Die ersten Wochen des Jahres 1945 brachten unserer schlesischen
Heimat viel Leid und großes Elend. Durch unser Dorf zogen
täglich Flüchtlinge aus dem Osten. Wir alle halfen,
auch die Kinder. Papa war kaum noch zu Hause. Er wurde überall
gebraucht für die vielen verzweifelten Menschen, die schon
seit Wochen unterwegs waren. Alle Häuser waren voll von Flüchtlingen.
Ein paar Leute aus unserem Dorf waren schon mit ihrem Hab und
Gut zu ihren Verwandten abgereist.
Die Front rückte immer näher, wir konnten es hören.
Am 8. Februar 1945 wurden die Wagen für den Treck vorbereitet,
damit nur noch angespannt werden brauchte. Die Geschäfte
räumten die Läden, wir konnten ohne Lebensmittelkarten
einkaufen. Das soll kein Russe haben, nehmt mit, was ihr tragen
könnt, sagte unser Fleischer Rauprich. Seine Frau hängte
mir noch eine große runde Wurst um den Hals. Es war aufregend,
so etwas gab es noch nie. In der Nacht wurde alles zusammengepackt.
Am 9. Februar mußten wir das Dorf verlassen. 19 Pferdewagen
und viele kleine Handwagen waren mit den notwendigsten Sachen
beladen. Meine Schwester Inge und ich zogen unseren Anhänger,
Papa hatte ihn aus zwei Motorrädern gebaut. Wie zwei Pferde
waren wir mit einer Wäscheleine eingespannt. Es war gar nicht
so leicht, im Schnee mit der Deichsel das Gleichgewicht zu halten.
Schweren Herzens zogen wir los, denn wir mußten Papa zurücklassen,
weil er im Volkssturm mit den wenigen alten Männern das Dorf
verteidigen sollte. Lehrer Bielik war unser Treckführer.
Wir kamen nur langsam voran, weil wir in dem Schnee schlecht laufen
konnten und vor uns die vielen Flüchtlinge die Straßen
blockierten. Mühsam erreichten wir die erste Station.
Wir mußten in einem Kuhstall übernachten. In den breiten
Mittelgang wurde Stroh gelegt und wir lagen wie die Heringe, alte
und junge Leute durcheinander, in voller Kleidung. Todmüde
fielen wir ins Stroh, denn wir waren den ganzen Tag bei klirrender
Kälte gelaufen. Die Kinder weinten vor Erschöpfung.
Aber zum Schlafen kamen die meisten nicht, denn eine Kuh kalbte
in dieser Nacht. Für die größeren Kinder war es
ein Abenteuer. Das schönste war die Wärme im Kuhstall.
Am Morgen ging es weiter. Es gab nur kalte Verpflegung, die wir
mitgenommen hatten. Auch Futter für die Pferde hatten wir
noch genug. Es ging nun in Richtung Sudetenland weiter. Die Berge
im Riesengebirge wurden immer höher, und das Glatteis machte
uns und den Pferden schwer zu schaffen. Wir jungen Leute liefen
oft voraus, um Asche oder Sand zum Streuen zu holen. Die Pferde
konnten es sonst nicht schaffen. Es war ein Elend, wie Mensch
und Tier sich bei dieser Kälte quälen mußten.
Die Schreie der Leute, vor allem der Kinder, wenn ein Wagen abgerutscht
oder umgekippt war, machte viele nervös. Alle waren übermüdet.
Wir sind vor Kälte immer hin und her gerannt, weil unsere
Glieder steif wurden. Immer hieß es nur weiter, weiter,
nicht stehenbleiben.
Unsere Verpflegung wurde weniger. Bei den Bauern hatten wir manchmal
Glück und bekamen frisch gemolkene Milch für die Kinder.
Die hohen Berge waren fast unüberwindlich, aber mit vier
oder sechs Pferden im Vorspann schafften wir es. Wenn es dann
bergab ging, mußten wir alle beim Bremsen helfen, denn die
Wagen rutschten weg. Als wir eines Abends Quartier suchten, konnten
wir nicht unterkommen, weil alles schon mit Flüchtlingen
voll belegt war. Wir mußten also weiter, obwohl es schon
dunkel war. Der Weg bis zum nächsten Ort war recht lang.
Die Strapazen wurden unerträglich. Wenn einer mal die Nerven
verlor, gab es immer wieder einen anderen, der ihn beruhigte,
denn wir waren ja alle auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen.
Wir Mädchen kümmerten uns viel um die Kinder und die
alten Leute. Die Jungen dagegen um die Pferde. Und sie halfen
den wenigen alten Männern bei den Reparaturen. Wir hatten
immer viel zu tun. Dabei lernte ich viel aus dem Verhaften der
einzelnen Menschen. Leute, die sich früher nie beachtet hatten,
wurden gute Freunde. Es gab auch weniger erfreuliche Situationen,
aber das waren Ausnahmen. So manche, denen man es nicht zutraute,
wuchsen über sich hinaus. Voller Bewunderung nahm ich mir
manche Frau als Vorbild, dazu gehörte als erste meine Mutter.
Sie war tapfer in jeder Situation.
Der große Treck aber ging unaufhaltsam weiter. Bei den nächsten
Quartieren kamen wir oft in Schulen oder Turnhallen unter. Manchmal
auch in Gasthäusern, da konnten wir uns mal waschen. Wir
fühlten uns wieder wie Menschen. Wenn wir die Straßen
voller Schneeverwehungen frei geschaufelt hatten, konnten wir
wieder etwas besser vorankommen. Nach einem schweren Tagesmarsch
hatten wir ein Quartier gefunden, wo wir einen Tag länger
bleiben konnten. Mensch und Tier konnten einen Ruhetag dringend
gebrauchen.
Von durchziehenden Flüchtlingen erfuhren wir, daß noch
ein Gäbersdorfer Treck unterwegs war. Er war noch weit zurück
und kam nur sehr schwer voran. Meine Schwester und ich nahmen
uns zwei ruhige Pferde und ritten ihnen entgegen. Wir hatten Schwierigkeiten
durchzukommen, denn die vielen Flüchtlinge blockierten die
Straßen. Darum mußten wir manche Umwege machen oder
warten, bis wir wieder weiter konnten. Freudestrahlend erreichten
wir unsere Gäbersdorfer. Das Schönste war, daß
Papa mitgekommen war. Er führte den Treck. Es waren fünf
Wagen, die von Ochsen, Kühen und schwachen Pferden gezogen
wurden. Mit unseren beiden Arbeitspferden konnten wir ihnen helfen,
jeden einzelnen Wagen über die Berge zu schaffen. Als das
geschafft war, schickte Papa Inge und mich voraus, um in dem Ort,
wo wir waren, noch Quartier für 54 Menschen zu organisieren.
Mama hatte sich schon Sorgen gemacht, weil wir so lange allein
unterwegs waren. Wir mußten noch lange warten, bis die Leute
bei uns eintrafen. Alle halfen, die erschöpften und durchgefrorenen
Menschen zu versorgen. Auch die Tiere fanden Futter und Ruhe für
ein paar Stunden.
Der weitere, noch lange und mühsame Weg machte allen schwer
zu schaffen. Auch auf der Südseite des Gebirges, wo es ja
bergab ging, war alles noch sehr schwierig, denn Schnee, Eis und
Kälte machten uns viel Kummer. Als wir dann nach Wochen das
Gebirge hinter uns hatten, kamen wir in eine schöne Landschaft,
wo das Laufen etwas besser wurde und es nicht mehr so kalt war.
Hunger und Erschöpfung begleiteten uns weiter, auch die Tiere.
Die Tschechen, in deren Land wir nun waren, wollten mit uns nichts
zu tun haben. Schlechte Behandlung in Massenquartieren war unser
Alltag. Wir wurden immer von einem Ort zum anderen gejagt, bis
hinter Prag. Eine Schule war für ein paar Wochen unser Zuhause.
Auch da bekamen wir viel zu wenig Hilfe. Kaum Verpflegung, nur
etwas Milch und Graupen für so viele, viele Menschen. Wie
Tiere hausten wir im Stroh und waren eingesperrt. Nur einzelne
Tschechen waren menschlich, wenn keiner es merkte.
Im Mai war der Krieg zu Ende. Nun bekamen wir den Haß der
Tschechen erst richtig zu spüren. Wir wurden durch das Land
getrieben mit Bewachung von Partisanen und ehemaligen KZ-Häftlingen,
die uns schikanierten und uns abscheulich beschimpften. Wir wurden
ausgeplündert, man riß uns einzelne Sachen vom Leib.
Überfälle gab es, als die Russen ins Land kamen. Im
Sudetenland folterte man die Menschen, und wir konnten erst nach
der Grenze allein weiter laufen. Wir waren wochenlang unterwegs
in Richtung Heimat, bis wir endlich in unserem Gäbersdorf
ankamen, wo auch schon lange die Russen und Polen hausten. Die
daheim gebliebenen Deutschen waren ihren Schikanen ausgesetzt.
Viele unserer Dörfer waren durch das Frontgebiet zum Teil
zerstört und ausgeplündert.
Raub, Mord, Vergewaltigung und vieles andere an menschlichem Leid
waren auch nach Kriegsende an der Tagesordnung. Wir waren die
Sklaven der neuen Herren. Krankheiten und Hungersnot blieben nicht
aus. Typhus ließ das halbe Dorf aussterben. Ich pflegte
ohne ärztliche Hilfe, Medikamente und Essen vier meiner Angehörigen.
Meine Großmutter, meine siebzehnjährige Schwester und
meine Tante starben. Nur meine Mutter überlebte es in einem
schrecklichen Zustand.
So lebten wir ein Jahr unter Polen und Russen. Polnische Familien
zogen in unsere Häuser, eine polnische Polizei herrschte
über uns. Pfingsten 1946 wurden wir ausgewiesen. In 50 Viehwaggons
wurden wir abtransportiert bis wir nach drei Tagen bei Braunschweig
in ein Sammellager kamen. Von da kam ich mit meiner Mutter nach
Schleswig-Holstein zu meiner Schwester, wo auch mein Vater aus
polnischer und russischer Gefangenschaft kam. Wir kamen in die
früheren Russenbaracken. Als Flüchtlinge und Vertriebene
wurden wir nicht gerade begeistert aufgenommen. Aber das Leben
ging weiter!