei ihm in Kiel zu melden hätte.
Er fragte mich dort, ob ich von der Beteiligung meines Vaters
am Attentat etwas gewußt hätte. Ich verneinte das mit
Nachdruck. Ich wurde zu den Kleinkampfverbänden versetzt
und hatte mich ab sofort beim Stab des kommandierenden Admirals
Heye in Timmendorf zu melden, wurde den Sprengboten in Italien
zugeteilt, am nächsten Tag in Lübeck neu eingekleidet
und anschließend in Marsch gesetzt. Es war der 24. August
1944. Ich fuhr am Abend noch nach Hamburg, um in der Wohnung meiner
Eltern zu übernachten.
Am nächsten Morgen erschien die Gestapo und verhaftete mich.
Eine Mitbewohnerin, Bombenflüchtling in der Wohnung meiner
Eltern, hatte meine Anwesenheit angezeigt. Die Gestapo in Hamburg
vernahm mich bis zum 26. August mittags ohne irgendein Ergebnis
und brachte mich dann auf Anforderung der Sonderkommission am
26. August nachmittags nach Berlin. Am Abend schlossen sich dort
die Tore des Gefängnisses Lehrterstraße hinter mir.
Dieses Gefängnis war zu einem Teil unter Bewachung der Gestapo
für die Häftlinge des 20.Juli-Attentates reserviert
worden. In diesem Moment wurde mir klar, daß ich endgültig
Gefangener des Regimes war.
Georg Lindemann: Gefangener des NS-Regimes