Berufswunsch und Stellensuche 1935
Eine Lehrstelle für Mädchen war auch schon 1935 eine
Utopie. Der Lehrer fragte einmal in der Klasse: "Was möchtet
ihr denn werden, wenn es Lehrstellen geben würde"? Was
die Jungen sich wünschten, weiß ich nicht mehr. Bei
den Mädchen hieß es oft "Verkäuferin oder
Büroarbeit" In dem Jahr wurde noch kein Wunsch erfüllt.
Ich war die Letzte und hatte viel Zeit zum Nachdenken, Ja. wenn
ich könnte, möchte ich wohl Lehrerin werden, aber das
behielt ich lieber für mich. Die Klasse hätte mich ausgelacht
und meine Mutter hätte von Sünde gesprochen. Ich sagte
dann auch laut: "Hausgehilfin!" Das war dann auch bis
zum Kriegsende mein Beruf.
Ich fuhr nun jeden Tag zur Zeitung, reihte mich in die Schlange
der Wartenden ein, um einen Stellenanzeiger zu bekommen. Der war
kostenlos und nach fünf Minuten vergriffen. Dann fuhr ich
sofort zu den angebotenen Stellen und fragte zuerst zögernd
und stotternd nach Arbeit. Acht mal bekam ich die Antwort: "Schon
besetzt oder wir suchen eine ältere Hilfe". Ich weiß
nur noch, daß ich nicht mit ungeputzten Schuhen auf Stellensuche
gehen durfte.
Durch Fürsprache bekam ich dann eine Stelle. Ich sollte nachmittags
in einem Frisörgeschäft das kleine Kind und die Wohnung
versorgen. Das schaffte ich mit meinen 14 Jahren nicht und suchte
nach einigen Monaten, wieder über den Stellenanzeiger, eine
neue Arbeit. Diese sollte für einige Jahre mein "Zuhause"
sein.
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