Dieser Eintrag stammt von Ursula Sabel (*1924)
aus Kenn bei Trier
, Oktober 2002:
   Alltagsleben


Mein Vater - eine außergewöhnliche Erinnerung

Erinnerung seiner Tochter im 78. Lebensjahr


Mein Vater Hanns Berekoven wurde 1893 in Frankfurt am Main geboren, wuchs in Köln Klettenberg auf, hatte zwei Schwestern, die Vorfahren stammten aus der Eifel, sein Vater war Adressbuchverleger in Köln.

Nach dem Volksschulabschluss (1900-1908) Besuch der Lehrerausbildung (mit Internat) in Bonn (ca. 1908-1912). Anstellung als Lehrer in der Eifel in Lüttelbracht ca. bis 1921. Dort Anstellung als Organist, bei Wind und Wetter das ganze Jahr hindurch morgens vor dem Schuldienst per Fahrrad zur Kirche und anschließend zum Schuldienst (bis ca. 1921). In der Freizeit gab er Gitarrenunterricht, machte Wanderungen in der neu entstandenen Jugendbewegung "Wandervögel". Sie entdeckten die Schönheit der Natur in Nah und Fern, sogar bis in die Alpen. In geselligem Kreis von Gleichgesinnten, man pflegte Literaturlesungen, Musizieren und gute Gespräche, lernte er meine Mutter in Xanten am Niederrhein kennen. Als katholischer Lehrer und katholische Lehrerin konnte man sich nur im Geheimen außerhalb treffen.

Meine Mutter war Lehrerin in Bonn, im Schulbezirk des Schwagers (das war ihren Eltern eine gewisse "Sicherheit"). Meine Eltern heirateten 1921, und mein Vater bekam später eine Anstellung zunächst als Oberlehrer, dann als Studienrat in Duisburg an der Städtischen Studienanstalt für Mädchen in der Landgerichtsstraße. Zu dieser Zeit war die Wohnungsnot groß und die erste Unterkunft nur ein Behelf. 1924 wurde ich als erstes Kind geboren.

Vater unterrichtete Musik, gab Klavierstunden und Gesangsstunden in unserer Wohnung und schrieb lange Jahre für die Tageszeitung "Echo am Niederrhein" die Kritiken für alle Konzert-, Opern- und Operettenaufführungen im großen Duisburger Theater und in der Tonhalle. Am Tag bereitete er sich darauf vor, und in den späten Abendstunden schrieb er in der Redaktion die Kritiken. Er besaß zu dieser Zeit schon sein ersts Auto. Ein Opel. Damit konnten wir sogar nach Köln fahren zu seiner Mutter und seinen Schwestern. Bei dieser Gelegenheit probierte er auch seinen ersten Photoapparat aus mit Blitzlicht. Die Aufnahmen sind auch heute noch eine schöne Erinnerung.

In der Höheren Schule führte mein Vater im Musik-Klassenunterricht die Blockflöte ein und besorgte selber die Flöten und später auch durch gute Beziehungen beim Geigenbauer mehrere Geigen zu günstigen Preisen. Bald fand er in der schönen Umgebung von Duisburg in Wedau ein passendes Haus für uns (wir waren inzwischen zwei Kinder, mein Bruder wurde 1927 geboren). 1933 zogen wir ein: Haus mit Garten, an einem Baggersee gelegen - Natur pur! Hier in Wedau gründete Vater einen kleinen Frauenchor, den ich oft fleißig proben hörte. Er unternahm mit dem "Chörchen" (und den Partnern und meiner Mutter) auch eine erlebnisreiche Alpenwanderung; davon gibt es noch ein Foto. Ich kann mich auch noch ans Geburtstagfeiern erinnern: Im Sommer ging man dann bei Mondschein baden.

Schon bald hatte Vater einen gut durchdachten Gartenplan entwickelt, ein Pflug wurde bestellt (woher wohl?), eine Garteneinteilung mit Raum für Gemüse, Obst, Wiese, Frühbeet, Sandkasten und Schaukel geplant und rote feine Schlacke für die Hauptwege besorgt. (Dort lebten wir sehr gut von 1933-1945.)

Unsere Wege zur Schule nach Duisburg waren leicht mit dem Bus, dem Fahrrad oder Vaters Auto zu bewältigen. Wir bekamen eines Tages auch einen neuen, größeren Opel. Mit dem ging es in den Sommerferien zu vier Personen mal in die Eifel, mal an die Ostsee. Unser See hat uns alle Jahre viel Freude gemacht: Vater brachte uns natürlich das Schwimmen bei; er baute selbst (in der Garage als Werkstatt) ein schönes, stabiles Paddelboot und befuhr damit in den Sommerferien sogar den Rhein. Ein kleines Zelt reichte als Nachtquartier.

Später gelang es ihm - es war schon etwa im Jahre 1940 - ein gebrauchtes Segelboot zu kaufen mit 22 m2 Segelfläche mit einem Schwert zur Stabilisierung von 1,50 m Tiefgang. Mein Vater und mein Bruder übten sich fleißig in den Regeln der Nautik, plante mein Vater doch mit Wind, Wellen und dem Schiffsverkehr auf dem Rhein zurecht zu kommen. Es war besonders für uns Kinder sehr interessant und hat uns viel Freude gemacht. (Die Gartenarbeit ging natürlich immer vor, ebenso die Hausaufgaben für die Schule.)

Im Sommer 1941, meine letzten Ferien, wurde unser schweres Holzboot auf einen LKW verladen und in Ruhrorter Hafen zu Wasser gelassen. Wir ruderten von einem Frachtschiff zum anderen, Vater bat um Mitnahme rheinaufwärts bis etwa Speyer. Schließlich fand sich ein Kapitän, der bereit war, unser Boot hinten anzuhängen und uns an Bord zu nehmen. Die vordere Kajüte stellte sein Sohn (der zweite Matrose) für diese Zeit zur Verfügung und zog zu seinen Eltern. Keiner hatte gedacht, dass die Hin- wie auch die Rückfahrt (alleine!) so viele interessante Erlebnisse bringen würde.

1942 wurden die Bombenangriffe auf die Städte schlimmer. Für die Nächte hatte mein Vater unseren Einmachkeller (splittersicher, ohne Außenwand) mit dicken Eisenbahnbohlen gut abgestützt und mit Liegen versehen. Nur bestand die Gefahr, dass man verschüttet werden konnte. Drum baute er uns eines Tages am Ende unseres Gartens ein Schutzgraben-ähnliches Erdloch, überdeckt mit alten Holzbohlen, Teerpappe und viel Erdreich. Die Wandverkleidung bastelten wir aus Zweiggeflecht. Eine Tür gab es nicht. Zwei Bretter wurden unser Sitz. Da mein Vater und mein Bruder eingezogen waren, verbrachten wir dort bei nächtlichem Fliegeralarm viele Stunden alleine - sogar schlafen konnte man ganz gut dank der bequemen Behausung.

Ostern 1942 machte ich mein Abitur und absolvierte ein Jahr Reichsarbeitsdienst und Kriegshilfedienst. Dann trat ich in Essen bei Siemens eine Ausbildung zur Elektroassistentin an im werkseigenen Hause. Mein hatte mir schon einige Wochen vorher diese Stelle vermittelt mit zweijähriger Ausbildung und Lohn (mit Versicherung bei der BfA), was sich nach 1945 zur Rentenberechnung sehr bewährt hat.

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