Georg Lindemann: Attentat am 20. Juli 1944
Aufgrund der Beteiligung meines Vaters, General Fritz Lindemann,
an dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 verhaftete mich die
Gestapo am Morgen des 25. August 1944. Eine Mitbewohnerin, Bombenflüchtling
in der Wohnung meiner Eltern, hatte meine Anwesenheit angezeigt.
Die Gestapo in Hamburg vernahm mich bis zum 26. August mittags
ohne irgendein Ergebnis und brachte mich dann auf Anforderung
der Sonderkommission am 26. August nachmittags nach Berlin. Am
Abend schlossen sich dort die Tore des Gefängnisses Lehrterstraße
hinter mir. Dieses Gefängnis war zu einem Teil unter Bewachung
der Gestapo für die Häftlinge des 20.Juli-Attentates
reserviert worden. In diesem Moment wurde mir klar, daß
ich endgültig Gefangener des Regimes war.
Bei meiner Vernehmung im Hause der Gestapo Prinz-Albrecht-Straße
konnte ich nicht ausschließen, daß ich etwas von einem
Umsturzversuch wußte. Man hatte sich zunächst meine
Geschichte angehört, auch daß ich Seeoffizier bleiben
wollte, bevor man mir nach 2 Stunden einen Brief vorlegte, den
ich nach dem letzten Treffen mit meinen Vater an meinen Bruder
geschrieben hatte. In diesem Brief sprach ich über berufliche
Pläne nach dem Krieg. Daraus war ersichtlich, daß ich
in einen zivilen Beruf gehen wollte, woraus die Gestapo schloß,
daß ich bisher nicht die Wahrheit gesagt hatte. Mein Bruder,
Heeresoffizier an der Ostfront, war schon vor mir verhaftet und
nach Berlin zur Gestapo gebracht worden. In dem Brief standen
noch weitere Andeutungen, die mir vorgehalten wurden. Und nun
geschah ein Wunder. Die Gestapobeamten gingen zum Mittagessen.
Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet, denn ich brauchte
dringend Zeit zum Überlegen.
Ich entschloß mich zu einem Teilgeständnis mit einem
logischen Aufbau, in das ich aber nur die beiden letzten Unterredungen
mit meinem Vater einbezog. Dieses Teilgeständnis gab nicht
die Wahrheit wieder, sondern entstand lediglich unter der Zielsetzung,
möglicherweise den Kopf oben zu behalten. Ich konnte mein
Geständnis selbst diktieren.
Die Tage in der Zelle Lehrterstraße verliefen eintönig,
nur unterbrochen durch die Essenszuteilung und Kontrollen durch
junge SS-Soldaten. Kein Spaziergang, keine Kontakte, keine Zeitung,
keine Verbindung zur Außenwelt, nur bruchstückhafte
Informationen drangen zu mir vor, demzufolge die Amerikaner im
Vormarsch auf die deutsche Westgrenze waren. Der Wettlauf mit
der Zeit um unsere Köpfe hatte begonnen !
Die 2. Vernehmung, an der auch der berüchtigte Stellvertreter
Kaltenbrunners, SS-Obergruppenführer Heinrich Müller,
zeitweise teilnahm, stand unter dem Motto, "Wer nicht für
uns ist, ist gegen uns und muß ausgemerzt werden",
und "Hitler ist ein Eisenklotz, mit dem ich sie erschlagen
könnte". Diese Vernehmung dauerte mehr als 10 Stunden.
Um mich unter Druck zu setzen, wurde unter anderem mein Vater
zum Halbjuden, ich zum Vierteljuden gestempelt. Aber die Vernehmer
erreichten keine neuen Erkenntnisse. Von diesem Tage an wurde
ich gefesselt, tagsüber die Arme nach vorne, nachts nach
hinten. Ab diesem Zeitpunkt rechnete ich mit dem Schlimmsten.
Am 3. September wurde mein Vater verhaftet. Ich erfuhr davon innerhalb
weniger Stunden. Ein Kalfaktor unterrichtete mich durch die Tür
meiner Zelle.
Ende September wurden viele 20.-Juli-Häftlinge in das Untersuchungsgefängnis
Tegel verlegt. In der Gruppe, die mit mir in einer Grünen
Minna zusammen dorthin fuhren, traf ich meinen Onkel Hermann
Lindemann und die Herren Senzky, Marks und Gloeden, die meinen
Vater verborgen hatten.
In Tegel wurden wir von Zivilbeamten bewacht, die etwas menschlicher
mit uns umgingen als die Gestapobewacher im Gefängnis Lehrterstraße.
Wenn ich uns sage, dann meine ich die Männer, mit denen ich
dort zusammen sein und die ich langsam kennenlernen konnte: Moltke,
Delp, Gerstenmaier, Kleist, Fugger, Schulenburg, Jessen und andere.
Ich sah auch meinen Bruder wieder. Er war als Heeresoffizier an
der Nordfront und aus bedrohlicher Lage herausgeflogen worden,
festgenommen wegen Äußerungen, die er im Zusammenhang
mit dem 20. Juli gemacht hatte. Ihm konnte die Gestapo keine Mitwisserschaft
nachweisen.
Am 5. Oktober vormittags lag das Gefängnis Tegel in einem
schweren Bombenhagel. Als sich der Staub verzog, konnte ich in
die Zelle unter mir sehen. Die Bombe war dicht neben der Hauswand
heruntergegangen. Daß ich das überstanden hatte, hat
mir wieder neuen Mut gegeben. Im Laufe des nachmittags wurde ich
verlegt. Mein neuer linker Nachbar war Helmuth James Graf von
Moltke, dessen aufrechte und feste Haltung ich bewunderte. Auf
der anderen Seite Eugen Gerstenmaier, der Zuversicht und Fröhlichkeit
ausstrahlte und sich später vor dem Volksgerichtshof auch
vor dem Galgen retten konnte.
Es war eine Zeit des ganz intensiven Erlebens. Häufig wurden
Mithäftlinge zur Gerichtsverhandlung abgeholt und zum Tode
verurteilt, direkt nach Plötzensee zur Hinrichtung gebracht.
Andere warteten in den Zellen in gefaßter und beispielhafter
Haltung auf die Vollstreckung des Urteils. Langsam leerten sich
die Zellen. Mir half das Gemeinsame mit diesen Männern und
die Nähe meines Bruders. Von meiner Mutter und Schwester
wußte ich nichts. Die Gestapo hatte auf Fragen nicht geantwortet.
Ende Oktober wurde mir im Gefängnis Tegel der Haftbefehl
ausgehändigt. Er war an den ehemaligen Oberfähnrich
zur See gerichtet und der Kernsatz lautete: "Er wird beschuldigt
von dem Vorhaben eines Hochverrates glaubhaft Kenntnis erhalten,
es aber unterlassen zu haben, der Behörde oder den Bedrohten
hiervon rechtzeitig Anzeige zu machen. Er hat, obwohl er sich
über die hochverräterische Natur dieses Unternehmens
im Klaren war, keine Anzeige darüber erstattet."
Anfang November wurden mein Bruder und ich plötzlich in das
Hausgefängnis der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße
verlegt. Die Zellen lagen im Keller. Es herrschte eine düstere
Atmosphäre, absolute Abgeschlossenheit gegenüber jedem
Mitgefangenen.
Ich erhielt dort die Anklageschrift und die Vorladung vor den
Volksgerichtshof zu einem Termin am 14. November 1944 zusammen
mit meinem Bruder. Der Pflichtverteidiger wurde benannt, aber
auf ihn wartete ich vergebens.