Machtübernahme
Der 30. Januar 1933
Es herrschte ein widerlich nasskaltes Wetter bei uns in Aumund-Lobbendorf
am 30.Januar 1933 und das zwang mich 11jährigen zum "Stubenhocken".
Am Nachmittag dieses Montags war ich alleine in der Wohnung. Meine
Mutter war zu meinem Vater ins Lokal gegangen und wollte dann
noch einige Einkäufe tätigen. Etwas miesepetrig saß
ich herum, hatte keine große Lust mich irgendwie zu betätigen,
ich war unzufrieden mit dem seit Weihnachten anhaltenden "Scheißwetter",
es wollte einfach nicht richtiger Winter werden. Sturm, Regen
und eine widerliche kalte Nässe, verdarben uns Kindern die
Hoffnung auf ein schönes, gutes Winterwetter, so richtig
mit viel Schnee und klirrendem Frost. So saß ich da mit
meiner Unlust und wartete auf meine Mutter, die gegen 18 Uhr wieder
zurück sein wollte, aber dann schon um 17 Uhr wieder da war.
Sie kam in einer sehr aufgeregten Stimmung, wirkte ziemlich aufgelöst
und brachte keine guten Nachrichten mit nach Hause, an diesem
Montag, dem 30. Januar 1933!
Mit vor Wut zitternder Stimme erzählte sie mir, daß
der Hindenburg den "Kerl" Hitler zum neuen Reichskanzler
ernannt habe. Sie wollte das zuerst nicht glauben, weil es doch
so viele dumme Gerüchte in den letzten Tagen gegeben hatte,
aber es sei doch die Wahrheit, über das Radio sei das offiziell
bekannt geworden. In großer Angst, aber auch mit viel Wut
war sie nun schnellstens nach Hause gegangen. Von Bekannten hatte
sie auf dem Heimweg auch noch gehört, daß nun wohl
das geschehen würde, was die SA schon immer gegrölt
habe, nämlich "die Nacht der langen Messer": Jetzt
würde es den Roten an den Kragen gehen. Die SA würde
so aufräumen, daß nur noch ihr die Straßen gehören
würden, gemäß dem SA-Lied: "Die Straße
frei den braunen Bataillonen, die SA marschiert mit festem Schritt
und Tritt". Aber gute Bekannte hatten ihr auch gesagt, daß
mit der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler die sehr große
Gefahr eines Bürgerkrieges durch die Kommunisten endgültig
vorbei sei, und das sei doch für uns alle gut, so hatten
sie gesagt. Meine Mutter war dennoch skeptisch, für sie war
diese Gefahr noch längst nicht aus der Welt. Sie hatte Angst
vor der Reichswehr, weil es da so viele Gerüchte gegeben
hatte, daß die Reichswehr so oder so in diesen Tagen putschen
würde. Auch Nachbarn von uns, gute Sozialdemokraten, hatten
in den letzen Tagen immer wieder von einer solchen Möglichkeit
gesprochen und solch einen Putsch auch durchaus befürchtet,
vor allem in Bezug darauf, daß Generale der Reichswehr,
nicht nur der General Schleicher als derzeitiger Kanzler, doch
stark involviert waren im gesamten politischen Geschehen, obwohl
die Reichswehr laut Weimarer Verfassung unpolitisch sein sollte.
Meine Mutter meinte aber auch, die Eiserne Front, die Gewerkschaften
und die SPD würden es nicht zulassen, daß die Nazis
mit ihrem Hitler wirklich die Macht in Deutschland in ihre Hände
bekommen. Die würden doch sicher jetzt zum Generalstreik
aufrufen, aber vielleicht auch die versteckten Waffen hervorholen,
was aber nicht gut wäre, weil es dann doch auch zu Schießereien
kommen könne, und die Gefahr eines Bürgerkriegs bestehen
würde, vor allem weil die Nazis nicht "klein" beigeben
und sie ihre neue Macht nicht kampflos wieder hergeben werden.
Meine Mutter schimpfte auf die verdammten Nazis mit dem dahergelaufenen
Österreicher an der Spitze. Diese Machtübernahme durch
die verdammten Nazis dürfe man aber nicht so ohne weiteres
hinnehmen, dagegen müsse man sich schon zur Wehr setzen,
aber möglichst ohne Blutvergießen. Meine Mutter war
ziemlich mutlos und ratlos, sie rutschte von einer Meinung zur
anderen und wußte nicht mehr ein und aus. Sie meinte dann,
daß doch vielleicht die Eiserne Front gemeinsam mit der
Reichswehr dagegen tätig werden könne, was aber sicher
sehr schwer sein würde, weil doch Hindenburg als Reichspräsident
Befehlshaber der Reichswehr ist.
Sie hatte keine Hoffnung, daß das alles in den nächsten
Tagen gut gehen würde, wobei ihre größte Sorge
war: Was geschieht in Vegesack, gibt es Krawall und wird unser
Lokal davon betroffen? Wie würde nun in später Nacht
ihr Mann, mein Vater, heil und ungeschoren von Vegesack nach Hause
kommen, wo man doch nun mit allem rechnen müsse, auch mit
Raub und Überfall. Und so sah sie mit großem Bangen
dieser ersten Nacht entgegen, in der aber dann mein Vater völlig
heil seinen Nachhauseweg hatte machen können. Es herrschte
Ruhe auf der Straße, trotz der tosenden Begeisterung von
Menschenmassen in Berlin, die wir dann am Wochenende in der Wochenschau
im Kino erlebten. Wir sahen auch den Opa Hindenburg mit Hitler
am Fenster stehend, die gemeinsam den Vorbeimarsch der uniformierten
Kolonnen der NSDAP, des Stahlhelms und anderer rechter Wehrverbände
abnahmen. Hindenburg strahlte förmlich beim Anblick dieser,
in so tadelloser militärischer Ordnung an ihm vorbeiziehenden
Einheiten, das war für ihn der langentbehrte Anblick eines
guten, deutschen Menschenmaterials! Nun konnte Deutschland wieder
groß werden, mit solchen Männern, die doch ein ganz
anderes Bild boten als die so unguten Demonstrationen der ungeordneten
Haufen aus dem linken Lager, die samt und sonders doch wirklich
nur vaterlandslose Gesellen waren. Bei dem Anblick dieser geordneten
rechten Organisationen muß das Herz des alten, preußischen
Feldmarschalls doch wieder ganz hoch geschlagen haben, aber wohl
nicht nur bei ihm. Die deutsch-preußischen Herzen von Millionen
Deutscher haben an dem Abend und in der Nacht höher geschlagen.
In Berlin marschierten nicht nur die militanten Kolonnen, es standen
auch zivile Menschenmassen auf den Straßen, die laut jubelten
und immer wieder das Deutschlandlied sangen und immer wieder diesen
beiden deutschen Männern zujubelten, die am Fenster stehend
die brausenden Ovationen entgegennahmen.
Das war kein befohlener Jubel, der wäre auch gar nicht möglich
gewesen, das war der Jubel einer echten Begeisterung, auch wenn
man die heute immer wieder abschwächen möchte, und so
tun, als seien damals nur wilde Horden tobend und tosend durch
die Straßen gezogen, aber denen hätte der Reichspräsident
sicher nicht huldvoll zugewinkt. Wenn es auf den Straßen
in unserem Umfeld relativ ruhig war, so lag das auch wohl daran,
daß der Rundfunk das große Spektakel in Berlin über
alle seine Sender übertrug. Die Menschen, die ein Radio hatten,
erlebten zum ersten Mal das, was Goebbels wie in einem Handstreich
möglich gemacht hatte. Wobei er aber auch genug willige Helfer
beim Rundfunk gehabt haben muß, denn so ganz ohne eine Hilfe
von rechtsgerichteten Angehörigen bei den Sendern wäre
das nicht möglich gewesen. Eine direkte Befehlsgewalt hatte
der Herr Goebbels in der Nacht noch nicht.
Die örtlichen Parteiorganisationen in Vegesack und Umgebung
saßen bei den Bekannten, die schon ein Radio hatten und
begeisterten sich an dem, was sie dort hören konnten. Nicht
nur die zu hörende Begeisterung war eine Sensation, sondern
auch die Übertragung selber in der noch jungen Geschichte
des deutschen Rundfunks, in der erstmalig eine solche veranstaltet
wurde für eine einzige Partei, die an diesem Tag den deutschen
Reichskanzler stellte, mehr war das doch nicht. Aber daraus wurde
unter der sehr geschickten Regie von Goebbels ein deutsches Ereignis,
das über den Äther nicht nur die Deutschen berühren
sollte, sondern auch die ganze Welt in die diese Übertragung
ausgestrahlt wurde, und über Kurzwelle auch in viele Länder
der Überseeregionen. Der Taumel in Berlin konnte von aller
Welt vernommen werden. Aber es geschah nichts gegen diesen nationalen
Ausbruch, diesen Taumel von nationalistischer Begeisterung, der
doch eigentlich bei vielen in anderen Ländern zumindest ein
starkes Bedenken hätte auslösen müssen, aber nichts
dergleichen geschah. Im Gegenteil, die neue Regierung wurde von
allen Staaten anerkannt und die Herren Botschafter und Gesandten
waren samt und sonders akkreditierte Diplomaten bei der Reichsregierung
in Berlin, mit Herrn Hitler als dem anerkannten Reichskanzler.
Die Unruhe meiner Mutter an dem Tag war verständlich, nicht
nur wegen der vielen herumschwirrenden Gerüchte in den vergangenen
Tagen des Monats Januar, auch wegen der ganzen, uns sehr bedrückenden
Atmosphäre im gesamten eigenen Umfeld. Die hatte auch ich
zu spüren bekommen bei dem täglich stärker werdenden
Ärger, den wir Rote Falken mit den "blöden"
Pimpfen vom Nazi-Jungvolk hatten. Aber es lag auch eine furchtbar
gereizte Stimmung über unsere Nachmittage im Heim. Die gesamte
Tendenz war lustlos geworden, und die war von den Großen
auf uns Kleine übergekommen. Nicht nur von den Großen
aus der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), sondern auch von
den Männern des Reichsbanners und der Eisernen Front, die
abends und nachts nun verstärkt Wache hielten in dem SAJ-Heim.
Es lag etwas in der Luft, was bedrückend wirkte, auch das
so hektische Treiben, das Kommen und Gehen im benachbarten Gewerkschaftshaus.
Es herrschte eine allgemeine Nervosität, bei der auch kaum
noch einer ansprechbar war. Fast ein jeder giftete den anderen
an, wenn er angesprochen wurde. Laß mich in Ruhe, war durchweg
die einzige Antwort auf gestellte Fragen. Dann hörten wir
aber, daß das alles mit den Nazis zusammenhängt, die
verstärkt auf Krawall auswaren. Da sei etwas im "Busch",
da braue sich was zusammen, was u. U. schlimme Folgen haben könne.
Es kam auch zu mehr schlimmen Zusammenstößen mit der
SA, die der Sturmbannführer Karl Lendroth nun fast jeden
Tag auf den Straßen marschieren ließ. Von der SS wurde
dabei kaum Kenntnis genommen, die existierte nur als eine Minderheit
und trat nicht so massiert in Erscheinung wie die SA. Zeit zum
marschieren hatten die SA-Männer zur Genüge: Von denen
war die Mehrheit genauso arbeitslos, wie ihre politischen Gegner.
Vor allem in der Umgebung des Gewerkschaftshauses trat die SA
besonders in Erscheinung und das merkten wir sehr deutlich in
unserem daneben befindlichen Heim. Aber auch die HJ mitsamt dem
Jungvolk war stärker auf der Straße vertreten als je
zuvor, wir kamen mit denen nun ständig in Kollision, wobei
wir aber die Schwächeren waren. Diese ganze spannungsgeladene
Lage übertrug sich auf uns Kinder. Wir waren voller Angst,
weil von den Großen immer wieder das Wort vom Bürgerkrieg
in Umlauf kam. Meine Mutter hatte also mit ihrer eigenen Angst
nicht ganz Unrecht.
Diese unangenehme Situation war aber auch ein Grund dafür,
daß ich auch an den weiteren Tagen mit mir selber so unzufrieden
war, daß ich nur noch trüben Gedanken anhing und keine
frohe Stimmung mehr aufkam. Als meine Mutter mit der schlimmen
Nachricht nach Hause kam und ihrem Zorn freien Lauf ließ,
war meine Stimmungslage auf einen Nullpunkt abgesackt. Dabei kam
aber auch eine ziemliche Angst in mir auf vor dem weiteren Geschehen
und ich dachte dabei nun ganz besonders an das, was ich in den
letzten Tagen im SAJ-Heim immer wieder gehört hatte. Auch
mein Vater war in einer sehr bedrückten Stimmung und er hatte
ebenfalls eine Angst vor dem, was nun kommen wird. Er war zwar
gefahrlos nach Hause gekommen in der Nacht, aber er meinte dennoch,
daß die kommenden Nächte doch wohl sehr unruhig werden
könnten. Auf jeden Fall würde er nicht ohne seinen Gummiknüppel
unterwegs sein, aber das beruhigte meine Mutter keineswegs.
Nach diesem Tag, veränderte sich fast schlagartig das gesamte
Leben in Deutschland. Auch wir Kinder in der Schule wurden davon
betroffen und wir konnten das Neue unmittelbar erleben schon bei
unseren Lehrern, die sich auch fast alle über Nacht verändert
hatten und die nun ihre Zugehörigkeit zum rechten Lager deutlich
und ganz offen darstellen konnten. Es gab zwar einige, die sehr
bedrückt wirkten, aber die anderen, und das war die Mehrheit
im Kollegium befanden sich in einer überschäumenden
Jubelstimmung. Ob sie nun Nazis, Deutschnationale oder Stahlhelmer
waren, sie alle redeten mit hochroten Köpfen über das
Geschehene und über die jetzt endlich beginnende Erneuerung
Deutschlands, den nationalen Wiederaufstieg. Es wurde auch darüber
geredet, daß es nun bald ein Ende haben wird mit dem unseligen
Schandvertrag von Versailles und daß Deutschland die geraubten
Gebiete wieder zurück bekommen wird. Dabei dachte der Rektor
an seine alte Heimat, an Westpreußen, aus dem die Polen
ihn und viele andere Deutsche vertrieben hatten. Dieser Teil des
Kollegiums trug nun auch offen die Abzeichen an den Reversen und
Blusen, an denen zu erkennen war, welchem Teil des rechten Lagers
sie zugehörten. Für uns war aber auch deutlich erkennbar,
wie z. B. Frl. Fahrenholz und Herr Torborg von den Rechten geschnitten
wurden, die sich abseits hielten und gar nicht froh aussahen.
Wir, die Kinder von roten Eltern, sollten in den kommenden Tagen
dann auch die besondere Fürsorge der nationalen Lehrkräfte
erfahren, besonders die Schüler in den zwei oberen Klassen,
die doch immer so renitent gewesen waren gegen diese "guten
Lehrkräfte". Dieser neue nationale Geist, der nun Einzug
gehalten habe, wurde uns nun sehr deutlich gemacht. Jetzt würde
man uns eine andere Gesinnung beibringen, jetzt würde Schluß
sein mit dem sozialistischen Gedankengut, jetzt würde eine
nationale Erziehung in den Schulen Einzug halten, jetzt nach der
Machtergreifung.
Nach der NS-Machtergreifung
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