Pimpfe
1938: Endlich waren wir zehn Jahre alt und durften (mußten)
in die Hitlerjugend, besser in das Jungvolk - das waren die 12-14jährigen
- eintreten. Wir waren Pimpfe, wie man damals, oft
ein wenig abfällig, sagte. In unseren tollen Uniformen hingegen
fühlten wir uns selbst schon richtig männlich. An Wochenenden
und Mittwochs nachmittags befahl man uns zum Dienst.
Man drillte uns in allem, was hart machte wie Kruppstahl,
flink wie Windhunde und zäh wie Leder. Sportliche
Ertüchtigung, Findigkeit in Geländemärschen mit
Tarnungs- und Orientierungsübungen. Überlebenstraining,
Schießen, Werfen mit Handgranaten und Erste-Hilfeleistungen
sowie Mutproben aller Art forderten den jugendlichen Ehrgeiz,
um einen kriegstüchtigen Nachwuchs heranzuziehen. In Ferienlagern
wurde das Gemeinschaftsleben im soldatischen Sinne vorgeführt
und die Jungen gleichzeitig dem Elternhaus entwöhnt. Man
gab ihnen so das Gefühl, dem Vaterland und vor allem dem
Führer zu dienen, und eben das war das Höchste
und Erstrebenswerteste für einen Hitlerjungen. Etwas anderes
haben wir damals weder gelernt noch erfahren.
Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges, September 1939, bekam das
alles einen aktuellen Sinn für uns. Wir waren eine gut funktionierende,
befehlsgewohnte und gehorsame Truppe, die es kaum
erwarten konnte, für Führer, Volk und Vaterland
zu kämpfen, zu siegen und selbstverständlich auch zu
sterben.
Es soll und kann keine Entschuldigung sein dafür, was Deutsche
den Menschen nicht arischer Abstammung oder anderer Denkungsart
angetan haben, aber wie hätte sich eine in absolutem Gehorsam
gegenüber der Obrigkeit erzogene und auf Grund ihres Alters
ohnehin kritikunfähige Jugend verhalten sollen? Für
alles, was der Führer mit dem schonungslosen Einsatz
der Deutschen erreichte, hatten wir doch nur staunende Begeisterung
und den Wunsch, selbst etwas, möglichst Heldenhaftes zu tun.
Daß einen Nazigegner, gefaßt oder auch nur denunziert,
gegebenenfalls der Tod durch Genickschuß erwartete - verbunden
mit Sippenhaft - soll hier nur am Rande erwähnt werden. Die
Erziehung in der Schule, Literatur und Kunst waren ausgewählt
nach nationalsozialistischen Gesichtspunkten und dienten letztlich
dem gleichen Ziel, wie die körperliche, politische und geistige
Ausbildung der Jugend. Zu wenig Eltern trauten sich, ihren Kindern
"revolutionäres Gedankengut zu vermitteln aus
Furcht, ihre Kinder zu verlieren oder gar von ihnen denunziert
zu werden.
Als dann die militärischen Niederlagen auf deutschem Boden
kamen und wir, 17jährig, ohne Waffen unter ständigem
Tieffliegerbeschuß dem Feind "zum Fraß
vorgeworfen wurden, kamen Zweifel am System, an der Unfehlbarkeit
der Vorgesetzten sowie die Angst, das junge Leben für eine
falsche, ohnehin verlorene Sache, einzusetzen.
Verhungert, verdreckt, verlaust, gedemütigt und demoralisiert
sollten wir erstmalig erfahren, welche Verbrechen durch Deutsche
in den KZ´s, Gefangenenlagern, unter Flüchtlingen, Ghettobewohnern
und Wehrlosen stattgefunden hatten. Wir waren über die Berichterstattungen
in Wort und Bild, z. B. aus den Vernichtungslagern der SS, ebenso
entsetzt, empört und verzweifelt wie jeder andere Mensch
auf dieser Welt.
In einer Diktatur wird Kritik weder gelehrt noch geduldet, sonder
eher geahndet oder gar mit dem Leben bezahlt.
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