Erinnerungen an "Jenia"
Ich will versuchen, die Erlebnisse von vor 60 Jahren wieder in
Erinnerung zu rufen, zumal sie eine so überraschende Fortsetzung
erfuhren.
Im Jahre 1942 waren mein Bruder und ich beide in den Reichsarbeitsdienst
einberufen und somit außer Hause. Meine zierliche, kränkelnde
Mutter mußte meinen schwerkriegsbeschädigten Vater
- er erlitt im 1. Weltkrieg einen Hirndurchschuß und war
dadurch halbseitig gelähmt - sowie meine etwa 80jährigen
Verwandten versorgen und war damit einfach überfordert. Auf
Grund dieser Situation bekam sie die Zusage für eine Hausgehilfin
aus Rußland. Natürlich sagte man damals nicht "Zwangsarbeiterin"
zu diesen Frauen, ich glaube eher man sprach von "Fremdarbeiterinnen".
Zu Vorbereitung auf deren Einsatz wurden die Hausfrauen ins Haus
der NS-Frauenschaft zitiert, um sie über den Umgang mit diesen
Frauen zu unterrichten. Meine Mutter erzählte mir davon,
wie man sie veranlassen wollte, sich streng und unnachgiebig zu
verhalten, keine menschlichen Kontakte zu pflegen und sie nur
mit dem Allernötigsten zu versorgen. Ich wie? Nicht mehr,
ob man ihnen auch riet, diese Frauen gegebenenfalls auch mit Schlägen
zu bestrafen - es wäre jedenfalls durchaus denkbar gewesen.
Meine Eltern gehörten keiner Nazi-Einrichtung an, so auch
nicht der NS-Frauenschaft. Ein derartiges Verhalten einem Hausmädchen
gegenüber widersprach absolut ihrem christlichen Verständnis.
Dazu konnte man meine Mutter auch nicht überreden.
Die Gruppe der russischen Frauen kam mit der Bahn nach Göttingen
und wurde vom Bahnhof in die Wilhelm-Weber-Straße geführt,
wo sie dann nach irgendeinem System den Haushalten zugeteilt wurden.
Das bedeutete also, daß die Frauen getrennt wurden, um mit
den jeweiligen Hausfrauen in deren Wohnung zu gehen. Es soll ein
einziges Weinen und Schluchzen zu hören gewesen sein. Meine
Mutter hatte großes Mitleid mit dem übermüdeten,
verdreckten jungen Geschöpf, das ihr von nun an anvertraut
war. So ließ sie ihr ein erstes warmes Bad ein, legte Seife
und Handtücher neben die Wanne und gab ihr ein warmes Abendbrot.
Dann brachte sie sie eine Etage höher ins Dachgeschoß,
wo seit jeher die Hausmädchen ein kleines Zimmer hatten.
Dazu war der Raum warm durch die große Zentralheizung des
Hauses - sie muß wohl gespürt haben, daß sie
dort gut aufgehoben war.
Am nächsten Morgen begannen nun die Probleme: Jenia war lieb
und willig, verstand aber kein Wort Deutsch. Meine Mutter nahm
sie an der Hand und zeigte ihr alles - eine neue Welt für
sie! Später erst erfuhren wir, daß sie 20 Jahre alt
war, in der heimatlichen Landwirtschaft einen Trecker fuhr, doch
von einem Stadthaushalt absolut keine Ahnung hatte. Aber sie war
lernbegierig, aufmerksam und interessiert an allem Neuen, das
ein altes Professorenhaus zu bieten hatte. Wenn nur das Sprachproblem
nicht gewesen wäre! Doch da konnte mein Vater seine Hilfe
anbieten.: Als Bibliothekar konnte er zwar kein Russisch sprechen,
war aber in der Lage, aus dem Lexikon Vokabeln des Alltags herauszusuchen
und für meine Mutter in Lautschrift aufzuschreiben. So gab
es fast von Anfang an eine, wenn auch simple, Verständigung.
Das war aber nicht lange nötig, denn Jenia war ausgesprochen
sprachbegabt und konnte bald Deutsch verstehen, später auch
sprechen.
Am Ende der zwei Jahre, die sie bei uns war, konnte sie nicht
nur Deutsch sprechen, sondern auch die Nachrichten im Radio verstehen
und ein bißchen Zeitung lesen. Die erste Verständigung
mit ihr - abgesehen von Vokabeln wie Keller, Kartoffeln - brachte
meine Großtante fertig, die versuchte ihr zu erklären,
daß heute ein Feiertag sei, aber kein Sonntag. Sie stellte
sich vor Jenia in die Küche und fragte: "Jesus?"
und Jenia begriff sofort: "Christos woskres" rief sie
den Osterruf der orthodoxen Kirche. Worauf meine Großtante
mit den Armen wedelte, zur Decke hochschaute und sagte: "Jesus
- Papa" also Himmelfahrt. Und Jenia strahlte! Dies war wirklich
die erste Verständigung, die über die Verständigung
des Alltags hinausging.
Wenn nur das Heimweh nicht gewesen wäre! Ich hatte von ihr
erfahren, daß sie verheiratet war, der Mann im Feld stand,
daß es aber keine Feldpost gab, so daß sie nichts
von ihm wußte. Außerdem erzählte sie, daß
sie ein Kind gehabt hätte, das aber gestorben sei. Mehr allerdings
habe ich über ihre Familienverhältnisse nicht erfahren.
Nun war sie also von allem getrennt, und ohne Zweifel fühlte
sie sich völlig verlassen. Es gab aber einen Trost: in den
Nachbarhäusern waren ebenfalls Fremdarbeiterinnen im Haushalt
eingesetzt, und so ergab es sich, daß diese drei jungen
Frauen ihre Freizeit gemeinsam verbrachten. Dazu trafen sie sich
bei uns in Jenias Dachkämmerchen und sangen die Lieder ihrer
Heimat. Mein Vater hatte Jenia seine Gitarre gegeben - er hatte
als junger Mensch gerne darauf gespielt, bis die Kriegsverletzung
das unmöglich machte. Und nun saßen also die drei jungen
Russinnen, sangen und weinten zusammen und fanden oben unter dem
Dach ein Stückchen Heimat. Bei diesen Treffen war ich niemals
anwesend. Als ich aber vom Kriegshilfsdienst entlassen wurde,
haben wir so manches Mal bei ihr zusammengesessen, haben uns was
erzählt, gelacht, gealbert - wie man eben als 20-Jährige
die Abende verbringt. Ich war ein Jahr jünger als sie - aber
welch ein Unterschied zwischen mir, der behüteten Tochter
und ihr, der Verschleppten aus der Ukraine! Aber das hat uns nicht
daran gehindert, uns gut zu verstehen.
Meine Eltern hatten große Sorge, wie wohl der Urlaub meines
Bruders verliefe, der als Soldat auf Urlaub aus der Ukraine kam
- ihrer Heimat. Sie war gegen ihren Willen in Deutschland und
er gegen seinen Willen als Soldat in ihrer Heimat. Es verlief
aber alles völlig unkompliziert, die beide jungen Menschen
hatten keine Probleme miteinander. (Mein Bruder fiel bald darauf
mit 19 Jahren.)
Jenia wurde im Laufe der zeit erstaunlich schlank, aber nicht
deshalb, weil wir ihr nicht genügend zu essen gaben. Meine
Mutter hatte alle diese Vorschriften der Frauenschaftsführerin
einfach ignoriert. Jenia bekam das gleiche zu essen wie wir -
das wäre nicht anders denkbar gewesen. Und daß sie
nicht bei uns mit am Tisch aß, war auch keine besondere
Maßnahme: alle unsere Hausmädchen aßen draußen
in der Küche. Das war ihnen auch lieber, da mußten
sie sich auch nicht "benehmen" und hatten volle Freiheit,
die Ellbogen aufzustützen oder den Teller abzulecken. Meine
Mutter schickte sie auch zu unserer Ärztin, da sie sich Sorge
um Jenias Gesundheit machte. Ebenso begleitete sie sie zur katholischen
Kirche, in der Hoffnung, daß der Ritus ihr helfen möge,
das Heimweh zu ertragen - beides war verboten.
Jenia wurde ein halbes Jahr vor Kriegsende in ein Lager eingewiesen,
um dort in der Produktion zu arbeiten. Ich hatte seitdem nie wieder
etwas von ihr gehört. Vor einiger Zeit aber fing ich an -
nach etwa 60 Jahren! - nach ihr zu suchen. Aber wie wollte ich
sie finden, wenn ich keinen Namen, keinen Ort oder sonst irgendeine
Angabe machen konnte? Ich fragte bei der AOK, ob man aus jener
Zeit noch Versichertenkarteien aufbewahre, die mir hätten
weiterhelfen können - nichts existierte mehr. Zumal man den
Versicherten in der Kartei aufgenommen hatte, nicht aber den Arbeitgeber.
Bis mir dann der größte Zufall zu Hilfe kam. In Göttingen
tat sich eine Gruppe von Menschen zusammen, die sich freiwillig
an Wiedergutmachungszahlungen beteiligen wollten. Die Leiterin
dieser Gruppe fragte ich nach den Möglichkeiten, sie machte
mir allerdings keine Hoffnungen. Es existierten unzählige
Karteikästen der Versicherten dieser Kriegsjahre, wie aber
soll sie eine bestimmte Person finden, wenn der Name nicht bekannt
ist. Da gab ich die latent immer noch vorhandene Hoffnung auf.
Aber wenige Tage später bekam ich einen Anruf. Die leitende
Wissenschaftlerin des Projekts hatte rein zufällig in einen
der vielen, vielen Kästchen gegriffen und - den Namen von
Jenia herausgezogen. Arbeitgeber: Mein Vater!
Meine junge Georgierin, die Slawistik studiert hat, schrieb nun
einen ersten Brief, dem bald andere folgten: Jenia ist heute 81
Jahre alt, sie lebt mit ihrer Tochter zusammen in ihrem alten
Dorf, der Mann kehrte heil aus dem Krieg zurück, starb aber
vor wenigen Jahren. Ich bin dankbar, daß der Kontakt wieder
hergestellt ist: Jenia ist fast blind, recht elend und lebt in
äußerst ärmlichen Verhältnissen. Seitdem
wechseln wir einmal im Monat einen Brief, den ich natürlich
nicht selber lesen oder schreiben kann. Aber ich bin dankbar,
daß ich mit liebevoller Anteilnahme und natürlich auch
finanzieller Hilfe ihr Schicksal ein wenig erleichtern kann.
|