Unser II. Bataillon des Infanterieregimentes 389 in der 217. Division
kam im Russlandfekdzug im Oktober 1941 nach Sredi Rudizi, einem
Dorf bei Lopuchinka. Wir wußten damals noch nicht, daß
dieser Ort unser Winterquartier am Kessel von Oranienbaum werden
sollte. In einem größeren der üblichen Holzhäuser,
bei einem alten russischen Mütterchen (die Zivilbevölkerung
war damals noch dort), übernahm unsere Nachrichtenstaffel
das Quartier einer seit schon vier Wochen dort liegenden Einheit.
Die Stuben waren unbeschreiblich schmutzig, wenn es für russische
Verhältnisse wohl noch ging! Zwar gab es in diesem Haus keine
Läuse, dafür wimmelte es aber vor Wanzen. Trinkwasseranlagen
wie Brunnen und dergleichen waren im Dorf knapp. Die Alte benutzte
den Straßengraben als Ausguß und schöpfte an
der gleichen Stelle ihren Wasserbedarf, obgleich 30 m entfernt
Trinkwasser aus einer Quelle rieselte, die wir natürlich
etwas "ausbauten" und benutzten.
Fast der gesamte Geländeabschnitt unseres Bataillons war
vom Gegner einzusehen. Es gab Parolen, wonach im November der
Kessel bereinigt werden sollte, aber der früh einsetzende
Schneefall und die außergewöhnliche Kälte machten
einen Strich durch die Rechnung. Es gab viele Verluste durch feindlichen
Panzer- und Artilleriebeschuß (auch unser Staffelkamerad
Jung fiel durch Panzervolltreffer im Gefechtsstand der 7. Kompanie),
was uns zum Bunkerbau neben den Häusern und die Kompanien
zum Ausbau ihrer Stellungen veranlaßte. Auch die Zivilbevölkerung
mußte das Dorf verlassen. Bevor die Schützengräben
fertig waren, brachen russische Späh- und Stoßtrupps
bei den Kompanien ein, beschossen unsere Posten, um dann so schnell
zu verschwinden, wie sie gekommen waren.
Ab November überraschte uns der Russe mit vorwiegend nächtlichem
42m-Geschützfeuer von der "Schwarzen Sau", wie
wir sagten. Die gewaltige Detonation beim Einschlag ließ
die gesamte Gegend erschüttern. Die Splitter flogen über
1000 Meter weit. Die Granattrichter hatten eine Tiefe von ca.
4 m und ca. 10 m Durchmesser. Der ständige Beschuß
zwang zur Rückverlegung des Bataillonsgefechtsstandes in
die Lopuchinkaer Schlucht gegenüber dem Regimentsgefechtsstand.
Den Ausbau im Gestein bei der grimmigen Kälte habe ich in
schrecklicher Erinnerung. Den Bunkerbau mußten wir natürlich
neben dem Nachrichteneinsatz vollbringen, und so mancher ist dabei
zusammengeklappt. Melder und Schreibstubenleute wurden zur Hilfe
abgestellt!
Ende November 1941 führte Oberleutnant Weiß ein Stoßtruppunternehmen
an, bei dem am Waldrand von Wjarrepol 56 russische Bunker - teilweise
mit Besatzung - gesprengt wurden, dem ein eigenes Artilleriefeuer
vorangegangen war. Als wir am Ende des Unternehmens die Erfolgsmeldung
durchfunkten, wurden direkt um den Funktrupp herum vier Soldaten
durch hochgehende Minen verwundet. Im übrigen beschränkte
sich die Kampftätigkeit vor allem auf beiderseitige Spähtruppunternehmen.
Das Leitungsnetz unserer Nachrichtenstaffel betrug über 50
km. Nur durch Ausnutzung der auch letzten Reserven des in Baltisch-Port
erbeuteten russischen Feldkabels war ein derartiger Ausbau möglich.
Bis zu den Zügen der Kompanien, teilweise sogar bis zu den
Gruppen und in die Schützengräben hinein, hatten wir
die Strippen gezogen. Viele Störungen gab es zu beseitigen,
denn fast bei jedem Artilleriefeuer mußte ein Störungstrupp
hinaus, natürlich nicht erst nach dem Beschuß!
Der Frost nahm allmählich sibirische Formen an. Unsere Gewehre
mußten wir entölen, weil das Gewehröl einfror.
Und das Flicken es Kabels, das ohne Handschuhe geschehen mußte,
wurde zur Qual. Viele Störungen entstanden auch durch den
Frost. Außer der üblichen und für diese Verhältnisse
recht mangelhaften Winterkleidung erhielten wir stark gefütterte,
unhandliche Handschuhe und einen russischen Kopfschützer,
aus dem nur die Augen hervorguckten. Dennoch froren wir sehr,
besonders an Händen und Füßen.
Weil in dem Dorf nun keine Zivilisten mehr wohnten, brachen wir
die Häuser und Scheunen ab, um Heizmaterial für uns
und von den Dächern Stroh für die Pferde beim Troß
zu haben. Schon im Januar gab es kein vollständiges Haus
mehr.
Im Dezember 1941 wurde ein stärkerer russischer Angriff von
der 5. und 6. Kompanie abgeschlagen und Gefangene eingebracht.
In den Gräben blieben etliche Tote liegen. Den heiligen Abend
1941 feierte ich zunächst noch mit der Nachrichtenstaffel
in "unserem" alten Haus neben dem neuen Bunker. Wein,
Sekt, Schokolade, kleines Gebäck und dergleichen waren die
Weihnachtsgaben der Wehrmacht. Dörrgemüse gab es zwar
als Mittagsmahlzeit, aber dafür trafen viele Päckchen
aus der Heimat ein. Sogar einen Tannenbaum hatten wir uns besorgt.
Punkt 24 Uhr setzte ein halbstündiges schweres feindliches
Artilleriefeuer ein, das von uns in der Neujahrsnacht vergolten
wurde.
Die Bolschewisten hatten schon vorher Flugblätter zu uns
herübergeschossen mit dem Inhalt, sie würden zu uns
kommen und die Weihnachtskerzen anzünden. Deutsche Flugblätter
antworteten, sie möchten nur kommen, wir würden die
Lichter wieder auspusten!
Der Winter wurde noch härter. Beim Bau des neuen Gefechtsstandes
halfen nun auch russische Überläufer. Bei der Kälte
war es manchmal nicht möglich, trotz dicker Handschuhe längere
Zeit einen Spaten zu halten. Dennoch waren Mitte Januar 1942 auch
die letzten Bunker bezugsfertig.