Am 12. November 1942 kehrte ich mit einem Kamerad aus dem Urlaub
zurück. Schon auf der Bahn erfuhren wir, daß unsere
Einheit jetzt am Wolchow eingesetzt war. Auf dem Weg dorthin lasen
wir das berühmte aus Zeitungen und der Wochenschau bekannte
Schild von der "Kerbe vom Arsch der Welt". Das war die
leider wirklich zutreffende Bezeichnung der "Landser"
für den Brückenkopf, auf den wir am 28. November gelangten.
12 Kilometer gingen wir entlang einem Bahndamm, bis wir die zerstörte,
etwa 400 Meter lange Eisenbahnbrücke über den Wolchow
überschreiten konnten.
Diese Brücke überquerte ich in den nächsten 14
Nächten noch oft mit Angst und Herzklopfen zum Verpflegungsempfang.
Die Brücke stand ständig unter Feindeinsicht und Beschuß,
denn der Brückenkopf war ja nur 3 x 4 km groß. Die
Brücke durfte nur nachts betreten werden (Verpflegung und
Munition holen) und so mancher stürzte durch Ausrutscher
oder von einem Geschoß getroffen in den Fluß.
Gleich am nächsten Tag nach meiner Einquartierung begann
die körperlich schwere Arbeit in der Reservegruppe. In mehreren
Touren mußten etliche Balken in die Stellungen unserer Kompanien
gebracht werden, jedes Mal ein Weg von 3 km hin und 3 km wieder
zurück, sehr beschwerlich durch hohen Schnee und viele, viele
überschneite Granattrichter. Auch hier konnten wir uns wegen
der Feindeinsicht nur nachts bewegen. Von der Stadt stand nur
noch ein Haus, außerdem gab es ein oder zwei Ruinen. Sonst
war die Stadt verschwunden, nur die weite Schneelandschaft mit
den Schützengräben und überschneiten Bunkern. Zum
Leidwesen beider Seiten gab es auch keine richtige Frontlinie,
sondern die Gräben gingen ineinander über. Wehe, man
verlief sich mal!
Die Arbeit unseres Reservezuges sollte eigentlich die Aufgabe
der dort eingesetzten Strafkompanien sein. Die aber waren weitgehend
aufgerieben, weshalb zurückkehrende Urlauber mit eingesetzt
wurden. Am zweiten Abend bauten wir Bunker bei der 5. Kompanie,
nachdem wir vorher etliches Holz herangeschafft hatten. Ein feindlicher
Panzerzug, der mit seinen Waffen das Gelände abstrich, ließ
uns zweimal volle Deckung nehmen. Es beruhigte sich erst nach
tüchtigen Feuerüberfällen unserer Artillerie.
Die zweite Woche unserer 14 Tage in Kirischi war die Schlimmste.
Wir bauten Stellungen bei Hauptmann Dulier von der 7. Kompanie.
Hierfür holten wir um 10 Uhr Munition für die MG-Stände
sowie Sandsäcke, Stacheldraht und "Igel" (Stacheldrahthindernisse)
vom Hafen zu unserem Reservebunker. Gleich bei Einbruch der Dunkelheit
schleppten wir dann diese Sachen zur Kompanie. Nachts stellten
wir zusammen mit den Pionieren vor der Stellung die Igel auf,
gruben Schneewälle, füllten Sandsäcke, bauten MG-Stände
und dergleichen mehr. Obgleich der Ordonnanzoffizier 24 Uhr als
spätesten Arbeitsschluß befohlen hatte, ließ
der Hauptmann Dulier regelmäßig bis kurz vor Sonnenaufgang
arbeiten.
Obgleich wir Sonderverpflegung erhielten, hatten wir dauernd Hunger.
Die beiden einzigen Arbeitspausen bestanden aus dem Verpflegungsempfang
um 17 Uhr, und dann hatten wir noch einmal 20 Minuten Pause gegen
24 Uhr.
Die Strafkompanien hatten ähnlichen oder wohl auch den gleichen
Dienst wie wir, aber unter strenger Bewachung und streng von uns
anderen Soldaten getrennt. So konnten wir ihnen nur selten mal
ein Stück Brot heimlich zustecken, denn sogar das Sprechen
mit ihnen war nicht gestattet und ihre Verpflegung war knapp und
schlecht.
Der MG- und Gewehrbeschuss, aber auch der von anderen Waffen,
war im Brückenkopf überdurchschnittlich stark. Der Reservezug
hatte hierdurch etliche Ausfälle, besonders auch vom Granatwerferfeuer.
Erwähnt werden sollte, dass durch die unmittelbare Nähe
der Deutschen und Russen lebhafte Lautsprechertätigkeit herrschte.
Vor allem die Russen drohten uns die totale Vernichtung an und
empfahlen deshalb, sich freiwillig zur Roten Armee in Gefangenschaft
zu begeben. Sogenannte Passierscheine wurden ständig zu uns
herübergeschossen.
Ganz plötzlich kam unsere Ablösung in der Nacht vom
11. auf den 12. Dezember 1942. Stark dezimiert verließ unsere
217. Division den Brückenkopf Kirischi, um Irrsa herum Ruhelager
zu beziehen. Hier verlebten wir Weihnachten und Silvester, hatten
Kino und Front-Varieté. Wir erhielten Skiausbildung und
hatten eine größere Skieinsatzübung mit Übernachtung
im Zelt im Schnee.
Alle vier Wochen wurde eine Division nach Kirischi zum Einsatz
geschickt. Aufgerieben nach dieser zeit kam die Ablösung
durch die nächste Division. So ist es auch unserer 217. Division
ergangen. Aber über unserer Nachrichtenstaffel schwebte in
diesen Tagen wohl ein Schutzengel!