Während der Nazizeit gab es für ganze Klassen die Kinderlandverschickung,
damit wir nicht immer unter dem Bombenhagel waren. Ich wollte
so gerne mit nach Ungarn, aber ich mußte viele Hindernisse
überwinden.
Mein Vater war Kommunist und Widerstandskämpfer, das hat
ihm 3 Jahre KZ (Konzentrationslager) eingebracht und seine Tochter
wollte in die Kinderlandverschickung, aber es war ja traumhaft,
wir kannten ja gar kein verreisen und denn ins Ausland, es war
ja zu verlockend. Zuerst hörte ich nur, die Uniform kommt
mir nicht ins Haus, meine einzige Erwiderung war: "Vati du
brauchst es nicht zu bezahlen!" Nach vielen Kämpfen
durfte ich dann doch mit. Zuerst waren wir in einem Lager untergebracht
mit 5 Mädchen in einem Zimmer. Das Essen schmeckte zwar,
aber für uns ausgehungerten war es einfach zu wenig.
Eines Tages machten wir mit dem Küchenpersonal ein Picknick
und eine Wanderung durch die Karpaten, Unsere Schuhe waren nach
3 Jahren Krieg nicht das Wahre, wenn ich darüber nachdenke,
daß ich einen Nagel im Schuh hatte, dann tut es mir heute
noch weh. Jeden Tag mußten wir zum Appell antreten, da wurde
die Flagge gehißt und abends saßen wir im Kreis und
sangen schöne Lieder z.B. "Kein schöner Land in
dieser Zeit".
Dann brach Scharlach im Lager aus und nach der Quarantäne
kamen wir nach Szasregen, in der Nähe von Kronstadt, zu Pflegeeltern,
da blieben wir dann bis Oktober 1942. Es war eine traumhafte Zeit.
Die Pflegeeltern waren Deutsche, deren Vorfahren vor 800 Jahren
eingewandert waren. Meine kleine Pflegeschwester sprach deutsch,
ungarisch, rumänisch und den siebenbürger Dialekt. In
der Familie gab es gutes Essen, da hatten wir keine Probleme mit
dem Hunger.
Der Pflegevater war Architekt und die Pflegemutter kümmerte
sich um ihre 3 Kinder. Sie machte wunderschöne Handarbeiten
und hatte auch einen Webstuhl, wo sie ihre Teppiche selbst webte.
Die Pflegemutter brachte mir im Fluß Mieresch das schwimmen
bei, danach machte ich für das Jungmädelleistungsabzeichen
meinen Freischwimmer.
Es war immer heiß in Siebenbürgen und die Mücken
haben mich so gepisackt, da hat meine Pflegemutter mir den schieren
Essig über den Rücken gegossen, das half. Eines Tages
hatten wir wieder Appell, und ich wurde aufgerufen. Da stand ich
dann als 12jähriges Mädchen und man sagte mir, nehme
die Ohrringe raus, ein deutsches Mädchen trägt keine
Ohrringe. Ja, das war die andere Seite der Kinderlandverschickung.
Nachher sind mir logischerweise die Ohrlöcher wieder zugewachsen.
Die Siebenbürger Sachsen waren ein fleißiges Volk und
wie schon erwähnt - seit 800 Jahren ihre Heimat. Nach dem
Krieg sind die Pflegeeltern an den Attersee/Österreich geflohen
und dort seßhaft geworden. Ich habe sie dann durch das Deutsche
Rote Kreuz suchen lassen und auch gefunden. Ich möchte dieses
halbe Jahr in meinem Leben nicht missen. Was haben wir alles an
Sitten und Gebräuchen kennengelernt, wir hatten aber auch
eine sehr gute Lehrerin.
Seit dieser Zeit bin ich ein Ungarnfan und bin 1986 und 1997 mit
meinem Mann in Ungarn gewesen. Die Ungarn sind auch ein liebenswertes
und gastfreundliches Volk und darum würde ich gerne mal wieder
hinfahren.