Kurzbericht: 1928 /33 Arbeitslosigkeit - Familien wohnen in Bretterbuden
auf ihren Kleingärten. Auf den Straßen Aufmärsche
der politischen Parteien. Die rechten und linken Gruppen prügelten
oder schossen sehr oft aufeinander. Aus Angst vor dem Kommunismus
wurden die Nazis stark. Ab 1933 ging es uns besser. Die Arbeitslosigkeit
wurde schnell beseitigt. Für Arbeit trat man auch in die
Partei oder ihrer Organisationen ein. Die Angst vor einem Bürgerkrieg,
siehe Rußland und Spanien, verschwand. Zuerst wurde heimlich
aufgerüstet, dann offen, die anderen Länder rüsteten
ja auch auf. Große gewaltige Feste brachten auch Gäste
aus anderen Ländern. Die Wochenschau zeigte, wie in vielen
Nachbarländern rechte Gruppen entstanden. Wir waren nicht
allein.
Die politischen Gegner waren in "Umerziehungslager"
gebracht worden. Sie und ihre Angehörigen durften nicht darüber
berichten. Das erfuhr ich aber sehr viel später. Mit der
Göbbelspropaganda wurden die "Volksgenossen" einseitig
berieselt und informiert, Arbeiter fahren mit dem KDF in Urlaub
- die Bauern werden verherrlicht - ebenso die Mütter und
die Jugend. Feindsender abhören war verboten und wurde schwer
bestraft. Warum sollten Bürger auch Feindsender hören,
wenn es ihnen besser ging. Den wirtschaftlichen Ruin haben die
Juden zu verantworten - (wurde uns berichtet) - die Arbeiter hätten
das Geld für Sie verdient. Bei uns im Arbeiterviertel gab
es keine Juden und die Synagoge in der Stadt ist auch stehen geblieben.
Die durch den Versailler Vertrag abgetrennten Gebiete wurden mit
großen Feierlichkeiten "Heim ins Reich" geholt
und jubelten jetzt mit.
Polen verweigerte die Rückgabe Danzigs und einen freien Durchgang
durch den Korridor in Westpreußen nach Ostpreußen.
Ferner fielen die Polen oft in die Grenzgebiete ein, - (wurde
uns berichtet). Die Besetzung des Senders Gleiwitz führte
dann zum Blitzkrieg gegen Polen. Danach Blitzkrieg gegen Frankreich
- der Erbfeind bedrohte uns wieder, Besetzung der Nordischen Länder
- um sie zu schützen!! Erfolge der Marine und Luftwaffe wurden
als "Sondermeldungen" gefeiert. Verluste? Normal - wie
immer im Krieg starben viele Menschen, unsere "Auf dem Felde
der Ehre" fürs Vaterland, siehe auch 1871 und 1914-18.
Weniger zu essen war auch normal - wir waren ja von Feinden umgeben.
Erst der Einmarsch in Rußland bereitete Sorgen. Wir hatten
doch einen "Nichtangriffspakt " geschlossen ? Laut geäußert
war es aber gefährlich. Nach Stalingrad und den vielen Luftangriffen
kamen Zweifel, die man aber für sich behalten mußte.
In der Heimat wurde durch Bomben gestorben. Die Großstädte
warnen nur noch Trümmerhaufen. Ein Soldat hinter der Hand
"Das ist ja schlimmer als an der Front". Es begannen
die Völkerwanderungen. Zuerst die Ausgebombten, die keiner
aufnehmen wollte. Familien wurden auseinander gerissen, Kinder
in die Kinderlandverschickung - Mütter mit Kleinkindern kamen
aufs "Land". Nur Arbeitskräfte durften die Städte
nicht verlassen. Dienstfähige Männer waren an der Front,
die sich nach Stalingrad immer weiter zurück zog. In der
Heimat Bombenalarm - stundenlang im Keller - Entwarnung alles
heil und gesund - in der Ferne Feuerschein. Anstellen nach Lebensmitteln
oder Fahrten zu bekannten Bauern. Tauschen und die kartenfreie
Abgabe von Lebensmitteln war verboten und konnten schwer bestraft
werden.
Berufstätige und Kinder übermüdet zur Arbeit oder
in die Schule. Der Weg dahin war oft mit Trümmer übersät.
Einzige Abwechslung: Kino mit Wochenschau - Durchhaltefilme und
Schlager, "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei..."
oder " Schau nicht hin, schau nicht her, schau nur gerade
aus...". Rückzüge an allen Fronten mit hohen Verlusten,
Tieffliegerangriffe auf die Flüchtlingstrecks aus dem Osten
- später aus allen Richtungen. In den Städten kein Stein
mehr aufeinander. Durchhalteparolen mit Sicht auf die "Wunderwaffe".
Attentat auf Hitler verfehlt! Nicht nur die Täter werden
hingerichtet. Alte Kommunisten und Widerstandskämpfer kommen
ins KZ - und nicht wieder. Den Krieg verlieren? Nicht auszudenken.
Wer es offen sagt, ist ein Volksverräter und kann mit der
Todesstrafe rechnen.
Also durchhalten und in Richtung Westen marschieren - besser flüchten.
Die Straßenränder sind mit überflüssig gewordenem
Hausrat - toten Tieren und Menschen gesäumt. Die Straßen
sind durch die von Tieffliegern in Brand geschossenen Wagen eingeengt.
Die Menschen in den immer länger werdenden Flüchtlingskolonnen
strömen in Richtung - Westen, übernachtet wird im Wald
oder beim Bauern in der Scheune oder im Stall.
Einige Bauern heizen die Waschküche und kochen Zentnerweise
Kartoffeln, um den größten Hunger zu stillen. Ich glaube,
man kann der heutigen Generation nicht erklären, daß
es zum Schluß auf einen Toten mehr oder weniger nicht mehr
ankam. "Weg" - nur nicht dem Russen in die Hände
fallen. Wer keine Angehörigen im KZ hatte, machte sich auch
keine Gedanken darüber.
"Kriegsende" - Gott sei Dank, es fällt kein Schuß
mehr. Aber sofort wurden wir mit Bildern aus den KZs überschüttet,
Am Anfang habe ich es nicht glauben können - solche Bilder
wurden uns von jedem Feindesland gezeigt, "Propaganda".
Es hat lange gedauert bis ich geschluckt habe, was in den "Zwölf
Jahren und drei Monaten " alles geschehen konnte. Europa
lag in Trümmern vom Nordkap bis zur Sahara, von der Atlantikküste
bis Sibirien. 50.000.000 Menschen weniger auf der Welt.
Danach haben aber die "Alten" angepackt. Die Trümmer
beseitigt, gehungert und gefroren. Eine Demokratie gegründet
und Freundschaften mit den ehemaligen Feinden geschlossen. Wenn
wir Älteren diese Welt beobachten, wird es den kommenden
Generationen schwer fallen, ohne Krieg auszukommen. "Am Frieden
kann die Wirtschaft nicht verdienen, es wird immer irgendwo auf
der Welt Krieg geben" erklärte mir mal ein älterer
Mann 1945.
Anfang März 1999 habe ich diese Zeilen geschrieben und zwei
Wochen später hatten wir in Europa ERNEUT Krieg.