Kindheit und Alltag in Dresden während des Ersten Weltkriegs
Meine Kindheit empfand ich als sehr schön. Obwohl meine Familie
nicht viel besaß, erinnere ich mich trotzdem gerne daran.
Es war ´ne besondere Atmosphäre im königlichen
Dresden. Wir wohnten in der Pirnaischen Straße in der Altstadt.
Nicht weit von uns weg lag das Zinzendorf Palais; gegenüber
das Georg Palais. Da residierte oft die Schwester von unserem
König, die Mathilde. Man sagte, dass die immer gerne ein
bissel viel trank. Die Herrschaften fuhren unweit von dem Haus,
wo wir wohnten, in großen Droschken vorbei. Sie saßen
sich gegenüber, und wir konnten von unserer Wohnung darauf
hinunter schauen. Beim Geburtstag des Kaisers oder des Königs
von Sachsen wurden in den Schulen Feiern abgehalten. Da gingen
die Schüler in Marine-Kleidung, die Mädchen mit blauen
Röcken und blauen Matrosenblusen und die Jungen mit blauen
Hosen und blauen Matrosenhemden. Auf dem Truppenübungsplatz
in Dresden-Neustadt fand an diesen Tagen eine große Parade
des Militärs statt. Die Bevölkerung schaute zu. Ich
kann mich noch entsinnen, dass mich meine Mutter im Sportkinderwagen
mitnahm. Da wir uns nicht in die große Menschenmenge mischen
konnten, standen wir abseits und schauten von etwas weiter weg
zu. Ich sah nur die Spitzen der Helme, die man Pickelhauben nannte,
in der Sonne blitzen. Dies hat mir damals so gefallen, dass ich
heute noch daran denke und ein Bild davon vor meinen Augen sehe.
Unsere Mutter war ja zu Hause und ging mit uns und den Müttern
von Schulfreundinnen in den Großen Garten, wo Spielplätze
waren. Der Große Garten gehörte früher zum königlichen
Hof, wurde aber später für alle freigegeben. Dort gab
es mehrere Wirtschaften, in denen oft Konzerte stattfanden. Wir
mußten aber rechnen und konnten uns eine Einkehr nicht leisten.
Die Mütter saßen auf den Bänken und hörten
der Musik zu, die aus den Lokalen herüberdrang und wir spielten.
Auch die adligen Damen zogen durch den Großen Garten im
Wagen, manche auch zu Fuß, mit großen Hüten und
schönen Schirmen. Wenn wir dorthin gingen, mußten wir
ja die Strasse entlang, wo der Reitweg war. Da kamen uns die Herrschaften
manchmal entgegen und meine Mutter sagte: "So, nun macht
schön einen Knicks". Wir mußten stehen bleiben
bis die Herren oder Damen dann mal huldvoll herunterguckten. Manche
taten es und andere nicht. Nach dem Ersten Weltkrieg waren sie
alle weg. In so einer Zeit bin ich groß geworden.
Auf der einen Seite war der Prunk und auf der anderen Seite war
die Armut. Als Kind spürt man diese Unterschiede nicht so.
Das muß eben so sein und damals kannte man es auch nicht
anders. Ich mußte immer die Kleider meiner acht Jahre älteren
Schwester auftragen, die meine Mutter für mich änderte.
Da war ich manchmal sehr traurig. Es war eine harte Zeit, aber
wir Kinder kannten es nicht anders. Wir waren dennoch lustig und
spielten auf den Straßen, denn selten kam ein Fuhrwerk daher.
Von Mai bis September liefen wir alle barfuß. Da wurde gespart.
Wir kriegten Sandalen, Holzsandalen, die waren in der Mitte geteilt,
damit die Sohlen beweglich waren. Beide Teile waren mit Metallscharnieren
verbunden. Wenn man lief, dann hingen die Scharniere immer an
den Fußsohlen fest, die bald blutig waren.
Ich erinnere mich noch an die ersten Autos, die vorne alle eine
Kurbel hatten, und die nur die Reichen besaßen. Wenn dann
einer daherkam, der Pech hatte und stehen blieb, sagte er: "Kinder
kommt, helft uns mal." Wir schoben nun das Auto an und kurbelten,
bis es ansprang und weiterfuhr. Manchmal kam der Eiswagen vorbei.
Hinten, hüben und drüben, war ein Platz, wo wir aufgesprungen
sind, und wir fuhren bis nach Johannstadt und weiter mit. Dann
mußten wir aber den ganzen Weg wieder zurücklaufen.
Und wenn der Fahrer merkte, dass wir mitfuhren, der Wagen wurde
ja früher meist von Pferden gezogen, dann schlug er immer
mit der Peitsche nach hinten. Dann sind wir aber schnell abgesprungen!
Die Kindheit war in dieser Beziehung unbeschwert. Man konnte auf
der Straße mit dem Ball oder dem Reifen spielen oder den
Kreisel treiben, man mußte nur aufpassen, wenn ein Pferd
vorbeikam. Es gab damals ja auch noch Pferdetränken auf der
Strasse, an denen die Fuhrwerke hielten.
Wir hatten nicht viel Spielzeug nur eine Puppenstube, die jedes
Jahr vom Vater neu tapeziert wurde und die Mutter nähte neue
Kleider für die Puppen. Danach waren wir glückselig.
Das einzige, was ich sonst besaß, waren Schlittschuhe. Meine
Mutter konnte Schlittschuhfahren. Sie ist mit uns in den Großen
Garten zum Neuen Teich gegangen, da brauchte man keinen Eintritt
bezahlen. Wir hatten noch Schlittschuhe, die man am Absatz und
am Vorderfuß an die normalen Stiefel anschrauben mußte
und wenn man ein bißchen gefahren ist oder mal ein kleines
Kunststück gewagt hat, da brach der Absatz ab. Am Rand hatte
ein Schuhmacher seine Holzhütte und der pochte wieder ein
paar Nägel rein. Dann konnte man weiterfahren, bis der Absatz
wieder kaputt war und es irgendwann gar nicht mehr ging. Die allerersten
Schlittschuhe damals waren noch nicht zum Anschrauben, sondern
die wurden nur mit Lederriemen gehalten.
Sonntags standen wir zeitig auf. Im Sommer wanderten meine Eltern
mit uns. Um sieben gingen wir schon los, entweder in den Zoo oder
wir fuhren in die Umgebung zu den Moritzburger Teichen oder zu
den Räcknitz Höhen oder über das Blaue Wunder (Anm.
berühmte Brücke über die Elbe) zu den Loschwitzer
Höhen durch die Weinberge des Königs. Als wir das Blaue
Wunder passierten, mußten wir pro Person fünf Pfennig
Brückenzoll bezahlen. Mein Vater hatte wirklich viel Arbeit
und mußte oft auch nachts raus, aber sonntags wurde mit
uns spazierengegangen. Es gab so viele Felder mit schönen
Blumen, Mohnblumen, Kornblumen und Margariten. Bei der Kirschblüte
oder -ernte waren an den Wegen Holzbuden aufgestellt, an denen
Kirschen für 5 oder 10 Pfennig die Tüte verkauft wurden.
1916 bin ich zur Schule gekommen. Unsere Schulsachen waren sehr
einfach. Mein Ranzen zum Beispiel war aus Pappe. Es war ein Jungenranzen.
Da der Krieg schon angefangen hatte, wurden drei Schulen zusammengenommen,
und man hatte einen weiten Weg. Da wurde in Schichten gearbeitet,
früh, über Mittag und nachmittags. Ich mußte von
der Pirnaischen Strasse nach der Gutzkowstrasse laufen, die beim
Hauptbahnhof lag. Und das im Winter durch den Schnee! Wenn wir
zur Schule kamen, hatten wir ganz nasse Strümpfe, nasse Füße
sowieso, und wenn wir dann nach Hause kamen, hat uns die Mutter
gleich empfangen, die Strümpfe ausgezogen und die Beine in
eine Schüssel mit warmem Wasser gesteckt. Damals gab es noch
keine festen Sohlen und in die Schuhe wurde bloß Zeitungspapier
gelegt.
Als der Krieg zu Ende war, ging eines Tages ein großes Munitionslager
in die Luft. Taghell war die Nacht, es hat gedonnert und gekracht.
Meine Mutter hat uns ein paar Decken vorgehalten, damit wir Kinder
ruhig waren und nicht immer den Lichtschein sahen. Das war allerdings
auf der Neustädter Seite und wir wohnten ja in der Altstadt.
Aber wer drum herum gewohnt hat, bei dem war es ganz schlimm.
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