1934 wurde meine Halbschwester geboren. Mein Vater hatte vier
Jahre nach der Scheidung wieder geheiratet. Wir freuten uns über
das Baby. Das Kind entwickelte sich zunächst ganz normal,
nach etwa einem Jahr jedoch fiel auf, daß sie weder sprechen
noch laufen, ja kaum kriechen konnte. Es wurde immer klarer, daß
Edith ein behindertes Kind war. Ihre geistige Entwicklung blieb
völlig aus, sie war ein Vollidiot, wie man das damals
nannte.
In dieser Zeit wurden auf Hitlers ausdrücklichen Befehl alle
Behinderten und rassisch nicht "Einwandfreien zu Untersuchungen
gezwungen. Es sollte die Weitergabe kranken Erbgutes verhindert
werden. Die Diagnosen stellte man in bestimmten Krankenhäusern.
Dort wurden dann auch hemmungslos Sterilisationen und Kastrationen
durchgeführt, oder die Angehörigen erhielten einen Brief.
Diese lapidaren Schreiben enthielten eine Mitteilung an die Familien,
daß ihr Angehöriger, ihr Kind, der Bruder oder die
Schwester schnell und völlig unerwartet verstorben sei. Der
Grund war meistens eine Lungenentzündung oder ähnliches.
Wegen der hohen Infektiosität sei die Leiche sofort verbrannt
und im christlichen Sinne beigesetzt worden. Der Totenschein liegt
bei, Unterschrift - Heil Hitler! -
Eines Tages erhielt mein Vater, selber Arzt, die Aufforderung
im Namen des Führers, Edith in eine Hamburger Kinderklinik
einzuweisen. Es gab keine Zeit zu verlieren. Wir kannten eine
alte Diakonissin, die in ihrem kleinen Haus am Stadtrand schon
vier geisteskranke Menschen verborgen hatte. Edith wurde dort
hingebracht. Wie Vater den Behörden das Verschwinden seiner
Tochter hat erklären können, weiß ich nicht. Er
hat darüber nie gesprochen, wahrscheinlich aus Angst, daß
wir uns verplappern könnten.
Etwa ein Jahr später, das Versteck war wohl doch verraten
worden, brachte Vater das Kind nach Schleswig. Dort hatte er einen
Nervenarzt aufgetan, der in seinem Haus insgeheim mehrere geistig
Kranke versorgte. Das Haus lag in einem Wald, fernab von jeglicher
Zivilisation. Wie der Arzt die polizeilich natürlich nicht
gemeldeten Menschen hat kleiden und ernähren können,
ist mir ein Rätsel. Er bekam für sie weder Lebensmittelkarten
noch Kleiderbezugsscheine.
1947 haben wir Edith - 13-jährig - beerdigt.
Eine Lungen- und Darmtuberkulose hatte als Folge des Hungers ihrem
Leben ein Ende gesetzt.