Wie tief der Einfluß der Nationalsozialisten in die Privatsphäre
der Bürger reichte, kann man sich heute überhaupt nicht
mehr vorstellen. Die Kontrolle jedes einzelnen zu jeder Zeit war
ein Ziel der NSDAP.
Hitlers totalitärer Staat begnügte sich nicht mit der
Besitzergreifung der offiziellen Machtpositionen, sondern verlangte
von jedem zu jeder Zeit Gefolgschaft und aktive Mitarbeit. Freizeit
und Freiheit, wie wir sie heute verstehen, gab es zwischen 1933
und 1945 kaum. Wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause kamen,
konnten sie nicht immer tun und lassen, was sie wollten. Eine
Fülle von Parteiveranstaltungen, Unterhaltungsangeboten,
Gruppen- und Schulungsabenden "organisierten den Feierabend
und die Wochenenden.
Dieser Einbindung und Erfassung konnte sich kaum einer entziehen.
Der totalitäre Staat nahm nicht nur von dem politischen Bürger
Besitz. Er kontrollierte, so weit als möglich, auch das Privatleben
jedes einzelnen. Natürlich vermochte es auch dieser Staat
nicht, jede Lebenssphäre des Bürgers zu organisieren
oder gar zu überwachen.
Das war auch gar nicht nötig, denn die Mehrheit der Deutschen
war (zumindest vor dem Krieg) für Hitler und den Nationalsozialismus.
Nur die politisch Andersdenkenden, die verfolgten Minderheiten,
lebten in der "ständigen Furcht vor dem Klopfen an der
Tür in den frühen Morgenstunden, der bevorzugten
Einsatzzeit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Die Macht der
NSDAP reichte bis in die kleinsten Einheiten menschlichen Zusammenlebens
- ein Blockwart hatte 40-60 Haushaltungen zu beobachten und alle
besonderen Vorkommnisse zu melden. Als dann 1939 der Krieg ausbrach,
war das totale Überwachungssystem inzwischen so perfekt ausgebaut,
daß sich keiner mehr gefahrlos den Anordnungen des Staates
entziehen konnte, Konzentrationslager oder Todesstrafe erwarteten
ihn.
Die totale Erfassung des Menschen beschränkte sich nicht
nur auf die Zeit seiner Jugend, sie setzte sich fort in den NS-Frauenschaften,
in Sammelaktionen für das Winterhilfswerk, in Vortragsveranstaltungen
der NS-Kulturgemeinde und vielen anderen Aktivitäten, an
denen die Bürger mehr oder weniger gezwungen teilnehmen mußten.
Das ganze Jahr hindurch wurde die Bevölkerung in Trab gehalten.
Überall und zu fast jeder Jahreszeit fanden Sammlungen oder
Werbekampagnen statt. Mal bat das Winterhilfswerk, dann die NS-Volkwohlfahrt
oder die Aktion "Mutter und Kind um Spenden; ein anderes
Mal warb die Hitlerjugend oder die SS um Mitglieder.
Robert Ley (Leiter der "Deutschen Arbeits-front): "Privatleute
kennen wir nicht mehr. Die Zeit, wo jeder tun und lassen konnte,
was er wollte, ist vorbei. So bewirkte nun ein mehr
oder minder sanfter Druck von oben, daß sich praktisch ein
ganzes Volk in irgendwelchen Vereinigungen organisierte. Viele
traten der Hitler-Jugend oder dem Bund deutscher Mädchen
mit echter Begeisterung bei. Sie hofften dort etwas zu finden,
was sie zuvor vermißt hatten - Kameradschaft, Gemeinschaft,
Abenteuer. Und so fiel die Idee einer Volksgemeinschaft bei einem
sehr großen Teil der Jugend auf fruchtbaren Boden.