Die "Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933 hat keine
allzu großen Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.
Ich war damals erst acht Jahre alt und lebte in einer Kleinstadt.
Heute wird oft behauptet, jeder hätte Anfang der dreißiger
Jahre sehen können, in welche Richtung die Reise ging. Das
war nicht der Fall. Ich jedenfalls bekam von Rechtsbeugungen und
Verfolgungen Andersdenkender recht wenig mit. Erinnerlich ist
mir noch die Verhaftung aktiver Kommunisten und Sozialdemokraten
Ende 1933. Ich hörte von den Erwachsenen, daß diese
Leute in ein sogenanntes Umerziehungslager eingewiesen worden
waren. Früher oder später kehrten alle mir bekannten
Leute nach Hause zurück. Allerdings erzählte keiner,
was ihm widerfahren war. Man sagte, sie hätten sich verpflichten
müssen, Stillschweigen über die Vorgänge im Lager
zu bewahren.
Im Alter von 10 Jahren wurden die Kinder aufgefordert, den Jugendorganisationen
der Nazis beizutreten. Die Jungen gingen zum "Jungvolk,
die Mädels zu den "Jungmädchen. Gezwungen
wurde man damals, also in den 1934-36, allerdings nicht. Die meisten
Kinder machten freiwillig mit, denn die Nazis verstanden es meisterhaft,
das Interesse der jungen Menschen zu wecken. Man konnte Sport
treiben, basteln, das Segelfliegen erlernen, gemeinsame Radtouren
machen (sofern man eines hatte) und noch vieles andere unternehmen.
Es wurden Geländespiele veranstaltet, Zeltlager abgehalten
mit Abkochen und Lagerfeuerromantik. Die Erbsensuppe, die wir
da zusammenbrauten, war zwar manchmal angebrannt, schmeckte uns
aber dennoch sehr gut. Die allen Jungen inne wohnende Abenteuerlust
fand hier Möglichkeiten der Verwirklichung.
Ja, wir trugen die Uniform als äußeres Zeichen einer
Gemeinschaft gern: Schwarze Hose, braunes Hemd, schwarzes Halstuch
mit einem Lederknoten, Koppel und Schulterriemen. Das Erstrebenswerteste
für uns war das sogenannte Fahrtenmesser, das in einer Scheide
am Koppel getragen wurde. Ich allerdings mußte lange warten,
bis mein Vater das Geld dafür gab. Doch neben die jungenhaften
Spiele traten bald vormilitärischer Drill und ideologische
Schulung. Dafür aber konnte ich mich nicht begeistern. Dann
wollte ich schon lieber im Jungvolk-Spielmannszug Musik machen.
Mit der Trommel mochte ich mich nicht abschleppen, deshalb wählte
ich die Querflöte und die Fanfare. Ich fand das Instrument
toll: Das blitzende Messing mit dem daran befestigten schwarzen
Tuch und der schwarz-weißen Tragekordel beeindruckte mich.
Wenn wir dann bei den häufig veranstalteten Umzügen
an der Spitze des Zuges marschierten und "Preußens
Gloria pfiffen oder einen Fanfarenmarsch schmetterten, war
das schon ein tolles Gefühl. Wenn für das Winterhilfswerk
gesammelt wurde, liefen die Schüler/innen mit der Sammelbüchse
durch die Straßen; wir brachten derweil auf dem Marktplatz
ein Ständchen.
Wir wurden auf die Dörfer gerufen, um zum Erntedankfest oder
zur Kirmes zu spielen. Danach gab es reichlich Kaffee und Kuchen.
Also, mir hat´s Spaß gemacht.
Der Spielmannszug bildete eine Gruppe für sich. Wir hielten
die Übungsabende im Gasthof "Zum goldenen Anker
ab und blieben von ideologischen Schulungen weitgehend verschont.
Im großen und ganzen herrschte von 1934 an in der Bevölkerung
eine Aufbruchsstimmung. Die große Arbeitslosigkeit ging
spürbar zurück, die Menschen konnten sich wieder in
bescheidenem Umfang etwas leisten. Mit dem jetzigen Lebensstandard
war das natürlich überhaupt nicht zu vergleichen; heute
geht es Sozialhilfeempfängern manchmal besser als den meisten
Arbeitern damals. Kinderreichen Familien bot sich die Möglichkeit,
zu einem eigenen Haus zu kommen. Der Staat förderte nämlich
den privaten Hausbau mit zinsbilligen Darlehen.
Die sogenannten kleinen Leute konnten sich nun endlich ein Radio
leisten, die "Goebbels-Schnauze machte es möglich.
So hieß im Volksmund der subventionierte preiswerte Volksempfänger.
Natürlich hatte der Reichspropagandaminister Goebbels dabei
einen Hintergedanken: Das nationalsozialistische Gedankengut konnte
nun bis in jede Familie hinein verbreitet werden, geschickt verpackt
zwischen unterhaltsamen Musiksendungen. Jedenfalls ertönten
von nun an in fast jedem Haushalt fröhliche Weisen, Volkslieder
und vor allem Marschmusik. Ich erinnere mich noch gut an die Sonnabendnachmittage,
an denen die volkstümlichen Unterhaltungssendungen übertragen
wurden. Beliebte Melodien damals: "Rosamunde, "Am
Abend auf der Heide, "Guten Tag liebes Glück,
"Hein spielt abends so schön auf dem Schifferklavier
usw. In jenen Zeiten versammelten sich die Menschen vor dem Radio,
wie heute vor dem Fernseher.
An die Bücherverbrennung erinnere ich mich noch sehr gut,
ohne daß ich damals deren Bedeutung erkannt hätte.
Auf dem Geringswalder Sportplatz wurden beschlagnahmte Bücher
auf einen großen Stapel geworfen. Ich kam zufällig
dort vorbei und hatte keine Ahnung, was da vor sich ging. Als
ich ein Buch zur Hand nahm und darin blätterte, schrie mich
ein Wichtigtuer von SA-Mann ganz fürchterlich an.. Erschrocken
lief ich davon. Am Abend marschierte dann die SA zum Sportplatz
und die Bücher wurden verbrannt. Zu Hause wurde über
dieses Ereignis nicht gesprochen, weil zu der Zeit meine Mutter
schon schwer krank war. Meine Eltern hatten andere Sorgen.
Was hatte sich sonst noch nach der Machtergreifung der Nazis verändert?
Nun, in der Schule wurden bei allen möglichen Anlässen
die Fahnen gehißt. Die Schüler mußten dann auf
dem Schulhof antreten, der Ansprache des Rektors lauschen und
anschließend dann das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied
singen. Für uns Kinder war das alles nicht so absonderlich,
weil wir ganz allmählich in diese Zeit hineinwuchsen.
Irgendwann wurde verfügt, daß nunmehr nur noch mit
dem sogenannten "Deutschen Gruß ("Heil Hitler)
gegrüßt werden durfte. Dabei mußte man den rechten
Arm heben. Zuerst fanden wir diese Anordnung albern und machten
uns darüber lustig, indem wir "Drei Liter oder
auch "Heilitler sagten. Zu Lehrern oder SA-Männern
natürlich nicht; wir wußten schon, daß dies als
Beleidigung des "Führers bestraft wurde. Relativ
rasch gewöhnten wir uns an diesen "Gruß
und dachten uns weiter nichts dabei.
Von der sogenannten "Reichskristallnacht (sie wurde
1938 als "spontane Reaktion des deutschen Volkes auf
die Ermordung des Legationsrates Ernst v. Rath in Paris durch
den Juden Herschel Grünspan von den Nazis inszeniert) hörten
wir im Radio. In unserer Stadt ging kein Schaufenster zu Bruch,
obwohl es auch hier ein in jüdischem Besitz befindliches
Textilhaus gab. Natürlich hatte man uns in der Schule erzählt,
daß das "Weltjudentum angeblich dem deutschen
Volke schweren Schaden zufügen würde. Für mich
blieb das alles sehr abstrakt, und mir kam überhaupt nicht
in den Sinn, Herrn Grünwald, den Inhaber besagten Textilhauses,
als Feind des deutschen Volkes zu betrachten. Während des
Krieges hat man ihn doch enteignet und später auch verhaftet.
Was aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Am Tage nach dieser
- "Reichskristallnacht genannten - Zerstörungsaktion
hatte ich Fachschulunterricht in Chemnitz. Dort waren im Kaufhaus
Tietz die Schaufensterscheiben eingeschlagen worden, es wurde
wohl auch geplündert. Da ich oft in diesem Kaufhaus gewesen
war, habe ich mir das Ergebnis dieser Aktion natürlich angesehen.
Was empfand ich dabei? Bestimmt keine Genugtuung, flammende Empörung
auch nicht, eher erschien mir das alles sehr befremdlich und unbegreiflich.