Nun habe ich mich doch dazu entschlossen, ein mehr als 60 Jahre
zurückliegendes Kriegserlebnis zu Papier zu bringen. Ich
beabsichtige damit, ein Erlebnis während meines Aufenthaltes
als kriegsverpflichtete Säuglingsschwester in der Harzstadt
Quedlinburg zu dokumentieren.
Ich wurde 1913 in Hannover geboren. Meine Ausbildung war von 1932
bis 1934 in Hannover und Wuppertal-Barmen im DRK. Bevor ich nach
Quedlinburg kam, arbeitete ich in Wien, im Wiener DRK-Rudolfiner-Krankenhaus
(es wurde während des Krieges umbenannt). Als die ersten
Bomben auf Hannover fielen, hatte ich Angst um meine alten Eltern,
hinzu kam viel Heimweh. So bat ich Frau Oberin um eine Versetzung
- nicht allzu weit von Hannover entfernt. So landete ich in Quedlinburg
und man setzte mich in einer Planstelle auf der Säuglingsstation
ein. Dies Haus bildete auch braune Schwestern aus, so trug man
mir schnell zu, dass meine Vorgängerin unbedacht ein Zitat
ihres Vaters äußerte: "Wir werden nicht siegen".
Diese junge Schwester wurde denunziert und an die Ostpreußenfront
strafversetzt. Aus Verzweiflung ging sie in die "Masuren".
Eines Abends, ich war gerade noch im Spätdienst, brachte
mir ein Autofahrer eine russische Zwangsarbeiterin. Sie erwartete
ihr neuntes Kind. Ich telefonierte nach Hilfe, doch es war niemand
mehr erreichbar. In der Geburtenhilfe hatte ich nur eine theoretische
Ausbildung und durfte nur im Notfall Hilfe leisten. Dieses galt
für mich als Notfall, also handelte ich. Alles verlief komplikationslos.
Als ich dem Kleinen gerade mit Streicheleinheiten den ersten Schrei
entlockte, betrat unsere Stationsärztin, eine Chirurgin,
den Saal. Sie gratulierte mir zum ersten Gelingen und sagte leise:
"Sie ist eine Jüdin". Die Ärztin übernahm
den Rest der medizinischen Versorgung und es gelang uns, Mutter
und Kind drei Tage zu verstecken. Die Stationsärztin kümmerte
sich später noch um die Entlassung beider.
Der Stationshebamme war es jedoch nicht entgangen. Sie drohte
fortan mit Verrat bei der Oberin. Die mit mir aktiv gewesene Ärztin
verfügte in dem Hause über Rang und Namen. Die Hebamme
indes war ohne Zeugen und zudem abhängig von der Ärztin
in der Arbeit. Ich bekam fortan jegliche Repressalien zu spüren.
Sie versteckte Kinderwäsche und Seife, so dass ich die Säuglinge
nicht baden konnte und verspätet zur Arbeit kam. Wenn ich
aus Zeitmangel mein Mittagessen nicht einnahm (die Schülerinnen
brachten mir dann das Essen auf die Station), schüttete die
diverse Person mein Essen in den Abfalleimer. Es folgten noch
andere Bösartigkeiten.
Der psychische Druck nahm zu und ich bekam Nervenfieber. Aus Sorge,
dass ich im Fieber reden könnte, bekam ich von der Ärztin
Schlaf- und Beruhigungsmittel. Vom Fieber endlich genesen, vermittelte
mich die Ärztin auf meinen Wunsch wieder nach Wien, wo ich
mit der alten Zuneigung empfangen wurde.
Dieser Bericht wurde anlässlich eines Projektes der "Geschichtswerkstatt
Hannover" von Frau Hildegard Kramer, Hannover, zur Verfügung
gestellt und in der Zeitschrift "Widerstand" (Heft Nr.
4, 10/2000) publiziert.