Diese Geschichte, die ich nun erzählen will, beruht auf Wahrheit.
In Gedenken an Charly! Man erzählt ja nicht gerne von Kriegserlebnissen,
wenn sie traurig abgelaufen sind. Doch nun will ich sie erst mal
erzählen.
Ich habe ja viel über meine Seefahrtszeit bei der Handelsmarine
und auch bei der Kriegsmarine geschrieben, aber das waren immer
lustige Geschichten gewesen. Aber bei der Seefahrt ging es nicht
immer lustig zu, und vor allen Dingen nicht im 2. Weltkrieg.
Im Frühjahr 1943 bin ich auf einem Blockadebrecher im Mittelmeer
gefahren. Bei der KMD Kriegsmarine Dienststelle als Bootsmann.
Dieses Mal will ich die Wahrheit erzählen, wie sich ein Mensch
verhält, wenn er in Lebensgefahr ist. Ob man mir das abnimmt
oder nicht, ist mir egal, aber es ist die Wahrheit. Ich habe große
Männer gesehen, die noch ein größeres Mundwerk
hatten. Aber als wir torpediert wurden, haben sie auf den Knien
gelegen und unseren Herrgott um Hilfe gebeten. Die Tränen
sind ihnen über das Gesicht gelaufen und sie haben gejammert,
statt sich eine Schwimmweste zu suchen und umzubinden. Andere
haben still in der Ecke gesessen und konnten sich vor Angst nicht
bewegen und vor Angst auch nicht helfen, ein Boot oder Floß
mit ins Wasser zu lassen, wenn das Schiff am Sinken ist. Andere
hatten eine Schwimmweste, aber keinen Mut, in das kalte und bewegte
Wasser zu springen, oder zu jumpen, wie es die Seeleute sagen.
Gewiß die Chance, daß man überlebt, ist klein.
Aber im Wasser ist ein Strohhalm ein Riesenbalken. Auch im Wasser
haben sie noch auf uns geschossen, wenn wir Pech hatten.
Wir hatten zwei Torpedos bekommen, bei Luke eins und Luke fünf
hat man mir gesagt. Beide Luken waren voll Flugzeugbenzin in Fässern.
Könnt Ihr Euch vorstellen, was das für ein Bums und
Feuerwerk abgegeben hat? Und das alles in dunkler Nacht zwischen
zwei und vier Uhr. Wir lagen im Bach, man kann nicht so schnell
erzählen, wie es weiter ging. Ich hielt mich an einem Floß
fest. Es war ein französisches Floß aus Blech und da
kamen noch immer ein paar angeschwommen.
Als wir uns besonnen hatten, stellte ich fest, daß unser
Floß nur 12 Mann tragen konnte, wir waren aber 18 Mann!
Wir mußten im Wasser bleiben und uns an den Haltetauen festhalten.
Drei Mann mußten abwechselnd neben dem Boot schwimmen. Ich
bin geschwommen, weil ich eine Fliegerschwimmweste unter meinem
Zeug hatte. Die hatte ich auf Sardinien gegen Zigaretten getauscht.
Einer, der nebenher schwamm, ist mit einem Mal fort. Also abgesoffen!
Ein Anderer ist auf eine Kabinentür übergestiegen, die
vorbeitrieb. Wir sind immer noch 16 Mann, also drei zuviel. Ich
zähle mich nicht mit, ich habe ja meine eigene Schwimmweste.
Das Wasser ist verdammt kalt. Ich hatte mich mit einer kleinen
Leine an das Floß gebunden, damit ich bei meinen Leuten
blieb. Die Schwimmer sind müde und steif geworden. Zwei sackten
wieder weg. Nun ist noch einer zuviel!
Unser ältester ist Charly, der Oberheizer. Er konnte nicht
schwimmen und war 62 Jahre alt. Er hatte sich freiwillig zur Blockadebrecherfahrt
gemeldet. Er hatte seine Familie bei dem Angriff auf Hamburg verloren.
Diesen Oberheizer Charly habe ich nicht vergessen. Wir hatten
Windstärke 4, was ich so schätzen konnte und wer nicht
schwimmen kann, geht wie ein Stein in den Grund. Der Matrose mit
seiner Tür ist nicht mehr zu sehen. Ich schreie den Leuten
zu, sich zu bewegen, damit sie nicht steif werden. Rasmus hat
sich nun schon vier Mann geholt und das Wasser ist verdammt kalt.
Wir sind immer noch zu viele und liegen schon drei Stunden im
Wasser, denn die Uhr geht auf 7 zu und Hilfe ist nicht zu sehen.
"Wir müssen abstimmen", rufe ich, "Charly
ist der Älteste." Er sagt mit leiser Stimme: "Nein,
nicht ich, der Bootsmann hat das Sagen." Du lieber Gott,
steh' mir bei und helfe mir. Und er hat mir geholfen. Am Floß
hingen 13 Menschen. Bei unserem Palaver sind wir gar nicht gewahr
geworden, daß unser Floß ein paar Zentimeter höher
aus dem Wasser heraus gekommen ist. Dann hieß es mit einem
Male: Charly, unser Oberheizer ist weg!
Später habe ich gehört, daß Charly zu seinem Nebenmann
gesagt hat: "Ich bin alt und habe keinen Menschen mehr auf
der Welt. Hoffentlich kommt ihr alle an Land." Dann hat er
sich losgelassen. So ist das gewesen, wie Krischan Niemeyer mir
das später an Land erzählte.
Aber mir und den Anderen ist das Wasser in die Augen geschossen.
Charly hat sich für uns geopfert. Eigenartigerweise wurde
die See schlagartig ruhiger. Einer meinte, auch das haben wir
Charly zu verdanken.
Gegen 10 Uhr hat uns ein italienischer ARADO entdeckt und eine
Stunde später hat uns ein Schnellboot aus dem verfluchten
Wasser gezogen. Es war auch höchste Zeit. Das Boot hatte
Wolldecken, Bier und Wein an Bord. Als wir an Land kamen, waren
die meisten betrunken. Einige schon wieder am Lachen, weil wir
dieses Mal wieder Glück gehabt hatten. Ich hatte mit tüchtig
einen auf die "Lampe gekippt", weil ich an Charly denken
mußte. Mir ist jetzt wohler, nachdem ich mir diese Geschichte
vom Herzen geschrieben habe. Charly ist auf die große Reise
gegangen, hat aber ein Dutzend Menschenleben gerettet. Eine Rettungsmedaille
hat er aber nicht bekommen.
Das sind Geschichten, die das Leben geschrieben hat. Aber solche
Geschichten, die mit dem Krieg zu tun haben, will keiner mehr
hören.