Raus!
Im Landdienst der HJ herrschte Zucht und Ordnung. Wir, die Mädchen
des Landdienst-Jahres 1943/44, sollten zu ordentlichen Frauen
heranreifen und später tüchtige Bäuerinnen im Ostland
werden. Der "Führer" erwartete von uns, dass wir
das eroberte Gebiet im Osten fruchtbar machen und mit arischem
Nachwuchs bevölkern sollten. Natürlich wollte ich später
diese edle Aufgabe erfüllen, Bäuerin sein und dem Volke
dienen. Nur der Weg dorthin war mit unerträglichem Drill
gepflastert. Das Antreten am Morgen war schon lästig genug,
und das Zurückmelden nach dem Arbeitseinsatz war abhängig
von der Laune der Lagerführerin. Manchmal ging's glatt. Anklopfen,
warten auf das : "Herrreieinnn!" die Tür forsch
öffnen, strammstehen, die Hand in Augenhöhe zum deutschen
Gruß, laut und deutlich sprechen: "Landdienstmädel
Florentine Bluhm meldet sich vom Einsatz zurück." Warten
auf den Befehl: "Abtreten!" Rechtswendung und raus.
Bei übler Laune der Führerin lief es anders ab: Nach
dem Melden ein Anpfiff, begleitet von einem durchdringenden Blick:
"Dein Daumen ist abgespreizt, kapierst du nie den Deutschen
Gruß? Rrrraus! Nochmal, aber anständig", brüllte
sie.
Nächster Versuch: Vor der Tür tief luftholen, erneut
anklopfen, eintreten, noch ein Anpfiff: "Soll das ein strammer
Arm sein? Der hängt runter wie ein schlaffer Sack. Rrraus!
Nochmal." Sie wies mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger
zur Tür
Dritter Versuch mit zurückgehaltenen Tränen und zitternder
Stimme. Das Gesicht der Führerin lief rot an, als sie brüllte:
"Hier wird deutlich gesprochen., Heulsusen braucht der Führer
nicht. Rrraus!"
Dieses Spiel trieb sie mehrmals hintereinander, und keines der
Mädchen blieb davon verschont. Irgendeine Schikane hatte
sie immer parat. Wie gut, dass es meinem Jahrgang, den Jahrgängen
davor und dem "Ostland" erspart geblieben ist, was der
"Führer" mit uns und dem Land vorhatte.
Haus meiner Kindheit
Der Krieg hat dich verschlungen
Im Traum wärmst du mich
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