Warum habt ihr euch nicht dagegen gewehrt? Warum habt ihr euch
das alles gefallen lassen? Wie konnte es nur so weit kommen? Fragen,
die unsere Generation sich bis zum Lebensende wird anhören
müssen und die wohl noch einige Jahrzehnte an die Deutschen
gestellt werden. Man muß schon selbst in der Zeit gelebt
haben, um die Antworten auf diese Fragen zu verstehen.
Wie war das denn in den letzten Jahren vor 1933? Über sechs
Millionen Arbeitslose. Und das, obwohl nur wenige Frauen berufstätig
waren, hatten sie doch mit Hausarbeit und Kindererziehung genug
zu tun. Wer hatte damals schon einen Staubsauger? Also runter
mit dem Teppich auf den Hof, rauf auf die Klopfstange und den
Teppichklopfer geschwungen, und das meist wöchentlich. Lebensmittel
brachte man in der warmen Jahreszeit mangels Kühlschrank
in den kühlen Keller, in den Wintermonaten den Ofen heizen.
Waschmaschine? Existierte nur in der Phantasie. Nylonstrümpfe?
Unbekannt. Also war Strümpfestopfen angesagt usw. Die Frau
war mit ihrem Haushalt ausgelastet, abgesehen davon, daß
es ohnehin kaum Arbeit für sie gab. Der Mann war also im
Normalfall der Alleinverdiener. So war damals die Situation, auf
65 Millionen Einwohner kamen 6-7 Millionen Arbeitslose und eben
das fast nur Männer. Das Arbeitslosengeld dieser Zeit war
mit dem von heute nicht zu vergleichen, auch nicht vom Wert her.
Da waren die Straßenkämpfe zwischen den Nazis, Sozis
und Kommunisten, Anpöbeleien von herumstehenden, meist jugendlichen
Arbeitslosen auf der Straße, mehrere Bettler pro Tag an
der Wohnungstür, die sogenannten "Hofsänger,
die darauf warteten, daß man ihnen ein in Papier eingewickeltes
Fünf- oder Zehnpfennigstück auf den Hof warf. Also:
der Ruf nach dem starken Mann, der endlich mit der Faust auf den
Tisch haut und gleichzeitig auch für Zucht und Ordnung sorgt.
Und dann kam er ja auch und mit ihm die Parolen "Doppelverdiener
(die es teilweise ja noch gab) raus aus den Betrieben! und
"Niemand darf monatlich mehr als tausend Mark verdienen (das
waren ohnehin nur wenige Spitzenverdiener)! oder "Gemeinnutz
geht vor Eigennutz! sowie "Schluß mit dem Klassenkampf!
und "Schmach dem Versailler Vertrag!. Man sprach vom
"Arbeiter der Stirn und der Faust!. Das Wort vom "Volksgenossen
tauchte auf.
Na, und dann war es soweit. Am 30. Januar 1933 kam die sogenannte
"Machtergreifung. Da das Ganze wie eine unblutige Revolution
ablief, hielt ich und viele andere in meinem Umfeld es fast für
normal, daß man politische Funktionäre der Oppositionsparteien
in uns bis dahin unbekannte Konzentrationslager einlieferte. Wir
dachten dabei an Umerziehung, um auch sie von der nationalsozialistischen
Idee zu überzeugen. Daß die Praxis anders aussah, erfuhren
wir Normalbürger auch erst nach dem Krieg.
Nach der Machtübernahme Hitlers kamen zunächst die für
uns angenehmen Seiten. Nach drei Jahren gab es statt Massenarbeitslosigkeit
fast Vollbeschäftigung, was wohl jeder von uns als das Wichtigste
empfunden hat. Als besondere Errungenschaft haben viele die Organisation
"Kraft durch Freude, kurz KdF genannt, angesehen (eine
Unterorganisation der "Deutschen Arbeiterfront, die
Nachfolgerin der zwangsweise aufgelösten Gewerkschaften).
Da konnte sich auch mal der kleine Mann eine Kreuzfahrt leisten.
"Auf nach Madeira hieß es da, oder "ab in
die norwegischen Fjorde.
Mir persönlich bleibt die freudige Erinnerung, daß
ich als 19jähriger das erste Mal richtig Urlaub machen konnte.
Bis dahin stets von Berlin nach Leipzig zu den Großeltern,
fuhren jetzt mein Freund und ich mit einem KdF-Sonderzug für
zehn Tage nach Fischbach am Inn in Bayern. Das Ganze kostete mit
Fahrkosten, Vollpension und zwei Busausflügen 49,50 Reichsmark
und das war selbst für damalige Verhältnisse richtig
geschenkt. Weiterhin hatte KdF vielfältige, preiswerte Angebote
in den Bereichen Sport und Unterhaltung. Sicher nicht von allen,
aber doch von der Mehrheit der Jugendlichen wurden die Aktivitäten
in HJ oder BDM gern angenommen. Der Arbeitsdienst, den ich persönlich
auch hinter mich gebracht habe und von dem die Wenigsten begeistert
waren, fanden wir gerecht. Mußten doch für 25 Pfennige
am Tag auch die Söhne der oberen Schichten den Spaten in
die Hand nehmen. - Die Olympiade 1936 löste allgemeine Begeisterung
aus, auch im Ausland
Man könnte alledem noch einiges Positives hinzufügen,
insbesondere auf außenpolitischer Ebene, bis dann 1939 der
Einmarsch in Polen schon nachdenklich machte. Ich selbst habe
dann, 1937 zur Wehrmacht einberufen, bis 1945 Gelegenheit gehabt,
Europa auf eine ganz besondere Art und Weise kennenzulernen. Der
Judenverfolgung, die ja 1938 verstärkt einsetzte, konnte
ich keinesfalls zustimmen. Es hieß, die Juden seien "Volksschädlinge
und müßten enteignet werden. Niemand konnte sich aber
damals vorstellen, daß diese Menschen in KZ´s eingeliefert
und später systematisch umgebracht würden. Diese Gräueltaten
waren auf der Welt einmalig und mehr als verabscheuungswürdig.
Im Nachhinein als Fazit betrachtet: Bis 1939 sahen die meisten
von uns so etwas wie eine Aufbruchsstimmung, bei vielen sogar
gepaart mit Begeisterung, auch bei mir. Nur, beim vorher viel
gepriesenen Frieden hätte es bleiben müssen. Bis zu
diesem Zeitpunkt kann ich auf die Frage: "Wieso habt ihr
euch nicht gewehrt? nur antworten: "Warum sollten wir?
wir sahen keine Veranlassung dazu. "Aber in Hitlers Mein
Kampf war doch schon alles zu lesen? Stimmt, aber wer von
uns hatte diesen Wälzer schon gelesen? Ich selbst nicht und
mir war auch niemand anderer bekannt, das Thema wurde gar nicht
erläutert.
Je mehr es auf das Kriegsende zuging, desto mehr begann die allgemeine
Stimmung zu sinken, auch bei mir. Als man dann am Schluß
hörte, was alles Schlimmes und Grausames passiert war, kamen
die abgrundtiefe Enttäuschung, Zorn und Wut. Unsere Generation
hatte man verschaukelt und betrogen. Daher nach dieser Erfahrung
die Mahnung an die nachfolgenden Generationen: Wehret
den Anfängen!
Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn diese historische
Epoche von unmittelbar Betroffenen anders beurteilt wird. Ich
kann nur aus der Distanz von heute das sagen, was ich damals tatsächlich
erlebt und empfunden habe