Auswirkungen der Inflation 1923
In unserem Haushalt gab es 1943 Veränderungen. Die ausgebombten
Verwandten zogen in die Wohnung des Vaters und er mit seiner Hausdame
zu uns ins Haus. Jetzt mussten wir uns mit der Hausdame die Küche
teilen. Das war nicht einfach, denn zwischen mir und der Hausdame
lagen 40 Lebensjahre. Aber wir versuchten, miteinander auszukommen.
Es war Herbst geworden und Einkochzeit. Dann war Hochbetrieb in
der Küche. Viel Obst und Gemüse musste eingekocht werden.
Die große Familie saß oft in der Runde und schälte
Obst oder Gemüse. Dabei wurde viel erzählt und der alte
Herr las vor. Das war besonders schön. Die Hausdame berichtete
einmal aus ihrer Jugend. Ja, sie konnte noch etwas französisch
sprechen. Später fragte ich sie, wo sie das gelernt hätte.
Da erzählte sie, dass ihre Eltern ein großes Fuhrgeschäft
gehabt hätten. Die Kinder wurden mit der Kutsche zur Schule
gefahren und Sonntags wurde bei Jacobs an der Elbchaussee zu Mittag
gegessen. Sie wurden von einer Gouvernante erzogen und mussten
französisch sprechen.
In der Inflation 1923 verlor die Familie aber ihr Vermögen
und ihre Existenz. Ihre Schwestern heirateten in sogenannte bessere
Familien, und sie wurde als Ledige in den Familien aufgenommen,
solange da Kinder zu versorgen waren. Nun, als ältere Frau,
musste sie sich ihren Unterhalt verdienen. Da sie keinen Rentenanspruch
hatte, wurde sie Hausdame bei dem Vater.
Ich wurde ganz kleinlaut und empfand plötzlich Achtung vor
dieser Frau, obwohl ich sie eigentlich nicht mochte. Diese Frau
war von oben nach unten gefallen, tat aber ihre Pflicht und beklagte
sich nicht über ihr Schicksal.
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