Ich war gerade 17 Jahre alt. Bin in einer Kleinstadt mit 3000
Einwohnern in der Nähe von Danzig aufgewachsen. Wir lebten
wie in einer Dorfgemeinschaft. Wir kannten uns fast alle. Der
Krieg nahm immer mehr an Härte und Brutalität zu. Menschenmateriel
wurde an der Kriegsfront verheizt. Die Blüte der Jugend wurde
im viel zu frühen Alter im Kampf für das Vaterland gefordert.
Der größte Teil der Jugend wurde zur Infanterie oder
Waffen SS einberufen.
An der Zahl der öfters in unserem Ort eintreffenden Vermissten,
Verwundeten und Gefallenenmeldungen konnte man sich ein Bild über
den äusserst erzwungenen Kampfeinsatz machen. Die deutsche
Wochenschau tat noch einiges dazu bei. Durch Gespräche mit
Soldaten (Heimaturlaubern, Verwandten, Brüder) war auch die
Vorstellung vorhanden, welche Strapazen und unsagbare Leiden,
hauptsächlich die Infanteristen durchzumachen hatten. Es
gingen viele Gedanken durch meinen Kopf und ich kam zu dem Entschluss
nicht bis zur Einberufung zur Infanterie oder Waffen SS zu warten.
Ich meldete mich freiwillig zur Luftwaffe und sah in meinem Wunsch
Flugzeugführer zu werden, ein nicht so hartes Los im Vergleich
zum Infanteristen.
Nach Prüfungen in der Fliegerannahmestelle Elbing und Königsberg
war ich für eine Ausbildung zum Flugzeugführer vorgesehen.
Anfang 1943 musste ich noch 3 Monate zum Reichsarbeitsdienst.
Nach Ableistung des RAD kehrte ich nach Hause zu meinen Eltern
zurück. Zwei Wochen später lag der Einberufungsbefehl
zur Luftwaffe vor. Ich war recht froh, das es mit der Einberufung
so schnell geschah, denn zu dieser Zeit erging es etlichen, die
für die Luftwaffe oder Marine gemustert waren, ganz anders
und sahen sich in den Erdkampftruppen wieder.
Nach Einkleidung in Eger wurden wir zum Luftwaffen-Ausbildungs-Regiment
nach Frankreich verlegt. Kurze Grundausbildung und Versetzung
zum Fluganwärter Bataillon Monte-Rosa in Raum St. Malo Frankreich.
Ende 1943 erfolgte die Versetzung zur Flugzeugführerschule
A 115 Wels bei Linz. Nach Ausbildung zum Flugzeugführer wurde
ich zum Schlachtgeschwader 104 Putow (Pommern) versetzt. Der Aufenthalt
in Putow war nur von kurzer Dauer. Benzinmangel für die Flugzeuge
war an der Tagesordnung. Eine Staffel (FW 190) kam noch zum Einsatz
an der Ostfront. Mitte Februar 1945 wurde das Schlachtgeschwader
104 mit 1. Gruppe (3 Staffeln) 2. Gruppe (3 Staffeln) nach Dänemark
Aalborg West verlegt. Hier tat sich nur Langeweile für uns
auf. Ein Gammelleben an der sogenannten Butterfront. Essen reichlich,
Speck, Eier, Schinken, Torten etc. Konnte man bei den Dänen
kaufen. An Geld mangelte es nicht, denn der Wehrsold und die Fliegerzuschläge
wurden in dänischen Kronen ausbezahlt. Im Gegensatz zum reichlichen
Essen hatten wir aber kein Flugbenzin um unsere Flugzeuge zu fliegen.
Durch Auflösung anderer fliegender Verbände kamen noch
Zuversetzungen von Flugzeugführern zum Schlachtgeschwader
104. Die Staffeln (6 an der Zahl) hatten inzwischen je Staffel
mehr als 100 Flugzeugführer erreicht.
So konnte es wohl nicht mehr lange weitergehen, zumal ein General
(genannt Heldenklau) schon 1944 technisches Personal und allgemeines
Truppenpersonal aus fliegenden Verbänden ausgekämmt
hatte und diese Luftwaffensoldaten der Fallschirmjägertruppe
im Erdeinsatz zugeführt hatte. Der Ausfall dieser Soldaten
wurde durch weibliches Personal ersetzt, die in Lehrgängen
zu Flugzeugtechnikerinnen und allgemeines Truppenpersonal geschult
und eingesetzt wurden. Wir hatten inzwischen so viele Luftwaffenhelferinnen,
so das wir schon das Putzlappengeschwader genannt wurden.
Wir brauchten nicht mehr lange auf einen für uns bewegenden,
ereignisreichen Tag zu warten. Es wurde befohlen, daß alle
Flugzeugführer des Geschwaders in der Flugzeughalle anzutreten
haben. Wir begaben uns mit sehr gemischten Gefühlen dorthin.
Was sollte mit uns geschehen. Die Vermutung, das eine Verlegung
mit Flugzeugen nach Deutschland erfolgen könnte, war so gut
wie ausgeschlossen, denn wir konnten auf Grund von Benzinmangel
die Flugzeuge kaum bewegen. Die Frontlage und das restliche Trümmerfeld
Deutschland, ließ dieses auch nicht zu. In der Halle waren
ca. 1000 Flugzeugführer angetreten. Es wurde ein geheimer
Aufruf des Reichsmarschalls Göring verlesen, der die Flugzeugführer
aufforderte, sich für einen entscheidenen geheimen Einsatz
freiwillig zu melden, von dem es möglicher Weise kein Zurück
geben würde.
Wer sich melden wollte oder nicht melden wollte, hatte ein Formular
zu unterschreiben. Freiwillige hatten ein Testament zu machen.
Bei dieser Bekanntgabe über ein Selbstopfer Unternehmen hatte
wohl jeder mit sich selbst zu kämpfen. Konnte überhaupt
zu dieser Stunde, wo die Amerikaner über den Rhein vorgestossen
waren, die Russen waren startbereit, um auf Berlin vorzustossen,
im Süden war die Front zusammengebrochen, die Deutsche Luftwaffe
war fast vernichtet, Industrie und Städte lagen in Schutt
und Asche, noch der Mut aufgebracht werden, sich für einen
Totaleinsatz mit Opferung des Lebens zu melden??.
Wer wollte aber als feiger Soldat abgestempelt werden? Der geleistete
Eid als Soldat hatte wohl auch seine Berücksichtigung bei
den meisten Flugzeugführern gefunden, sich freiwillig zu
melden. Ein Kamerad der sich nicht freiwillig melden wollte, sagte
zu mir, das er den Tod durch Selbstopferung nicht gegenüber
seinen Eltern verantworten könnte. Es war wohl denen bewusst,
die sich nicht freiwillig meldeten, das eine Abschiebung zur Infanterie
bevorstand.
Inzwischen kamen Parolen auf, das bereits Selbstaufopfer-Kommandos
eingesetzt worden waren. Flugzeugführer, die sich mit Sprengstoff
beladenen Flugzeugen auf besonders wichtige Ziele zu stürzen
hatten und Rammjäger feindliche Bombenflieger zu rammen hatten.
Später hat sich erwiesen, das die Parolen der Wahrheit entsprachen.
Wir verblieben weiter in Wartestellung. Ganz überraschend
war die Wahrheit durchgesickert, das die für ein Selbstopfer
- Unternehmen geforderte hohe Anzahl an Flugzeugen nicht zur Verfügung
standen, sondern nur eine geringe Anzahl an Flugzeugen gestellt
werden konnte. Kurz danach kam dann der Befehl an das SG 104 zum
Erdeinsatz im Grossraum Berlin. Nun ging es sehr hektisch bei
uns zu. Es musste uns erst klar gemacht werden, das wir keine
Luftwaffensoldaten mehr seien, sondern Infanteristen. Wir konnten
auch nicht für einen Erdeinsatz richtig ausgerüstet
werden. Modernes Waffengerät und Material war nicht vorhanden.
Schlechte Bekleidung, abgetragenes Schulzeug wurde ausgegeben.
Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir im Erdeinsatz ungeübt
waren. Am 11.04.1945 verliessen wir mit dem Güterzug (Stärke
1.200 Mann) Aalborg West in Richtung Ostfront. Auf dem Flugplatz
Aalborg waren Dänen beschäftigt und so konnte unsere
Verlegung nicht geheim bleiben. Der Dänische Widerstand hatte
davon Kenntnis bekommen. Es kam zu Sabotageakten an den Gleisanlagen
und wir benötigten 3 Tage bis zur deutschen Grenze. 3 Tage
Bahnfahrt dann noch bis in Nähe der Ostfront. (Grossraum
Berlin). Das Schlachtgeschwader 104 wurde in Luftwaffen-Regiment
6 umbenannt. Die Führung des Rgt. (1. und 2. Batallion) übernahm
ein Oberst von den Fallschirmjägern.
Die russische Armee hatte bereits die Offensive auf Berlin begonnen.
Wir wurden auch kurzerhand in den Einsatz geschickt um die Russen
aufzuhalten. Die Frage war aber, wie wir mit unseren Waffen (zum
Teil Gewehre aus dem 1. Weltkrieg, knapp an Munition, keine Granatwerfer)
gegenüber den russischen Panzern und gut ausgerüsteten
russischen Infanterieverbänden stand halten sollten. Diese
Frage beantwortete sich sehr schnell, denn das 1. Batallion (3
Kompanien) wurde innerhalb von 2 Tagen aufgerieben. Das 2. Batallion
(3 Kompanien) hielt am Pinow-Kanal und Hohenzollern-Kanal, 8 Tage
den Russen stand. Nach Rückzug und einen sinnlosen Gegenangriff
über flaches, offenes Gelände im Feuer von Artillerie,
Flugzeugen und russischer Infanterie, ebenfalls aufgerieben wurde.
Von den 1200 eingesetzten Soldaten sind leider ca. 800 Soldaten,
darunter viele junge Flugzeugführer, nicht aus dem Krieg
zurückgekehrt. Auf weitere Schilderungen möchte ich
verzichten, in Verehrung für den deutschen Infanteristen,
der oft Jahre aufs Schwerste zu Leiden hatte.