Wegen der vielen Fliegeralarme und Bombenangriffe in Hamburg wurde
eine große Aktion durchgeführt. Fast alle Schulkinder
wurden in Gebiete verschickt, wo keine oder nur selten Fliegerangriffe
waren. Ich kam nach Dresden. Wir wurden zu Klassen zusammengestellt
und bekamen einen Lehrer und einen etwas älteren HJ-Führer,
der mit dem Lehrer helfen sollte. Mit einem Koffer voll Wäsche
und einem Rucksack mit Verpflegung versammelten wir uns am Altonaer
Bahnhof. Der ganze Bahnsteig war voller Kinder. In Gruppen kamen
wir in den vorgeschriebenen Waggon. Am Anfang der Bahnfahrt war
es noch interessant, aber als die Nacht kam, versuchten wir zu
schlafen. In jedes Gepäcknetz krabbelten zwei Kinder. Die
anderen vier Kinder legten sich auf die Holzbänke.
Es war schon Vormittag, als wir in Dresden ankamen. Wir mussten
noch mit der Straßenbahn bis Dresden-Reik fahren. Dort in
der Schule hatte man einen ganzen Flügel mit Klassenzimmern
für uns abgestellt. Der Lehrer und der HJ-Führer bekamen
einen Raum für sich. Zwei Klassenzimmer waren als Schlafräume
mit Etagenbetten eingerichtet. Dann noch ein Tagesraum, in dem
wir uns aufhalten konnten und auch Frühstück und Abendbrot
gegessen wurde. Das Mittagessen bekamen wir in der Kantine einer
Fabrik, gut fünf Minuten von der Schule entfernt.
Der Tagesablauf sah wie folgt aus: Um 7 Uhr weckte uns der Lehrer.
Nach dem Waschen mussten wir die Zimmer aufräumen und die
Betten bauen. Zwei von uns gingen dann zur Kantine und holten
mit einem Blockwagen das Frühstück. Für jeden gab
es zwei Brötchen mit Marmelade. Der Kaffee war in einer großen
Thermoskanne. Ab 8 Uhr gab es das Frühstück und von
9 bis 12 Uhr hatten wir in unserem Klassenraum Unterricht. In
den drei Stunden wurden wir von unserem Lehrer unterrichtet. Einen
festen Stundenplan gab es nicht. Der Lehrer war in Hamburg Musiklehrer
und schon recht alt. Es lag ihm mehr, uns was vorzulesen, als
uns Mathematik und Grammatik beizubringen. Gelernt haben wir bei
hm eigentlich nichts. Nachmittags war frei. Nur wer weiter weg
ging, musste sich abmelden und zum Abendbrot zurück sein.
Am Abend konnten wir uns auch noch mit Hobbys und Spielen beschäftigen.
Um 22 Uhr war "Bettruhe".
Der Lehrer machte von Zeit zu Zeit mit uns Fahrten in die Stadt.
Dresden hat viele Sehenswürdigkeiten. Einen Teil davon lernten
wir kennen. Zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Dresden
gehört der Zwinger, ein interessanter Barockbau mit einer
großen Parkanlage. Im Inneren sind große Galerien
mit kostbaren Gemälden. Anschließend gingen wir den
kurzen Weg bis an die Elbe. Das war interessanter. Da fuhren Schiffe
und Lastkähne, die auch bis Hamburg kamen.
Auf dem Weg durch die Stadt kamen wir auch an einer Kirche vorbei,
die von den Dresdnern "Die dicke Tante" genannt wird.
Es war die Frauenkirche, die eine gedrungene Form hatte und darum
so genannt wurde. Etwas außerhalb von Dresden, in Radebeul,
besuchten wir das Karl-May-Museum. Die meisten Jungs waren begeistert.
Sie kannten viele Bücher von Karl May. Ich hatte noch kein
Buch von ihm gelesen. Mir machte es Gedanken, wie ein Mann so
viel erfinden kann, denn er war noch nie in Amerika und hatte
auch keinen Indianer gesehen. Auch einen Tagesausflug in das Elbsandsteingebirge
machten wir.
Dresden hatte man zur offenen Stadt erklärt. Das heißt,
dass keine militärischen Anlagen in der Stadt waren. Man
wollte so die vielen Kunstschätze, die in der Stadt vorhanden
waren, schützen. Nach internationalem Recht durften nur militärische
Anlagen angegriffen werden. Somit durfte die Stadt nicht bombardiert
werden. Aber trotzdem gab es Fliegeralarm, wenn feindliche Flugzeuge
in die Nähe kamen. Es war aber sehr selten. Wir Hamburger
waren es anders gewohnt. Bei uns gehörte Fliegeralarm zum
normalen Leben, wir mussten täglich ein- bis zweimal in den
Luftschutzkeller gehen.
In unserer Freizeit bastelten wir gern. Wenn wir Material für
unsere Bastelarbeiten brauchten, mussten wir es von unserem Taschengeld
bezahlen. Meistens fuhren einer oder zwei von uns in die Stadt
und kauften in den Kaufhäusern, was wir brauchten. So sparten
wir das Fahrgeld. Am liebsten bauten wir Flugzeugmodelle. Am teuersten
war die Klebe. Die Tube UHU war teurer wie der Bogen. Im Laufe
der Zeit hingen immer mehr Flugzeuge an der Decke in unserem Tagesraum.
Auch Mühle, Dame, Schach und Karten wurde gespielt. Dabei
habe ich Skat gelernt, bin aber kein guter Spieler. Ich hatte
andere Interessen. Mein liebstes Hobby war die Technik.
Kurz vor Weihnachten 1940 sagte uns der Lehrer, dass wir uns jeder
ein Buch wünschen können. Der Kantinenwirt wollte uns
damit eine Freude machen. Ich wünschte mir "Das neue
Universum", ein Buch über neue Technik. Auch die Weihnachtspakete,
die wir von zu Hause bekamen, wurden uns bei der kleinen Weihnachtsfeier
am Heiligen Abend überreicht. In den meisten Paketen waren
kleine Geschenke, Kuchen und Naschereien, die dann schnell verzehrt
wurden. Solche zusätzlichen Leckereien waren immer begehrt.
Unsere Eltern und Verwandten opferten dafür einen Teil ihrer
Zuckerzuteilung. Aus Dankbarkeit für die Bücher brachten
wir dem Kantinenehepaar ein Ständchen. Der Lehrer hatte zu
einer Volksliedmelodie einen passenden text gedichtet, den wir
in der Schule einübten. Als wir dann am Feiertag zum Essen
kamen und die Essenausgabe geöffnet wurde, brachten wir ihnen
unser Ständchen. Ganz ergriffen hörten sie uns zu.
Im Januar 1941 fuhren wir für 4 Wochen in ein Schullandheim
ins Erzgebirge. Zuerst mit der Bahn bis Lauenstein. Dann 6 km
zu Fuß nach Löwenhain. Nach einer Woche bekamen wir
Ski. Immer zwei Jungs bekamen ein Paar und konnten abwechselnd
fahren. Am nächsten Tag kam ein Lehrer aus dem Dorf und gab
uns Unterricht. Wir lernten, wie man auf den Skiern läuft,
Kurven fährt und bremst. Schon nach ein paar Tagen konnten
wir uns ganz gut auf den brettern bewegen und schon kleine Ausflüge
und Besorgungen für das Heim machen.
Am Abend las der Lehrer das Buch "Peter Pink" vor. Schon
bei der ersten Seite gab es viel zu lachen. Da stand: "Es
gibt Leute von denen man sagt, sie sind so faul, dass sie stinken,
aber Peter Pink ist zum Stinken noch zu faul". Wir freuten
uns schon auf den Abend, wenn der Lehrer wieder mit dem Buch kam.
Leider waren die 4 Wochen zu schnell um. Wir wären gerne
noch länger da geblieben, denn die Freiheit, die wir hatten,
war nun vorbei. In Dresden mussten wir wieder in die Schule und
die anderen Pflichten fingen wieder an. Weil meine Schulzeit Ostern
zu Ende ging und ich in die Lehre sollte, musste ich zurück
nach Hamburg. Am 21. April 1941 war mein erster Tag als Werkzeugmacherlehrling.