Dieser Eintrag stammt von Lenka Sowa (*1920)
aus Hamburg
, August 2002:
   Inflation


Auswirkungen der Inflation 1923


In unserem Haushalt gab es 1943 Veränderungen. Die ausgebombten Verwandten zogen in die Wohnung des Vaters und er mit seiner Hausdame zu uns ins Haus. Jetzt mussten wir uns mit der Hausdame die Küche teilen. Das war nicht einfach, denn zwischen mir und der Hausdame lagen 40 Lebensjahre. Aber wir versuchten, miteinander auszukommen.

Es war Herbst geworden und Einkochzeit. Dann war Hochbetrieb in der Küche. Viel Obst und Gemüse musste eingekocht werden. Die große Familie saß oft in der Runde und schälte Obst oder Gemüse. Dabei wurde viel erzählt und der alte Herr las vor. Das war besonders schön. Die Hausdame berichtete einmal aus ihrer Jugend. Ja, sie konnte noch etwas französisch sprechen. Später fragte ich sie, wo sie das gelernt hätte. Da erzählte sie, dass ihre Eltern ein großes Fuhrgeschäft gehabt hätten. Die Kinder wurden mit der Kutsche zur Schule gefahren und Sonntags wurde bei Jacobs an der Elbchaussee zu Mittag gegessen. Sie wurden von einer Gouvernante erzogen und mussten französisch sprechen.

In der Inflation 1923 verlor die Familie aber ihr Vermögen und ihre Existenz. Ihre Schwestern heirateten in sogenannte bessere Familien, und sie wurde als Ledige in den Familien aufgenommen, solange da Kinder zu versorgen waren. Nun, als ältere Frau, musste sie sich ihren Unterhalt verdienen. Da sie keinen Rentenanspruch hatte, wurde sie Hausdame bei dem Vater.

Ich wurde ganz kleinlaut und empfand plötzlich Achtung vor dieser Frau, obwohl ich sie eigentlich nicht mochte. Diese Frau war von oben nach unten gefallen, tat aber ihre Pflicht und beklagte sich nicht über ihr Schicksal.

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