Nahrung und Überleben in Dresden während des Ersten Weltkriegs
Es gab Leute, die sehr reich waren, die Mehrheit aber war arm.
Im Ersten Weltkrieg gab es ja noch keine Lebensmittelmarken und
man mußte sehen, woher man irgend etwas bekam. Satt gegessen
haben wir uns jedoch kaum. Wir hatten nicht viele Verbindungen
zum Land. Meine Mutter war in Loben geboren, einem großen
Dorf in der Sächsischen Schweiz, wo mein Großvater
Kantor und Lehrer war. Dort hatte sie noch ein paar Freundinnen.
Früher gab es um Dresden herum ja noch große Güter
und Felder. Auf dem Land haben wir Ähren gelesen. Diese tauschten
wir ein und kriegten für ein Säckchen Ähren ein
Säckchen Mehl. Die Familie meiner Patentante, die die Freundin
meiner Mutter war, hatte die Mühle in Wesenitz. Da kriegten
wir auch ab und zu etwas zu essen. Eine andere Freundin hatte
ein großes Kammergut zur Pacht. Von meinem Stiefbruder,
der im Krieg gewesen war, hatte ich, nach seiner Rückkehr,
ein ganz wunderschönes Kleid bekommen. Es hatte eine lange,
rote Bluse und ein schwarz-weißes Faltenröckchen im
Pepitamuster mit einem schwarzen Schlips. Als wir in Loben ankamen
und in das große Gut reingingen, liefen mir auf einmal zwei
Truthähne entgegen. Es hieß es ja immer, die könnten
die Farbe rot nicht leiden, da werden sie wild. Ich bin durch
den Hof gerannt, die Hähne hinter mir her, bis die Mägde
kamen, die mich dann in ein Haus zogen. Wir aßen im ersten
Stock; da saßen nur die Herrschaften und die Gäste.
Die Großmagd und der Großknecht aßen auch mit
oben, die anderen Bediensteten unten. Auf dem Land herrschte keine
Not. Ich kann mich noch genau an die wunderbaren Kartoffeln erinnern,
wir hatten ja kaum welche zu Hause! Nach dem Essen sagte ich:
"Och, jetzt bin ich aber satt, mir platzen bald die Hosen!"
Meine Mutter wäre fast in die Luft gesprungen, weil ihr das
so peinlich war, aber die Leute haben gelacht, ich war ja erst
fünf Jahre alt (1914). Was man manchmal so unbedacht herausplappert!
Meine Mutter hat sich vielleicht geschämt.
Da ja Hungersnot herrschte, fuhren wir oft bei schönem Wetter
in die Dresdner Heide, um Pilze, Heidelbeeren oder Preiselbeeren
zu pflücken. Fanden wir wenig Eßbares, so wurden Tannenzapfen
zum Heizen in die Rucksäcke gefüllt, denn Kohlen gab
es nur auf Bezugsscheine. Die Zuteilung ist mir nicht mehr in
Erinnerung, denn da war ich zu klein. An den Landstraßen
standen meist Obstbäume. Wenn Erntezeit war, gingen meine
Geschwister, um Fallobst zu sammeln. Da war Apfelmus für
uns ein Festessen!
Zum Glück war Dresden im Ersten Weltkrieg kein Kampfgebiet.
Wir sahen wohl Soldaten in Uniform, wenn die eingezogen wurden.
Meinen Cousin Erich, den traf ich mal im Großen Garten.
Er ging mit ein paar Soldaten an uns vorbei und schenkte mir ein
Säckchen Feldzwieback. Auf der anderen Straßenseite
von unserer Wohnung lag ein großer, freier Platz. Da konnten
wir zusehen, wie die Pferde für den Krieg Nummern eingebrannt
bekamen.
Wie das meine Eltern durch diese miese Zeit geschafft haben, weiß
ich nicht. Ich hatte eine Freundin, denen ging es noch schlechter
als uns. Sie ging mit mir in die Klasse und ihre Schwester ging
mit der Lotte (Anmerkung: ältere Schwester, geb. 1901) in
die Klasse. Wenn die uns sonntags zum Spielen abholten, kriegten
sie immer von meiner Mutter eine Schnitte Brot mit Margarine und
Zucker darauf. Sie haben gedacht, das wäre Kuchen. Die waren
glücklich, da sie das von zu Hause gar nicht kannten.
1915 haben wir einmal vom Land eine große Kanne voll Milch
geholt. An der Bahnhofssperre durfte ich nicht sagen, wie alt
ich war, denn bis 6 Jahre mußte man nur den halben Preis
zahlen. Ich war aber 6 Jahre ein paar Wochen. Meine Mutter sagte
zu mir: "Du wirst erst 6!" Und als man mich dann fragte,
habe ich erst gestottert und dann habe ich gesagt, dass ich fünf
sei. Wir sind eingestiegen und von Radeburg nach Dresden gefahren.
Auf einmal, wie das passiert ist, weiß ich nicht, ist mir
der Milchkrug umgefallen und die ganze Milch ist in den Wagen
gelaufen. Jetzt hätten wir ja Reinigungsgebühr zahlen
müssen. Meine Mutter hat mich gepackt, wir sind an der nächsten
Station ausgestiegen und haben uns in einem anderen Abteil verkrochen.
Komischerweise, so was behalte ich.
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