Mit Gelbsucht musste ich am 13. Mai 1943, also genau an meinem
Geburtstag, meine Einheit an der Wolchow-Stellung verlassen. Über
den Troß, zur Abgabe meiner Waffen u.a., quälte ich
mich noch einige Kilometer weiter zur Straße, von dauerndem
Erbrechen aufgehalten. An der Straße hielt ich ein bespanntes
Sanitätsfuhrwerk an, das mich mit zwei Verwundeten vom Regiment
319 nach Nikochowo zum Hauptverbandsplatz nahm.
Am nächsten Morgen wurden wir in Podberesje in die Güterwagen
des Lazarettzuges verladen. Über Grigorowo, wo wir den ganzen
Vormittag liegen blieben, ging es nach Luga. Sankas brachten uns
zur Krankensammelstelle. Am folgenden Sonntagmorgen entschied
der dortige Arzt bei der Untersuchung, mich noch weiter ins Hinterland
zu schicken. Ich träumte schon von der Heimat! Nach der Entlausung
folgte ein herrliches Mittagessen (Kartoffelbrei mit Spinat und
anschließend Speise). Nach der Kaffeemahlzeit brachte uns
das Sanitätspersonal wieder zum Bahnhof. Der behelfsmäßige
Lazarettzug 003 nahm uns auf. Inzwischen hatte mein ganzer Körper
eine knallgelbe Farbe bekommen, so daß ich als "Sensation"
galt. Keiner der anderen Gelbsüchtigen, mit denen ich zusammen
in der zweiten Klasse fuhr, konnte es in dieser Beziehung mit
mir aufnehmen.
Vor uns lief ein Zug auf Minen. Deshalb lagen wir ca. 12 Stunden
in Pleskau fest. Ein Generalstabsarzt benutzte die Gelegenheit
zur Besichtigung des Zuges und entschied die "Dünabasis"
für uns als Endstation. Also vorbei mit den Träumen
von der Heimat! In der zweiten Nacht, die ich in diesem Zug verbrachte,
weckte man mich. Ein Arzt verlangte unsere Krankenpapiere und
hieß uns Gelbsüchtige aussteigen. Omnibusse brachten
uns durch eine mecklenburgisch anmutende Landschaft ins Ortslazarett
Balvi an der russisch-lettischen Grenze.
Saubere Betten, ein netter Arzt und ein brüllendes Radio
auf dem Flur waren die Kennzeichen der Baracke "Innere Abteilung"
neben dem Hauptgebäude, einem früheren Gymnasium. Wir
alle bekamen zunächst 14 Tage Bettruhe. Die ärztlichen
Untersuchungen ergaben bei mir galliges Blut im Urin; überhaupt
war ich der "schlimmste Fall unter den Gelben". Leberdiät
und Kakao als Verpflegung genügte mir anfangs reichlich,
ich hatte nur auf Kekse Appetit. Aber schließlich stellte
sich doch wieder Hunger ein. Während die anderen schon offiziell
aufstehen durften, schlich ich mich öfter heimlich in den
Park, weil ich nicht mehr liegen mochte.
Endlich durfte auch ich das Bett verlassen und bekam ausgiebigere
Kost. Heimliche Läufe im freien Gelände und Park und
auch noch heimliches Baden in dem großen See, der an unser
Grundstück grenzte, bekam mir und den anderen Kameraden ausgezeichnet.
Die täglich hervorragende Verpflegung - allein vier Mal während
meiner Gelbsucht bekamen wir pro Person ein drittel Hähnchen
- auch oft Spiegeleier und Schokolade, gaben uns überschüssige
Kräfte. In tüchtiger Toberei suchten wir den Ausgleich.
Wenn auch andere Patienten meinten: "So was will krank sein!",
so ließen wir Gelben uns jedoch keineswegs stören.
Der Park wurde uns zur Toberei sogar bald zu klein.
Als wir schließlich zu krege wurden, gab man uns Ämter
und Arbeit. So kam ich in die Küche, hatte das Essen von
der Hauptküche zu holen und unter den Patienten auf unserer
Station zu verteilen. Diese Aufgabe habe ich nie bereut. Meine
Gewichtszunahme von 58 auf 65 kg ist ein Beweis dafür. Die
lettischen Hausmädchen und Küchengehilfinnen erwiesen
sich als große Schmutzfinken. Auch liebten sie Rauchen und
Saufen mehr als Arbeit.
Donnerstag vor Pfingsten verließen zwei der Stubenkameraden
als geheilt das Lazarett. Vorher gingen wir alle zusammen noch
ins Kino und sahen den Film "Weiße Wäsche".
Die Pfingsttage verlebte ich noch seelenruhig im Lazarett und
leerte behaglich mit den Luftwaffeninfanteristen unsere beiden
Flaschen Sekt. Am Tage darauf schlug dann auch unsere Abschiedsstunde.
In der alten Stellung, von der aus ich meine Einheit an meinem
Geburtstag verlassen hatte, lagen jetzt Esten. Ich musste noch
weiter zum Brückenkopf wandern, wo ich mich endlich bei meiner
alten Staffel nach einem Monat und fünf Tagen Abwesenheit
wieder melden konnte.