Musterung zum Wehrdienst im Herbst 1939
Kriegsalltag 1939
Siegeseuphorie 1939 1939
Im Herbst 1939 war ich 18 Jahre alt und gehörte nun nicht
mehr zur HJ. Ich lebte noch als gutbehüteter Sohn in der
elterlichen Wohnung ohne besondere Sorgen, ohne Kummer und ohne
Probleme. Und ich fühlte mich auch wieder wohl in dem familiären
Milieu, wie auch in meinem beruflichen Umfeld. Dass sich das alles
sehr schnell und sehr gründlich ändern würde, es
dann nie wieder so sein würde, wie es jetzt noch war, und
ich niemals wieder Rat und Hilfe von meinen Eltern in Anspruch
nehmen könne, das alles kam mir (noch) nicht zu Bewusstsein.
Trotz Krieg und dem bevorstehenden Wehrdienst, machte ich mir
keine Sorgen und Gedanken über meine Zukunft. Ich schaute
noch reichlich optimistisch in die nächste Zeit. Auch meine
berufliche Tätigkeit war nicht mit irgendwelchen Problemen
belastet. Wenn ich mir beruflich überhaupt Gedanken machte,
dann gingen die nur in die Richtung, aus meinem erlernten Beruf
das Beste für mich zu machen, auch außerhalb von Bremen.
Es geschah dann im Herbst 1939, dass ich einen Bescheid vom Wehrbezirkskommando
Bremen erhielt und aufgefordert wurde, mich zur Musterung im WBK
einzufinden, in Bremen am Neustadtswall. Ich war darüber
verwundert, denn ich hatte mich doch zur SS gemeldet und nicht
zur Wehrmacht. Dies hatte ich wenige Wochen zuvor gemacht, unmittelbar
nach Kriegsbeginn. Natürlich hatte auch ich mich begeistert
an dem was unsere Soldaten so großartig vollbrachten, wie
tapfer sie kämpften, wie heldenhaft sie sich an der Front
bewährten und wie toll die Stukas mit ihren laut heulenden
Sturzflügen sich auf den Feind stürzten. In den Wochenschauen
war das alles zu sehen gewesen, auch die besiegten Polen die nun
in die Gefangenschaft marschieren mussten, anstatt nach Berlin.
Ich fuhr zum "3.Bataillon der SS- Standarte Germania"
in Hamburg- Langenhorn. In der Schreibstube wurde ich als der
neue Freiwillige registriert und damit hatte ich erreicht, was
ich wollte. So dachte ich und fühlte mich sehr wohl dabei
- ich armer Narr! Das geschah in der Zeit, als es schon danach
aussah, dass der Polenfeldzug bald zu Ende sein würde. Es
war dann am 27. September 1939, dass die polnische Kapitulation
gemeldet wurde, und damit war es dann auch aus mit dem Feldzug,
an dem ich doch noch hatte teilnehmen wollen. Ich war doch voller
Ungeduld nach Hamburg gefahren, um ganz schnell noch mit dabei
zu sein. So, wie auch die anderen Freiwilligen, mit denen ich
nun erst einmal auf der, von der Schreibstube uns zugewiesenen
"Stube" in trauter Gemeinschaft warten sollte auf das,
was nun mit uns geschehen würde. Wir waren bereit für
Führer, Volk und Vaterland zu kämpfen, jetzt und zu
allen Zeiten. Wir wollten mit dabei sein, um nun unser Vaterland,
unser Deutschland so zu festigen, dass es einen Ewigkeitswert
bekomme sollte. Dafür zu kämpfen waren wir voll und
ganz bereit, das mögliche Sterben wurde einfach ignoriert,
auch weil das doch nicht jeden treffen könne. Die Jugend
musste nicht in den Krieg hinein gezwungen werden, diese Jugend
war bereit in diesem Krieg tapfer zu kämpfen. Das war die
Wirklichkeit, auch wenn die heute angezweifelt oder als völlig
unverständlich angesehen wird. Dass die so genannten Grenzzwischenfälle
an der polnischen Grenze, von Deutschland inszenierte Zwischenfälle
waren, das war uns nicht bekannt, wir wussten nur von polnischen
Provokationen an der deutschen Grenze!
Doch die Untersuchung Tauglichkeit für den Dienst in der
Waffen-SS fiel für mich ungünstig aus. Zudem kam der
plötzliche Bescheid, dass alle Freiwilligen, die noch nicht
erfasst bzw. Neuankömmlinge waren, wie auch ich, wieder nach
Hause geschickt würden. Derzeit könne die Waffen-SS
keine Freiwilligen mehr aufnehmen, zumindest nicht in Hamburg,
weil es keine Möglichkeiten gäbe, sie alle aufzunehmen,
unterzubringen und auszubilden. Das war eine Folge des siegreichen
Feldzuges in Polen. Die dort eingesetzten Einheiten der Waffen-SS
hatten, die in Polen lebenden jungen Volksdeutschen, ganz einfach
und ganz schnell für sich als "Freiwillige" vereinnahmt,
sie unter "sanftem Druck" zu Männern der Waffen-SS
gemacht. Diese zwangsweise rekrutierten "Freiwilligen",
die aber dennoch alle sehr stolz darauf waren, dass die SS sich
ihrer annahm, wurden umgehend in die jeweiligen Heimatgarnisonen
verfrachtet, um sie dort zu langdienenden Soldaten der Waffen-SS
zu machen. Möglichst mit einer Dienstzeitverpflichtung von
12 Jahren.
Es machten sich etliche der Kameraden ziemlich laute Gedanken
darüber, warum diese doch nicht so "astrein nordischen
Volksdeutschen", die doch bisher Polacken gewesen seien,
nun ausgerechnet in der Waffen-SS "dienen" durften,
des Führers eigene und so stolze Truppe. Das war von den
meisten nicht zu verstehen, konnte nicht begriffen werden. Wir,
die Freiwilligen aus dem Reich, wir hatten uns doch als echte
Deutsche zu der Elite des Führers, zur Waffen-SS gemeldet
und jetzt mussten wir wieder zurück und Platz machen für
diese "neuen Volksgenossen", von denen die meisten wohl
nicht einmal richtig deutsch sprechen, geschweige denn schreiben
konnten. Das konnte kaum verstanden werden.
Auch ich gehörte nun zu denen, die ohne "Tätowierung"
der Blutgruppe unter den Achseln, dem Erkennungszeichen der Männer
der Waffen-SS, sich nun den Freifahrtschein für "nach
Hause" von der Schreibstube abholen mussten. Und nun saß
ich bei der Musterung im WBK und wurde darüber informiert,
dass die SS mich gar nicht hätte einberufen dürfen.
Sie hatte eigenmächtig gehandelt, sie hatte das WBK hintergangen!
Zuerst hätte ich vom Wehrbezirkskommando erfasst werden müssen,
wie es sich gehörte im Staate! Es war doch keine Wehrstammrolle
angelegt worden. Ich war direkt illegal bei der Waffen-SS in Hamburg
gelandet. Dass ich aber dann nicht angenommen wurde, das war,
von der auch bei der SS funktionierenden Bürokratie ordnungsgemäß
dem WBK in Bremen mitgeteilt worden. Nun war ich beim WBK registriert
als Kriegsfreiwilliger, der jetzt, dem Gesetz entsprechend als
solcher gemustert wurde. Jetzt verfügte die Wehrmacht über
mich, sie vereinnahmte mich als "ihren" Kriegsfreiwilligen
für den Dienst in der Wehrmacht. Meine Meldung als Kriegsfreiwilliger
blieb bestehen, sie wurde nun nur umgemünzt auf den normalen
Barras.
Die Waffen-SS war abgeschrieben, das WBK fühlte sich nicht
befugt, für diese "andere" Truppe zuständig
zu sein und ich wurde auch dieserhalb nicht befragt. So kam ich
nun vor die Herren der Musterungskommission, wurde gründlich
untersucht, und für tauglich erklärt, aber nicht für
die Infanterie, weil man bei mir Krampfadern feststellte, mit
denen ein Infanterist nicht gut marschieren konnte, so sagte der
Herr Oberstabsarzt der Kommission. Weil ich aber doch ein Freiwilliger
war, durfte ich mir die Waffengattung bzw. Truppenart selber aussuchen.
Solche Wünsche konnte ein Freiwilliger äußern,
die wurden auch akzeptiert. Damals war man noch sehr großzügig,
was mir sogar imponierte. Da fand ich doch eine Anerkennung für
meine Freiwilligkeit, und die tat mir gut. Die Kommission stellte
mir von sich aus, die Frage ob ich nicht zur Nachrichtentruppe
möchte, denn das entspräche doch eigentlich auch meiner
beruflichen Ausbildung. Das fand ich auch und ich stimmte zu.
Ich wurde nun amtlich ein Freiwilliger für die Nachrichtentruppe
im Heer.
Bei der Musterung war mir dann verständlich geworden, was
man in Hamburg bei der ersten Untersuchung mit angeblich fehlenden
Papieren gemeint hatte. Das konnte sich nur darauf beziehen, dass
ich nichts weiteres vorzuweisen hatte, als den Einberufungsbefehl.
Jetzt aber war der militärische Bürokratismus in Ordnung.
Ich war nun als Kriegsfreiwilliger gemustert und das war dann
auch in meinem Soldbuch zu erkennen, das ich beim Militär
erhielt. Mein Status als Freiwilliger war darin vermerkt mit dem
Kürzel "Fr " vor der Wehrstammnummer.
Ich wurde noch darüber informiert, dass ich vor der Einberufung
zur Wehrmacht noch zum Reichsarbeitsdienst müsse, um dort
einer verkürzten Dienstzeit Folge zu leisten, wie das für
Freiwillige vorgeschrieben sei. Solches hätte die SS auch
wissen müssen! Bei dem Verein hatte man sich wirklich sehr
stümperhaft verhalten, da hatte nur an das "Einkassieren"
von Freiwilligen gedacht, so wie es dann mit den "Beutegermanen"
geschah.
Reichsarbeitsdienst 1940
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