Bericht über die letzten Kriegstage im Mühlental von Wernigerode
Mittwoch, der 11. April 1945
Es ist die Nacht vom Dienstag, dem 10. April 1945 zu Mittwoch,
den 11. April. Vom Friederikental, diesem idyllischen Seitental
im oberen Nöschenrode aus sieht man gegen 22°°
Uhr, wenn man in nordwestlicher Richtung in den Nachthimmel blickt,
Feuerfontänen mit nachfolgenden starken Explosionen. Vor
den heranrückenden Kampftruppen der Amerikaner werden Munitionslager
der Produktionsstätten hinter dem Huy (Wilhelmshall) und
im Schimmer Wald gesprengt. Ein schauerliches und gespenstisches
Bild wie ich mich erinnere.Zur gleichen Zeit, so der Geschichtsschreibung
nach, gab es Gespräche des Bürgermeisters von Wernigerode,
Herrn v. Fresenius mit dem Obersten Gustav Petri, der am 9. April
mit seinen, ihm verbliebenen, Leuten "rückwärtiger
Dienste" in Wernigerode eingerückt war. Sein Quartier
hatte Petri im "Haus Sonneck" im Mühlental (wenige
hundert Meter von der Storchmühle in Richtung Stadt entfernt,
genommen. Seine Soldaten quartierte er im "Stadtgarten"
ein. Petris Auftrag bestand zunächst darin, zurückgehende
deutsche Einheiten, auch Einzelpersonen und Gruppen über
Hasserode und Nöschenrode der 11. deutschen Armee zur Verteidigung
der "Festung Harz" zuzuführen. Bürgermeister
v. Fresenius hat nachweislich versucht, in den Gesprächen,
Petri davon zu überzeugen, die Stadt Wernigerode nicht in
die Hauptkampflinie einzubeziehen. Petri war, nach einem telefonischen
Lagebericht an seinen Dienstvorgesetzten Oberst Linemann, der
sich in Andreasberg aufhielt, als ranghöchster Offizier in
Wernigerode zu der Zeit telefonisch zum "Kampfkommandanten"
ernannt worden und sollte nun auch diese Stadt "verteidigen"
was er ablehnte. Diese Ablehnung führte schließlich
dazu dass Petri am 11. April verhaftet und bei Elend im Harz noch
am gleichen Tage vom Wachzug der 11. Armee erschossen wurde. Am
Marktbrunnen erinnert eine Plakette an diesen "Retter"
der Stadt und auch eine Strasse trägt seinen Namen.
Am 11. April dann wurde am frühen Nachmittag gegen 14°°
Uhr 30 Min. auf dem Theobaldifriedhof in Nöschenrode, dem
Teil der Schlossgemeinde (das ist der am Wald liegende Teil des
Friedhofes), Frau Auguste Weber, die Großmutter des Autors
und verstorbenen Ehefrau des Holzhauermeisters Wilhelm Weber,
beigesetzt. Sie war im 66. Lebensjahr verstorben und hatte im
Voigststieg gelebt. Pfarrer Kroneberg sprach gerade, an die Tote
und die relativ große Trauergesellschaft gewandt, die letzten
Worte des Trostes, als plötzlich Granatbeschuss alle aufschreckte
und die "Veranstaltung" sprengte. Der eilig herabgelassene
Sarg wurde erst Tage später mit Erde bedeckt.
Eben zu dieser Zeit rückten die amerikanischen Kampftruppen
an und man erzählte später in der Bevölkerung,
dass Rudolf Kindermann und der Chefarzt der Chirurgie des Krankenhauses
Dr. Moldenschardt, diesen Truppen mit weißer Fahne entgegen
gegangen seien um einen Panzerbeschuss zu verhindern und die Stadt
kampflos zu übergeben. Ich kann die Wahrhaftigkeit dieser
Aussage nicht belegen, aber vieles deutet wohl darauf hin dass
es so gewesen sein könnte. Der Beschuss war auch nur durch
zwei oder drei Detonationen wahrnehmbar und hat auf die Stadt
selbst nicht mehr stattgefunden. Es wurde dann im Verlaufe des
Nachmittags und den weiteren Tagen auf die Zugänge in den
Harz (Nöschenrode und Hasserode) geschossen.Wenn es aber
mit der Handlung von R. Kindermann und Dr. Moldenschardt sich
so verhalten hat, dann hätten diese einen größer
Würdigung um die mutige Aktion schon geschichtlich verdient!
Jedenfalls zerstob die Trauergemeinde, die Auguste Weber das letzte
Geleit gegeben hatten. Etwa 50-60 Leute, liefen in aller Eile
vom Theobaldifriedhof davon. Meistens nach Hause in die Stadt,
nach Hasserode bzw. in unserem Fall ins Friederikental durch
Bohlweg und den Wildmeisterweg. Zu Hause angekommen wurde so schnell
es ging noch versucht, die Kellerfenster zu schützen und
der Keller aufgesucht. Mit uns, meinen Eltern und mir, waren noch
unsere "Evakuierte", Frau Lina Wohning aus Moers am
Rhein und eine Verkäufern der Bäckerei Blumeier in der
damaligen Kaiserstrasse von Nöschenrode. Wegen Granatbeschusses,
der doch ziemlich dicht ans Haus reichte - nur etwa 200m entfernt
schlugen Granaten ein, ohne allerdings bemerkenswerten Schaden
anzurichten -, ging es doch noch in den nahe gelegenen Wald bis
ins "Siebenbörner Tal". Von dort kehrten wir erst
bei Einbruch der Dunkelheit zurück.
Donnerstag der 12. April 1945
Die Nacht war unruhig ob der Dinge die sich noch ereignen würden.
In der Tat drangen in dieser Nacht, von den Anwohnern unbemerkt,
Teile der 11. Armee, es waren Militärschüler der Offiziersnachwuchsschule
Potsdam, von Elbingerode kommend ins Mühlental ein und gingen
an der Westseite entlang des Mühlgrabens, Vogelsang ... bis
zum "Holfelder Platz" vor, zogen sich aber bis zum Morgen
wieder zurück auf die Höhe "Hartmanns Mühle".
Ihre Ausrüstung und Bewaffnung bestand aus Fahrrädern
und Panzerfäusten sowie Sturmgewehren. Sie waren verblendete
und dadurch fanatische junge Männer die noch an "den
Endsieg" in dieser aussichtslosen Situation glaubten und
bereit waren für dieses aussichtslose Ziel zu kämpfen
und zu sterben. Jedenfalls war dies der Eindruck den mein Vater
hatte, als er diese Männer bei Hartmanns Mühle so gegen
10°° Uhr am 12. April aufsuchte. Im Interesse der Sicherheit
unseres Hauses im Falle bewaffneter Vorgänge, wollte er mit
ihnen darüber zu diskutieren, nicht zu kämpfen bzw.
die Bevölkerung in jedem Fall zu verschonen. Von diesem Gespräch
kam der Vater ganz entsetzt ob der Uneinsichtigkeit der Leute
nach Hause zurück. Ich wirkte in der Zeit im Garten unseres
Hauses und war dabei zu graben.
So verging der Vormittag bis dann so gegen 13°° Uhr
etwa, lautes Motorengeräusch von Panzern (Typ Sherman) uns
vor das Haus holte. Was da zu sehen war sah nicht hoffnungsvoll
aus. Drei solcher Panzer als Konvoi mit aufgesessener Infanterie
befuhr die Strasse des Mühlentals (heute B 242) vorsichtig.
In Höhe der Hälfte zwischen Hartmanns Mühle und
Hotel Waldmühle (heute steht dort auf der Westseite des Baches
ein Tennishotel "Waldmühle") wurde gehalten und
die Infanteristen begaben sich in Angriffsstellung hinter die
schützenden Panzer. Dann begann die Fortsetzung der Fahrt
und schon nach wenigen Metern begann eine wilde Schießerei.
Das veranlasste uns natürlich wieder Schutz zu suchen im
Keller. Bis es draußen wieder ruhig wurde und die Amerikaner
ganz offensichtlich sich zurückgezogen hatten was am leiser
werdenden Motorengeräusch deutlich vernehmen konnte. Es war
aber ein Trugschluss zu glauben, nun sei erst einmal alles überstanden.
Kurze Zeit später wurden wir gewahr, dass 6 solcher gepanzerten
"Ungetüme", behängt mit Baumstämmen und
Sandsäcken - dies wurde zum Schutz gegen sogenannte "Haftladungen",
Sprengladungen gegen die Panzerung getan -, über die Wiesen
fuhren und zurück kamen. Diesmal einer davon direkt in Richtung
unseres Hauses was ich deutlich aus dem Badfenster schauend sehen
konnte und weswegen wieder alle in den Keller flüchteten.
In der Tat hielt der Panzer etwa ½ Meter neben unserem Haus.
Die Stimmen der Besatzung waren deutlich zu hören und wir
da im Keller zitterten alle vor Angst am ganzen Körper, doch
nicht wissend was denn da auf uns wohl zukommen könnte. Eine
Drehung des Turmes hätte dem Haus schon arge Zerstörungen
zufügen können.
In kürzester Zeit wurde aus der Panzerkanone geschossen.
Die Fensterscheiben barsten sofort. Wir waren also, sonst in als
sicher gedachter territorialer Lage was Bombenangriffe und so
etwas anging, jetzt und zu guter Letzt noch mitten in die Kampfhandlungen
des Krieges geraten. Das alles war das schlimmste Gefühl
dass mich jemals in meinem Leben erfasst hat, auch wegen der offensichtlichen
Hilflosigkeit der Lage und Situation. Diese Angst, die wir durchmachten,
kann man nicht beschreiben. Es erwies sich wohl nun als Glück,
dass die deutsche Armee an dieser Stelle so schwach ausgerüstet
und bewaffnet war. Mit MGs konnte man von der Waldmühle aus
den Panzern nichts anhaben und die Panzerfäuste hatten eine
zu geringe Reichweite. Ich weiß es nicht mehr wie lange
die Schießerei andauerte. Man glaubt ja in solchen Momenten
es sei ewig lang aber, wenn ich drüber nachdenke, so war
es bestimmt nicht mehr als eine Stunde. Die Amerikaner zogen sich
wieder zurück. Ob bei ihnen Verluste waren weiß ich
nicht. Bei den Deutschen, wie wir später feststellten, war
ein junger Leutnant gefallen. Er wurde zeitweilig am Eingang des
Hotels Waldmühle begraben und erst Wochen später nach
dem Krieg umgebettet. Unser Haus wies erhebliche Schäden
auf. Der Eingangsbereich (Vorbau als Windfang) war um ca. 20 cm
aus der richtigen Position verschoben, etliche Fensterscheiben
waren zu Bruch gegangen und der Garten durch die Fahrspuren stark
verwüstet. Mittlerweile war es vielleicht so gegen 17°°
Uhr geworden. Vater und ich, wir beseitigten die am Haus entstandenen
Schäden so gut es eben ging, bzw. vernagelten die kaputten
Fenster.
Freitag der 13. (!) April 1945
Die Nacht war wieder sehr unruhig, wusste man doch nicht was uns
denn noch bevorstand. Am Morgen des Freitags, auch noch der 13.(!),
sahen wir auf der "Schnurrbartwiese" vor unserem Haus
Erkennungszeichen für Flugzeuge ausgelegt. Das hatten offensichtlich
die Amerikaner gemacht in der Absicht Flugzeuge zum Einsatz zu
bringen. Gegen 9°° Uhr schon, wurden wir dann von einer
deutschen Krankenschwester, die ganz in der Nähe mit ihren
Eltern wohnte (die Tochter des Maklers Hartwig) und einem amerikanischen
GI aufgefordert, in den nächsten zwei Stunden das Haus zu
verlassen. Wir waren 4 Personen, hatten 1 Schwein, 3 Ziegen, ca.
20 Hühner, Enten und Gänse usw. Es war ja Krieg und
unser Vater hat uns versorgungsmäßig kaum etwas von
dem spüren lassen, darum allerdings auch dieses Stück
"Selbstversorgung". Wohin mit alledem ohne es verlustig
gehen zu müssen? Das war nun die Frage. Mit uns wurden gleichermaßen
evakuiert: Das Nachbarhaus der Fam. Schökel (4 Personen),
Die Mühle von Hartmanns (4 Personen). Die sogenannte "Hahnsche
Villa" (ca. 20 Personen) und die "Städtischen Häuser
im Mühlental (ca. 40 Personen). So mussten also etwa 70 Leute
ihre Wohnung verlassen. Es entstand spontan eine bemerkenswerte
Solidarität. Wir konnten unser Hab und Gut, vor allem die
Tiere, bei Leuten unterbringen mit denen wir trotz der territorialen
Nähe kaum sonst Kontakte hatten. An den Häusern am sogenannten
"Floßplatz", hatten die Amis eine Kontrolle eingerichtet
durch die wir mussten. Man wies uns ein in die Storchmühle,
wenn wir nicht privat anders eine Unterkunft für uns organisieren
könnten. Wie sich dann herausstellte hatte Rudolf Kindermann,
ob freiwillig oder unter Zwang weiß ich nicht, den Saal
der Storchmühle zur Verfügung gestellt, in dem die Menschen
nun erst einmal Unterkunft fanden.
Wir gingen zu Freunden meiner Eltern, d. h. zu Frau Ratjen, er
war Meister bei Thiel und Loeffler aber nun auch wie die meisten
der Männer Soldat. Sie wohnte im Haus der Freifrau von Langermann
in der Tiergartenstrasse. Dort wohnten wir nun. Hier gab es einen
Plattenspieler den ich dann mit Beschlag belegte und unentwegt
Platten der damaligen Zeit mit den Stars von damals, wie Zarah
Leander, Herbert Ernst Groh usw. hörte. Die Frauen durften
am Samstag noch einmal mit amerikanischer Bewachung oder auch
amerikanischem Schutz in die Häuser um weitere Gegenstände
zu holen. Da lagen in den Wäldern auch der Ostseite des Mühlentals,
am Fenstermacherberg deutsche Soldaten die sogar diese Frauen,
meine Mutter und Lina Wohning, beschossen haben. Der Amerikaner
hat sich zu deren Schutz noch eingesetzt, indem er ihnen half
sich in den Straßengraben zu werfen. Kein Ruhmesblatt für
die deutsche Armee so kurz vor dem Untergang. Ich hielt mich auch
sehr viel in der Storchmühle auf denn dort waren ja auch
Freunde untergebracht. Hier habe ich auch Rudolf Kindermann an
einem der Tage zwischen dem 14. April und dem 16. April gesehen.
Er war verwundet. Es muss wohl am Samstag, dem 14. April gewesen
sein, dass ein Mitglied der Wehrwolforganisation Rudolf Kindermann
mit einer Pistole in den Arm angeschossen hat. Ich habe den Verletzten
mit Arm in der Binde selbst gesehen. Offenbar war dies ein "Racheakt"
der mit der Stadtübergabe im Zusammenhang zu sehen ist. Die
Wehrwolforganisation war nämlich eine Verbindung von meist
Hitlerjugendangehörigen oder auch der Waffen-SS. In den Anfängen
der Besatzungszeit oder danach verübten diese Leute Überfälle
oder sonstige die Besatzer schädigende Taten. Auch gegen
Deutsche vergingen sie sich, wenn sie nach ihrem Verständnis
glaubten, dass sie sich mit dem "Feind" verbündet
hätten. Das lag nun hier im Fall von R. Kindermann vor.
Die weiteren Tage zwischen dem 13. und etwa dem 18. April 1945
Bei den Besuchen in der Storchmühle an diesen Tagen fiel
auf, das die Amerikaner ständig mit Kanonen in Richtung Voigtstieg
oder weiter schossen. Die Granaten, ohne dass das uns störte,
pfiffen über unsere Köpfe hinweg. In Erinnerung habe
ich aus dieser Zeit noch, dass auch das Brockenhotel abbrannte.
Man konnte nachts den Feuerschein erkennen. Nach ein paar Tagen,
es war vielleicht am Anfang der neuen Woche, also um den Montag,
den 16. April herum kamen mehr amerikanische Truppen ins Mühlental
und man spürte dass irgend etwas passieren würde. Auch
in dem Haus in dem wir wohnten, also bei der Freifrau v. Langermann,
wurde Quartier bezogen. So etwa 6 bis 8 Amis zogen ein. Mit meinem
Schulenglisch nach 6 Jahren ging die Verständigung ganz gut.
Ich hatte in der Zeit mehrfach mit diesen Kampftruppen Kontakt
und muss ihnen doch sehr großen Respekt zollen. War ich
noch ganz stur als wir evakuiert wurden am Kontrollpunkt Floßplatz,
so wich diese meine konsequent ablehnende Haltung doch im Laufe
der Zeit. Neugier und auch der Zwang der Situation machten mich
vernünftiger. Auch der "Selbsterhaltungstrieb"
kommt bei bestimmten Situationen zur Geltung. Z. B. stand ich
am 14. April am Handwagen, den die Frauen noch gepackt und aus
dem Kampfgebiet geholt hatten um beim Entladen aufzupassen dass
Niemand etwas klaut. Plötzlich kam ein GI der schon mit vorgehaltene
MP eine Jungen vor sich her trieb und verlangte dass auch ich
mit ihm komme. Dieser GI wetterte ständig in typischem amerikanisch:
"Yo are Hitler-Youth, damned Hitler-Youth!! I'll
arrested you!!!" Ich antwortete dass ich kein Hitlerjunge
sei, und verwies auf meinen Wehrpass in dem kein Bild in HJ -
Uniform sein durfte. Noch nicht 16 Jahre alt (!), waren wir schon
im März des Jahres gemustert worden und hatten demzufolge
solchen "Pass". Ich zeigte ihm den Pass und er ließ
mich nach vielleicht 200 Metern frei. So erkannte ich bald, dass
es eben auch nützlich war, sich verständigen zu können
auch mit den "Feinden" für die wir ja noch immer
die Amis hielten.
Als dann die Kampftruppen im Haus der Freifrau v. Langermann wohnten,
quasi gemeinsam mit uns, da war es häufig der Fall dass es
zu Unterhaltungen kam. Auch wenn ich die Haltung der Amerikaner
den Frauen gegenüber bei dem nochmaligen Aufsuchen unseres
Hauses berücksichtige, dann muss ich sagen dass sie sich
immer sehr kooperativ und fair verhalten haben. Das haben andere
Deutsche von Kampftruppen anderer "Verbündeter"
gegen Hitlerdeutschland ganz anders und viel spektakulärer
ja sogar menschenfeindlicher erleben müssen.
Die Zeit ab 20. April 1945
Wann genau nach Tagesdatum wir in unser Haus zurück sind
weiß ich nicht mehr. Am 20 April, gerade als der Verbrecher
Adolf Hitler 56 Jahre alt wurde, kapitulierte die 11. deutsche
Armee in der "Festung Harz". Die Amerikaner mit der
1. Armee in nördlicher Richtung und mit der 9. Armee südlich,
hatten die Deutschen umzingelt und eingeschlossen so dass ein
anderer Ausweg als die Aufgabe des sinnlosen Kampfes nicht blieb.
76 000 Mann der 11. deutschen Armee, deren Stab in Dreiannen Hohne
saß, ergaben sich nach verlustreichen Kämpfen, alles
sinnlose Opfer.
Also, dieses Ereignis wohl schon im Vorfeld brachte uns in den
Tagen um meinen 16. Geburtstag wieder nach Hause. Ich kann das
so sagen, weil wir die sich ergebenden deutschen Soldaten in langen
Zügen mit erhobenen Händen haben ziehen sehen als wir
schon wieder im Friederikental waren. Ein für uns furchtbarer
Anblick und demütigend für die Betroffnen selbst. Dort
in unserem Haus erwartete uns so manche Überraschung. Meine
Eltern mit ihrem sehr großen Freundes- und Bekanntenkreis,
hatten in den letzten Wochen vor dem Kriegsende einigen Geschäftsleuten
davon, Platz zum Aufbewahren von Waren oder Material oder Maschinen
und Geräten eingeräumt. Das befand sich überwiegend
im Keller. Darin hatten Eindringlinge herumgewühlt und einer
der Bekannten hatte, uns allen völlig unverständlich,
auch ein Hitlerbild mit dabei in den "Vorräten".
Dieses Bild empfing uns am Hauseingang quasi zur Begrüßung.
Meine Mutter war außer sich, zumal sie von meinen beiden
antifaschistisch eingestellten Elternteilen die radikalste Gegnerin
des Faschismus war. Die Sache hatte keine Konsequenzen aber sie
war trotzdem ärgerlich.
Dann waren die Wände des Kellers und einiger Zimmer mit Himbeersaft
aus unseren Vorräten beschmutzt. Die Vandalen hatten die
Flaschen einfach an die Wände geworfen. Kein schönes
Bild. Aber das und die Einschüsse einer MG-Salve über
die Hausfront sowie weitere geborstene Fensterscheiben waren eigentlich
alles an Schäden. Inventar fehlte nicht, auch die zur Aufbewahrung
übernommenen Gegenstände fanden wir vollständig
vor. Das war um so wichtiger als ja auch eine Vertrauenssache
gewesen war so etwas leisten zu wollen. Auch befanden sich darunter
Wertobjekte die z. B. einem der Geschäftleute später
zum Neuanfang nach der Währungsreform in der Bundesrepublik
gereichen sollte. Damit, mit diesem letzten Akt des Dramas 2.
Weltkrieg in Wernigerode und der Festung Harz hatten wir nun die
schlimme Zeit und vor allem den Krieg in seiner für uns furchtbaren
direkten Dramatik endlich überwunden.
Die Zeit bis zum 1. Juli 1945
Die Amerikaner verhielten sich nun als Besatzungsmacht. Wir versuchten
so gut es eben ging, die am Haus entstandenen Schäden auszubessern
und langsam begann sich das Leben wieder zu normalisieren. Wir
mein Vater und ich suchten in den Wäldern nach Dingen, die
die 11. deutsche Armee im Chaos des verlorenen Krieges und der
Niederlage hinterlassen hatten und die brauchbar für uns
waren. Große Mengen an Verpflegung z. B. und auch Gebrauchsgegenstände
warten da zu holen.
Zunächst blieb die Amis etwa 4 Wochen. In dieser zeit belegten
sie auch die Storchmühle als Offiziercasino. Dann wurden
sie von den Engländern abgelöst, die ein wesentlich
strafferes Regime einführten. Aber auch all das dauerte nur
bis zum Ende Juni 1945. In Erfüllung der Jalta-Absprachen
der Alliierten, die ja schon für die Zeit vom 17. Juli bis
02. August die "Potsdamer Konferenz" einberufen hatten,
übernahmen am Montag, dem 01. Juli 1945 die Russen die Besatzungshoheit
auf unserem Territorium.
In diesem Zusammenhang des Übergangs der macht auf die Rote
Armee von den Engländern wird noch einmal Rudolf Kindermann
interessant. Er nämlich veräußerte völlig
überraschend das Inventar der Storchmühle so gut es
in der kurzen Zeit weniger Tage überhaupt ging und wurde
dann von den abreisenden Briten nach Hahnenklee mit LKWs mitgenommen.
Man wertete in der Bevölkerung diese Leistung der Besatzungsmacht
für einen Deutschen in der Form als Anerkennung für
seine Dienste gegenüber Großbritannien in der Geheimdienstorganisation
Sekret-Service.
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