Der Bombenangriff
In der Nacht zum 25. Juli 1943 war wieder Fliegeralarm. Mein Vater
und ich gingen, wie in der letzten Zeit immer, zusammen zur Schule
in der Herderstraße (heute Haubachstraße), um uns
dort mit anderen Parteigenossen zu treffen. Als wir bei der Gerichtstraße
waren, hörten wir Geschützdonner. Wir gingen schneller,
um noch unser Ziel zu erreichen. Aber schon wenige Sekunden später
war die Hölle los, und wir flüchteten in ein Treppenhaus.
Dort trafen wir mehrere Frauen, die auch zum Luftschutzkeller
wollten, aber wegen dem Flakschießen und dem Pfeifen der
Bomben nicht mehr auf die Straße hinaus konnten. Eine Frau
sagte ängstlich: "Meine Mutter ist noch oben".
Ich lief die Treppe hinauf und traf die alte Frau im 2. Stock.
Ich nahm ihr das Gepäck ab, hakte sie unter und brachte sie
schnell nach unten. Ich glaube, die Frau ist nie so schnell die
Treppe herunter gekommen wie in dieser Nacht. Wir standen im Hauseingang
und es knallte um uns herum. Die Haustür flog vom Luftdruck
immer wieder auf, und wir hörten die Bombeneinschläge,
die ganz in unserer Nähe sein mussten.
Nach einiger Zeit, ich weiß nicht wie lange, wurde es etwas
ruhiger und wir hörten, dass die Flak in die andere Richtung
schoss, so dass wir uns auf die Straße trauen konnten. Vater
und ich liefen zur Schule und trafen da die anderen Helfer, die
zum Einsatztrupp gehörten. Wir hatten gesehen, dass an mehreren
Stellen Feuer war, darum versuchten wir telefonisch, Hilfe zu
holen, aber das Telefonnetz war ausgefallen. Mein Vater schickte
mich zur Ortsgruppenleitung, wo die Befehlsstelle war, um die
Löschgruppe zu holen. Auf dem Weg dahin traf ich die Gruppe,
die ich holen sollte. Sie war bereits im Einsatz, aber konnte
nichts ausrichten, weil auch die Wasserversorgung zusammen gebrochen
war. Ich musste unverrichteter Dinge zurückkehren und die
Einsatzgruppe versuchte, so viel wie möglich aus den brennenden
Häusern zu retten.
Als ich wieder eine Lagemeldung zur Ortsgruppe brachte, traf ich
auf dem Rückweg wieder die Löschgruppe. Sie hatten Schwierigkeiten,
weil Jungen Phosphorverbrennungen hatten und ins Krankenhaus mussten.
Einer von den beiden war der Maschinist, der die Tragkraftspritze
bediente. Der Leiter der Gruppe erklärte mir kurz, worauf
es ankam, und ich übernahm den Maschinistenposten. Es gab
noch eine Möglichkeit, Wasser zum Löschen zu bekommen.
Die Eisfabrik von Linde hatte einen eigenen Brunnen mit einem
Vorratsbehälter für ihr Wasser. Wir zogen dorthin, denn
auch in der Nähe der Fabrik brannte ein Haus. Nach langen
versuchen, die Motorspritze wieder in Gang zu bekommen, klappte
es endlich, und wir konnten das Feuer löschen. Das nächste
Feuer war ein Dachstuhl ein paar Häuser weiter. Aber da konnten
wir die Motorspritze nicht einsetzen, weil es zu weit entfernt
war. Das Wasser musste Eimerweise dahin gebracht werden. Viele
Leute beteiligten sich daran. Mit Hilfe dieser Eimerkette und
den Eimerspritzen konnte auch das Feuer gelöscht werden.
Das Wasser suchen ging weiter, und wir fanden in der Nähe
vom Lessingtunnel einen Hydranten, der keinen Druck hatte, aber
für unsere Spritze genügend Wasser lieferte. Immer wieder
mussten wir unsere Löscharbeiten unterbrechen, aber um das
Feuer auszumachen, reichte es. Wir hofften, dass es bald wieder
Tag wurde, aber es war lange dunkel durch die vielen dicken schwarzen
Wolken, die über Hamburg waren.
Immer mehr hörten wir über das Ausmaß der Katastrophe.
Leute, die vorbei kamen, erzählten immer wieder, was alles
zerstört worden war. Wo ich mit meinen Eltern wohnte, hatten
wir noch mal Glück gehabt, denn wir wohnten am Rand des Bombenteppichs,
und es hatte nur einige Häuser erwischt. Je weiter man in
Richtung St. Pauli kam, war die Zerstörung schlimmer. Das
alte Altona und das Gebiet um die große Bergstraße
herum war fast völlig zerstört. Überall geisterten
Leute herum, die alles verloren hatten. Auf den zerstörten
Straßen standen Möbel und anderer Hausrat herum, den
man gerettet hatte. Einige Leute fragten nach Straßen, die
man nicht mehr erkennen konnte, oder sie brannten und man konnte
nicht durchgehen.
Wir waren Tag und Nacht im Einsatz. Schon nach kurzer Zeit wurden
wir gut versorgt. Man hatte Gemeinschaftsküchen aufgebaut,
wo die Ausgebombten verpflegt wurden. Auch die vielen Hilfskräfte,
die im Einsatz waren, wurden versorgt. Wenn wir einen Hydranten
fanden, aus dem wir mit unserer Motorspritze Wasser saugen konnten,
kamen gleich Leute aus den Häusern und holten sich bei uns
ihr Trinkwasser. Natürlich musste das Wasser auch erst mal
abgekocht werden, denn man wusste nicht, wo das Wasser herkam.
Die Bomben hatten viele Wasserrohre getroffen und die Bombentrichter
waren voll Wasser gelaufen. Wenn wir nun aus den beschädigten
Rohren das Wasser saugten, mussten wir damit rechnen, dass auch
viel Schmutzwasser in die Rohrleitungen gekommen war. Gott sei
Dank wurde schon nach wenigen tagen die wichtigste Wasserversorgung
in unserer Gegend wieder normalisiert, und man brauchte das Wasser
nicht mehr von so weit her holen. So konnte auch unsere Motorspritze
an mehreren Stellen wieder eingesetzt werden. Es ging jetzt darum,
Schwelbrände abzulöschen um zu verhindern, dass das
Feuer wieder neu entfachte. Wir löschten auch immer wieder
die brennenden Trümmer ab, damit sie nachts nicht leuchteten.
In den 14 Tagen, wo ich bei der Löschgruppe im Einsatz war,
gab es noch drei schwere Angriffe auf Hamburg. Dabei wurden andere
Stadtteile ganz zerstört. Ein normales Schlafen gab es nicht
mehr. Manchmal schlief ich auf einer alten Matratze neben der
Spritze ein. Wenn wir Glück hatten, konnten wir mal in einem
Luftschutzkeller schlafen.
Das unser Haus heil geblieben war, erfuhr ich schon nach kurzer
Zeit und dass keine Gefahr mehr bestand, sah ich, als wir in einem
Nachbarhaus ein Feuer gelöscht hatten. Später erfuhr
ich, dass wir das einem alten Mann zu verdanken hatten. Er ging
nie in den Luftschutzkeller, sondern blieb immer nur unten im
Treppenhaus. Er hatte rechtzeitig gesehen, dass die Holzverkleidungen
an den Balkons angefangen waren zu brennen und hatte sie abgerissen
und in den Hof geworfen. Sie waren durch die große Hitze
in Brand geraten, die von den brennenden Häusern der Herderstraße
(Haubachstraße) herüber strahlte. Zu den Häusern
gehörte auch das Haus von Cördchen, meinem Schulfreund.
Als wir nach ein paar Tagen die Trümmer ablöschten,
musste ich feststellen, dass nur ein ausgeglühter Schraubstock
von dem ganzen Haus übrig geblieben war. Wo seine Eltern
abgeblieben waren, wusste ich nicht. Cördchen war Soldat
und damit die Verbindung abgebrochen.
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